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Sollten Kinder mit Waffen spielen?

Zwei Erziehungsexpertinnen vom Kinderschutzbund über Gewalt im Spiel und wie Kinder mit dem echten Tod umgehen.

© Egbert Kamprath

Das Thema Waffen beschäftigt viele Eltern und Erzieher: Wie geht man am besten damit um, wenn Kinder anfangen, sich dafür zu interessieren? Fördern? Verbieten? Bedingt zulassen? Die SZ hat sich mit zwei Sozialpädagoginnen unterhalten, die sich bestens damit auskennen: Barbara Stanja ist die Chefin des Deutschen Kinderschutzbundes im Landkreis, Josefine Schuhmacher beschäftigt sich besonders mit den Bedürfnissen jüngerer Kinder.

Frau Stanja, Frau Schuhmacher, in Kitas wird um den richtigen Umgang mit Spielzeug-Waffen gerungen. Das Thema beschäftigt Eltern, Erzieher – die Kinder sowieso. Zu welchem Umgang mit Waffen in Kitas und zu Hause raten Sie?

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Josefine Schuhmacher: Kinder spielen aus verschiedenen Gründen mit Waffen. Sie tun es um des Spielens willen. Im Spiel probieren sie Verhaltensweisen aus. Darüber und über Erziehung allgemein denke ich, dass es nicht richtig ist, den Kindern einfach etwas zu verbieten. Es ist vielmehr wichtig, hinzugucken und mit den Kindern darüber zu sprechen, was genau sie fasziniert. Eltern sollten akzeptieren: Es ist ein Spiel, eine kindliche Lebenswelt. In den Kitas sollten die Erzieher sich kritisch selbst fragen: Warum ärgert mich das eigentlich?

Warum sind Waffen bereits für Kindergartenkinder so faszinierend?

Schuhmacher: Star Wars ist ein großes Thema, die dunkle Macht, die Lichtschwerter. Wir wissen, dass Lego diese Science-Fiction-Filme als Spielzeug für Kleine stark vermarktet. Waffen stehen für Aggression und symbolisieren Macht. Mädchen spielen das auch, sie werden aber auch heute noch eher von anderen Inhalten geprägt.

Allen Gendertheorien zum Trotz fällt auf, dass Waffen Jungs mehr zu faszinieren scheinen als Mädchen.

Schuhmacher: Mein Eindruck ist, dass Mädchen noch ein kollektives Erbe mit sich herumtragen. Sie sollen eher die Braven sein, sich eher rosarot als blau kleiden, auch wenn sich das an vielen Stellen ändert.
Barbara Stanja: Das finde ich gar nicht schlecht. Man kann so viel gendern, wie man will: Wenn das Kind sich dafür interessiert, ist das okay. Jungs können auch mal Kleider tragen. Damit schulen wir Toleranz. Dass das Gegenüber damit klarkommt, ist viel wichtiger. Wir alle, auch die Kinder, werden stark von Werbung geprägt. Welche Waffe gerade Mode ist, entscheidet Playmobil oder Lego. Bei Star Wars ist es das Lichtschwert, bei Wilden Western die Pistole oder der Tomahawk.

Das ist nicht entscheidend?

Stanja: Nein. Kinder sind nicht verkopft. Die tauchen in ihre Fantasiewelt ab. Darin beziehen sie Positionen, im Spiel verarbeiten sie Eindrücke, die sie anderswo gewonnen haben. Den Erziehern kann man nur raten: Lasst die Kinder einfach mal spielen. Jedes Mal, wenn man sich einmischt, greift man auch in das Spiel der Kinder ein.

Ist es für Sie kein Unterschied, ob Kinder Sandburgen bauen, puzzeln oder mit Waffen Krieg spielen?

Stanja: Diesen Unterschied machen die Erwachsenen. Wir denken an Krieg und Gewalt. In den Nachrichten sind wir täglich davon umgeben. Kinder kennen das nicht.

Sie sagen, Kinder wissen nicht, wofür Waffen da sind?

Schuhmacher: Doch, sie wollen Macht ausüben. Mit Waffen sind sie so stark, dass sie auch mal Chef sein können.
Stanja: Sie wollen aber ihren Freund nicht wirklich abballern. Wenn sie sagen „Ich schieße dich tot“, ist das nur ein Code im Spiel, der dazugehört, ohne, dass ihnen die Tragweite klar ist. Der Kumpel soll nach dem Mittagsschlaf wieder aufstehen.
Schuhmacher: Kinder erarbeiten sich durch Spiele ihren eigenen Wertekodex. Kinder und Erwachsene ticken unterschiedlich. Kinder brauchen Regeln und ein klares Wertegefüge. Dafür ist das Elternhaus wichtig. Eltern sollen dieses Gefüge altersgerecht anregen und erweitern.

