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Dresden

So klingt der Klimawandel

Eine Dresdner Forscherin macht in Ecuador ganz besondere Tonaufnahmen – und hört einem Gletscher ganz genau zu.

Eine Expedition im Zeichen des Klimawandels führt eine Dresdner Forscherin auf die Gletscher Ecuadors.
Eine Expedition im Zeichen des Klimawandels führt eine Dresdner Forscherin auf die Gletscher Ecuadors. © Christian Hof/Junge Akademie

Das Scheitern scheint besiegelt. Die Schuhe sind viel zu dünn. Geschmolzener Schnee durchweicht sie, die Füße darin sind taub. Wind und Eis zerren an der Kleidung. In den Haaren und Bärten der Männer setzen sich Eiskristalle fest. Es ist ein Tag im Juni 1802. Der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt und seine drei Begleiter wollen es auf den Gipfel des 6263 Meter hohen Chimborazo in Ecuador schaffen. Der gilt Anfang des 19. Jahrhunderts als höchster Berg der Welt. Auch wenn sie weiter steigen als je ein Mensch vor ihnen – in 5.500 Metern Höhe geben sie auf. März 2020: Die Dresdner Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann begibt sich mit einer Forschungsgruppe am Chimborazo auf die Spuren Humboldts. Ihr Ziel ist jedoch nicht der Gipfel. Die Expedition will den Klimawandel sichtbar machen, messbar machen – und hörbar.

Die Sache mit den Mikrofonen war kompliziert. Gleich mehrere davon reisten schließlich mit nach Südamerika, außerdem drei Aufnahmegeräte, Kabel, Kopfhörer, Laptop und sehr viele Batterien und Akkus. „Am Ende hatte ich einen vollgepackten 60-Liter-Rucksack dabei“, sagt Miriam Akkermann. Wie der platzsparend zu befüllen und zu tragen ist, hatte sie noch zu Hause mehrfach ausprobiert. Die promovierte Wissenschaftlerin hat die Juniorprofessur für Empirische Musikwissenschaft an der TU Dresden inne. Seit einiger Zeit ist sie außerdem Mitglied der im Jahr 2000 in Berlin gegründeten Jungen Akademie. Eine Forschungsplattform für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen. Die 50 Mitglieder werden für jeweils fünf Jahre gewählt. 2019 entstand in diesem Kreis die Idee für eine besondere Expedition – die Expedition Anthropozän.

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Der Begriff altgriechischen Ursprungs bezeichnet ein neues geologisches Zeitalter. Eines, das seit der Industriellen Revolution vor 200 Jahren vor allem der Mensch bestimmt. Die Idee der Reise nach Ecuador: Die Veränderungen durch den Menschen erforschen, den fortschreitenden Klimawandel und die Auswirkungen – nicht nur auf die Menschheit, sondern auch auf die Artenvielfalt oder die Gletscher in Ecuador. Forscher verschiedenster Fachgebiete fliegen deshalb Ende Februar gemeinsam nach Südamerika. Eine Physikerin, ein Mediziner, ein Chemiker, ein Biologe, ein Informatiker – und die Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann. Sie fokussiert sich bei der Expedition vor allem auf eines, die Klangökologie. Die Disziplin erforscht Klänge in unterschiedlichen Lebensräumen. „Es geht dabei um die Wechselwirkung des Klangs mit anderen Elementen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Wie klingt also der Klimawandel? Welche Geräusche hinterlässt der Mensch selbst auf hohen Bergen? Wie hört sich ein Gletscher an?

Die TU-Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann war Teil einer besonderen Forschungsreise zu den Gletschern Ecuadors. Dort machte sie ganz spezielle Tonaufnahmen.
Die TU-Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann war Teil einer besonderen Forschungsreise zu den Gletschern Ecuadors. Dort machte sie ganz spezielle Tonaufnahmen. © Jaime Vegas/Junge Akademie

