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Sitzt eine Zahnbürste an der Bar

Leute. Robert Mudrack aus Krauschwitz macht Kunst aus Dingen, die er findet oder auch geschenkt bekommt.

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Von Katrin Schröder

Sitzen drei alte Zahnbürsten in Behältern aus eisernen Lockenwicklern und Haarklammern, ein Platz in der Mitte ist frei – „wie an der Bar“, sagt Robert Mudrack. „Neuanfang“ heißt die kleine Skulptur, die Zahnbürsten zu Nachtschwärmern und Abfall zu Kunst erhebt. Das hat bei dem 27-Jährigen Methode: Seine Kunst lebt von dem, was andere wegwerfen – von der Mausefalle bis zum Ofenrohr, von der Haarklammer bis zum Türschloss lässt sich alles verwerten und verwandeln.

Das Prinzip: Alltägliche Gegenstände werden umfunktioniert, ihre alte Geschichte wird mit neuen verwoben. „Die Leute haben mir tütenweise altes Zeug gebracht, weil sie wussten, dass ich alles sammele“, erzählt Robert Mudrack. Kunst macht er seit 1999, doch seit November hat er sein Hobby zum Beruf gemacht, mit eigenem Atelier in Krauschwitz. Wo früher Gemüse verkauft wurde, recken Skulpturen ihre hölzernen und eisernen Arme, lehnen abstrakte Gemälde an den Wänden, hockt ein halbes Klavier auf einem gusseisernen Ofensockel.

Autodidakt aus Überzeugung

Sein Handwerk hat sich Robert Mudrack selbst beigebracht: „Mir gefällt das Wort Autodidakt.“ Ja, gedacht hat er an ein Kunststudium, stand sogar schon vor der Bauhaus-Uni in Weimar. Doch in dem, was die Studenten schufen, sah er zu deutlich die Handschrift des Professors, dem sie gefallen wollten.

Joseph Beuys und sein Credo, dass alles Kunst und jeder ein Künstler sei, das liegt ihm nah. Und dass Kunst und Leben eine Einheit sind, hat er selbst erfahren: „Meine ganze Wohnung war ein Atelier“, erinnert er sich. Sein schickes Ledersofa und alle anderen Möbel hat er verschenkt, um mehr Platz zum Malen zu haben. Freimütig bekennt er, dass der Schritt in die Selbstständigkeit auch ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit ist – verbunden aber mit Aufbruchstimmung und der Hoffnung, jetzt umsetzen zu können, was ihm schon lange im Kopf herumgeht.

Zum Beispiel sorgt er für die Kunst am Bau bei der Umgestaltung des Platzes vor dem Blauen Engel in Weißwasser. Aus Glas und Beton soll dort eine Installation entstehen, die auch als Windschutz, Sitzbank und Blumenkübel dient. Mit dem Material Glas nimmt er Bezug auf die Skulptur am Fuß des Boulevard, die Form seines Entwurfs ist dem alten Pavillon nachempfunden, der dem Umbau zum Opfer fällt – Erinnerung und Echo sowie ein trotziges Bekenntnis: „Auch ein Würfel kann schön sein.“ Ebenso scheint ein anderer Traum greifbar: Eine alte Tankstelle möchte er kaufen und sie zum Atelier und Künstlerhaus umfunktionieren.

Um neue Ideen ist der 27-Jährige nicht verlegen. Auch verwirklicht hat er schon einige: Für seine Wohnung im Weißwasseraner „Blockbuster“-Aktionshaus baute er Sessel aus alten Heizkörpern, dachte sich die Kunstaktion „Zehn Prozent Rabatz“ im Busbahnhof Weißwasser aus, zeigte in der Görlitzer Galerie Entschleunigung und in der Galerie Nuna in Zary in Polen Eindrücke aus dem sterbenden Dorf Horno am Rande des Braunkohletagebaus. „Das schwarze Gold und die Ostereier“ hieß die Ausstellung, die ein Jahr in Horno widerspiegelte. Mudrack reiste in das Dorf, suchte Fundstücke, nahm die Umgebung mit allen Sinnen wahr. Das quietschende Geräusch des Baggers wurde Teil einer Symphonie, er schrieb Gedichte und baute Skulpturen, sammelte Berichte über den Kampf gegen die Abbaggerung. Der gefährliche Bagger, der das unbedeutende Dorf langsam auffrisst, machte tiefen Eindruck auf ihn.

Versteigerung für Workshop

Nun will er einen Teil der Ausstellung für ein neues Projekt versteigern. In den kommenden sechs Wochen wird er sechs Bilder, die einen Spaziergang von Bad Muskau an die Tagebaukante zeigen, versteigern (siehe Kasten). Den Erlös möchte er in einen Workshop investieren, für den sich Neuntklässler aus Weißwasser und Umgebung bewerben können.

Der Wettbewerb dreht sich um das Thema „Leben in der Lausitz“. Erfahrung mit der Betreuung junger Maler hat er an der Gebrüder-Grimm-Schule in Weißwasser gesammelt, wo er mit lernbehinderten Schülern Ansichten ihrer Heimat einfing: „Das war ein schöner Ausgleich“, sagt er.

Dass er im Zweifel auch Eisbrecher spielen kann, bewies Mudrack mit der Aktion „Etwas bewegen“. Mitten in Weißwasser sollten Passanten einen Eisblock über den Bürgersteig ziehen. Das Eis brach schneller, als ihm lieb war: Der kühle Klotz zerfiel in tausend Stücke – „nicht richtig durchgefroren“, lautet Robert Mudracks Diagnose.