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So wurde Ururoma Martha 100 Jahre alt

Martha Richter ist trotz ihres Alters im Herzen jung geblieben. Wie hat sie das nur geschafft?

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Jörg Richter

Ponickau. Das wünscht sich wohl jeder: Alt werden und dabei möglichst selbstständig leben, um niemandem zur Last zu fallen. Martha Richter aus Ponickau kann das mit Fug und Recht von sich behaupten. Sie sitzt entspannt im Sessel in ihrer eigenen Wohnstube und liest Sächsische Zeitung. Das macht sie jeden Tag nach dem Frühstück. Außer vielleicht am Donnerstag. Da haben sich viele Verwandte und Freunde angesagt. Denn Martha Richter feiert einen seltenen Geburtstag. Sie wird 100 Jahre!

Martha Richter als 16-jähriges Mädchen mit ihrer Geige.
Martha Richter als 16-jähriges Mädchen mit ihrer Geige. © privat

Danach gefragt, wie sie das geschafft hat, verweist sie auf ihre Familie. „Meine Geschwister sind alle über 90 geworden“, sagt sie. Zuletzt ihre Schwester Emma. Sie war 17 Jahre älter als sie und starb mit 99 Jahren.

Martha Richter war der Nachzügler der kinderreichen Familie Kindermann aus Markersdorf, dem heutigen Markwardice in Tschechien. Dass sie mit dem Fernsehmoderator René Kindermann verwandt ist, hält sie für nicht ausgeschlossen. „So häufig ist der Name Kindermann ja nicht“, sagt sie lächelnd und verrät ihre Tipps, wie man alt werden kann:

Tipp 1: eine Familie, die zusammenhält

Familie, Familie, Familie! Diese Bedingung setzt sie ganz klar auf Platz eins ihrer Tipps. Denn ganz ohne die Unterstützung ihrer drei Töchter funktioniert der Alltag dann doch nicht. Vor allem ihre jüngste Tochter Karin Menzel (71), die mit ihrer Familie in der Nachbarschaft wohnt, kümmert sich täglich um sie. „Ich werde gut gepflegt von meiner Tochter Karin, sonst wäre ich nicht so wohlauf“, sagt Martha Richter. Schwiegersohn Werner holt sie bei schlechtem Wetter mit dem Auto zum Mittagessen ab. Wenn die Tochter mit ihrem Mann verreist ist, springt Enkel Tino mit seiner Familie ein und versorgt die Greisin. Sie ist stolz auf ihre sieben Enkel, zwölf Urenkel und drei Ururenkel. Das jüngste Familienmitglied heißt Clara und ist erst zwei Jahre.

Tipp 2: täglich in Bewegung

So alt wie Johannes alt, wie Johannes Heesters – der einstige Filmstar starb – der einstige Filmstar starb mit 108 Jahren – will Martha Richter nicht unbedingt werden. Aber sie hat auch nicht vor, sich nach ihrem 100. Geburtstag gehenzulassen. „Warum? Mir tut ja nichts weh“, sagt sie. Für eine Hundertjährige ist sie noch immer gut zu Fuß. Bei gutem Wetter läuft sie mit ihrem Rollator zum Mittagessen zu ihrer Tochter Karin und ist gern an der frischen Luft. Wenn es draußen regnet, dann wird das Wohnzimmer zur Trainingsstrecke. 20 Runden um den Tisch. Das hält fit.

Tipp 3: Kreuzworträtsel

Das Gedächtnis lässt im Alter nach. Deshalb löst sie jeden Tag mit der Lupe das Kreuzworträtsel in der Sächsischen Zeitung. Sie macht das, um ihr Gehirn zu trainieren und natürlich auch, weil es ihr Spaß macht. „Ich weiß nicht mehr alles“, erzählt sie. „Oft vergesse ich ein Wort, aber am nächsten Tag fällt es mir wieder ein.“

Das Schreiben erinnert sie auch irgendwie an ihre 20-jährige Arbeit als Wirtschaftsleiterin im Lehrlingswohnheim des ehemaligen Braunkohle-Kombinats in Lauchhammer. Später arbeitete sie in der Lohnbuchhaltung der Eisenhütte im benachbarten Ortrand.

Tipp 4: Lebensfreude durch Musik

„Ich stamme aus einer Musikerfamilie“, erzählt Martha Richter. In ihrem Heimatdorf Markersdorf spielte ihr Großvater jeden Sonntag im Gottesdienst die Orgel. „Meine Schwester sang Sopran, mein Bruder Tenor, mein Vater Bass und ich Alt. Wir haben die ganze Kirche besungen“, erzählt sie. Ihr Bruder Fritz spielte zudem in einer Swingkapelle, was unter der Nazi-Herrschaft als Amerikanisch und Undeutsch verpönt war. Sie selbst lernte zuerst Zitter spielen. „Das hat mir nicht gefallen“, sagt Martha Richter. „Da habe ich mit Geige angefangen.“ Nach 1945 spielte sie selbst Tanzmusik und fand es schön, den Leuten eine Freude zu bereiten. „Und sie tanzten wie die Wilden, denn jeder war froh, den Krieg überlebt zu haben“, erzählt sie. Diese Lebensfreude hat sie sich bis heute bewahrt. „Leider hat nicht einer aus unserer Familie ihr musikalisches Talent geerbt“, sagt Karin Menzel bedauernd.

Tipp 5: ein Gläschen in Ehren

Ein Geheimtipp steht noch aus. Einer, den Mediziner nicht gern hören. „Jeden Abend vorm Schlafengehen trinke ich einen Korn“, sagt die rüstige Jubilarin. Auch bei der Ernährung macht sie keine Abstriche. Martha Richter bevorzugt ganz normale Hausmannskost. „Sie isst, was ihr schmeckt“, sagt Karin Menzel. Das fängt schon am Morgen an. Zwei Tassen Kaffee und zwei warm gemachte Brötchen gehören zum Frühstück. „Und den Kaffee kocht sie noch immer selbst“, sagt die Tochter.