Am 23. Februar landet die Forschungsgruppe in Ecuador. Alexander von Humboldt sind die Expeditionsteilnehmer von Anfang an sehr nah. Nicht nur, weil sie sich an seiner Reiseroute von 1802 orientieren. Im Gepäck hat Mediziner Martin-Immanuel Bittner die Biografie Humboldts, in der die Wissenschaftler immer wieder lesen. Auf dem Pichincha, dem Hausberg der Hauptstadt Quito, war der Deutsche damals auch. Die Gruppe nutzt eine Wanderung hinauf für die Akklimatisierung. Schließlich liegt schon Quito auf 2850 Metern Höhe – die Zugspitze ist nur knappe 100 Meter höher. Nur wenige Tage später wird es ernst. Gut 55 Kilometer östlich von Quito ragt der Antisana in den Himmel. Auf dessen Gipfel wartet der erste Gletscher auf seine Ton-Premiere.

Es tropft. Vorsichtig lässt Miriam Akkermann das Mikrofon hinab in die Gletscherspalte. Der Aufstieg bis hierhin war anstrengend, doch jetzt muss jede Minute für die Aufnahmen genutzt werden. Bevor es dunkel wird oder das Wetter nicht mehr mitspielt. „Es klingt ein bisschen wie eine Tropfsteinhöhle, aber eine, in der alles aus Eis ist“, beschreibt die Dresdnerin ihre ersten Aufnahmen. Das Rauschen des Gletschers, es ist auch Sinnbild für das langsame Weichen des Eises durch die Schmelze. Ein paar Tage später hat sie die Gelegenheit, an einem Gletschersee Aufnahmen zu machen. Das Mikrofon lauscht Klängen, ähnlich dem Plätschern eines Bachs.

Nicht nur auf ihre eigenen Versuche konzentriert sich Miriam Akkermann während der Reise. Die anderen in ihrer Gruppe unterstützt sie bei deren Forschungen. „Das war interessant und hat mir vollkommen neue Einblicke ermöglicht.“ Sie entnehmen Bohrkerne aus dem Gletschereis, um zu klären, ob dort bereits Partikel von Mikroplastik zu finden sind. Sie fotografieren die Tier- und Pflanzenwelt, zählen nachts Schmetterlinge oder führen Interviews mit Einheimischen. „Wir merkten schnell, dass das Thema Anthropozän nur interdisziplinär betrachtet werden kann.“ Der Einfluss des Menschen kennt keine Fächergrenzen.

Aber auch die Tier- und Pflanzenwelt erforschte sie mit ihren Mitreisenden
Aber auch die Tier- und Pflanzenwelt erforschte sie mit ihren Mitreisenden © Jaime Vegas/Junge Akademie

Auf dem Chimborazo erleben sie den Klimawandel hautnah. Seit 2015 hat sich der dortige Stübel-Gletscher mehr als 100 Meter zurückgezogen. Ihr Bergführer Jaime Vargas ist überrascht. Vor fünf Jahren war er zum letzten Mal an dieser Stelle, das Eis lag damals noch direkt vor ihm. Mit hochaufgelösten Fotos dokumentieren die Wissenschaftler die Veränderungen. Auf den Aufnahmen werden später die Strukturen des Gletschers gut zu erkennen sein. Durch Geröllberge und lose Steine erweisen sich die Bedingungen für einen weiteren Aufstieg allerdings als kompliziert. Eigentlich sollen noch Eisproben gesammelt werden. Vargas trotzt dem Gelände. Mit Eispickel und leichtem Gepäck holt er eine Probe von der Oberfläche des Gletschers.

Anfang März landet die Gruppe wieder in Deutschland. Nun steht die Auswertung der Daten an. 2021 ist eine Publikation geplant. „Wir wollen aber noch in diesem Jahr Zwischenergebnisse präsentieren“, sagt Miriam Akkermann. Was sie schon jetzt sagen kann: Egal, wo sie Aufnahmen machte, der Mensch war immer ein Teil davon. „Da waren natürlich die Geräusche meiner Mitreisenden. Oft musste ich mich sehr weit entfernen, um sie nicht mehr zu hören.“ Aber selbst wenn es scheinbar ruhig war in den Höhenlagen, drang die Zivilisation zu ihnen durch. „Einmal haben wir sogar fernab bewohnter Orte Fetzen von Motorengeräuschen wahrgenommen.“ Der Mensch hinterlässt seine Spuren – auch auf den Gletschern der Welt.

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