Spielzeug-Waffen bilden die Realität ab. Wenn sie für Kinder Instrumente sind, um Machtgefüge nachzuspielen, wissen sie schon um die Kraft von Waffen.

Stanja: Aber die Kinder wissen doch nicht, was reale Waffen anrichten können. Sie wollen den Tod nicht.

Andererseits wissen auch kleine Kinder, was Tod bedeutet, und entwickeln ihre eigene Vorstellung davon, was mit verstorbenen Verwandten passiert.

Stanja: Ja, wenn man sie lässt. Man sollte nie sagen, die Toten schlafen nur. Die schlafen nicht, die sind tot. Das sollte man nicht verharmlosen. Kinder können damit umgehen, denn sie haben einen Schutz, dass sie die Tragik und den Verlust nicht nachvollziehen können.
Schuhmacher: Im Spiel ist der Tod ein anderer. „Ich schieße dich tot“ heißt: Du bist jetzt im Spiel tot. Und wenn das Spiel zu Ende ist, gehen wir zum Mittagessen.

Wo sollte man im Spiel einhaken? Es gibt Eltern, für die sind Kämpfe mit Holzstöcken okay, für andere das Holzschwert, für wieder andere die Plastikpistolen bei Playmobil oder Lego. Der nächste kommt mit einem Lichtschwert von Star Wars zum Fasching.

Stanja: Das ist doch erst mal alles Plastik, oder? Ich würde das nicht überbewerten. Wenn Kinder sich mit Holzstöcken verletzen, müssen Erwachsene natürlich einschreiten. Schmerzen sind kein Spiel mehr.
Schuhmacher: Alles ist immer eingebettet in das Elternhaus, in den Freundeskreis. Das Allerwichtigste ist eine gesunde Beziehung der Kinder zu ihren Eltern.

Wie schafft man eine gute Beziehung zu seinen Kindern?

Schuhmacher: Indem man eher weniger verbietet und mehr darüber spricht, warum das Kind ein Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders beschäftigt. Da geht es viel um Gruppendynamiken.
Stanja: Man sollte bei sich sein. Das kann auch heißen, mal etwas zu verbieten oder sich als Eltern von bestimmten Spielen zu distanzieren. Kindern kann man durchaus sagen: Was dich gerade fasziniert, ist nicht meins. Und in der Realität richten Waffen schlimme Dinge an. Doch um diesen ehrlichen Meinungsaustausch hinzukriegen, muss ich mich zuerst mit den Themen der Kinder ernsthaft auseinandersetzen. Respekt vor und Vertrauen zu den Kindern sind zwei wichtige Säulen guter Erziehung.

Sollte man den Kindern sagen: Zielt nicht auf Menschen?

Stanja: Für meine Begriffe mischen Sie sich dann schon zu sehr in das Spiel ein.
Schuhmacher: Im Spiel würde ich es nicht verbieten. Aber dann, wenn auf nicht beteiligte Kinder oder Erwachsene gezielt wird.

Ist das Waffeninteresse nur eine Phase?

Schuhmacher: Ja, meistens nimmt das Interesse im Alter von zehn Jahren ab. Wenn sich beispielsweise der Stockkampf bei einem Kind verfestigt, kann man das in einen Sport überleiten. Ein Verein kann das Interesse auffangen und so in etwas Positives umwandeln.

Was sagen Sie zu Gewalt in Computerspielen?

Stanja: Es ist Wahnsinn, was technisch möglich ist. Auch dabei sollten Eltern im Kontakt mit ihren Kindern bleiben.

Sie raten, mit dem Kind mitzuspielen?

Stanja: Wenn Sie so ein Spiel kaufen, sollten Sie es mit Ihrem Kind entdecken. Vielleicht haben auch Sie dann den Impuls und merken: Das fetzt.

Sind Sie dafür, die Empfehlungen zur Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) bei Filmen und Videospielen einzuhalten?

Stanja: Unbedingt. FSK 0 heißt übrigens nicht, ein vierjähriges Kind kann einen 90-minütigen Disneyfilm gucken. Das kann die Informationen, die schnellen Schnitte, die Konflikte noch gar nicht verarbeiten.

Das Gespräch führte Franz Werfel.