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SPD-Querelen führen zu Vertrauensschwund

Umfrage. Noch immer bevorzugt die Mehrheit der Deutschen offenbar die große Koalition.

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Von Uwe Peter

Der Trend hält an. Wären am Sonntag Bundestagswahlen, würde sich laut Deutschlandtrend, den Infratest dimap monatlich für ARD und SZ erstellt, nur wenig ändern. Die Union könnte zwar einen Prozentpunkt zulegen, die SPD zwei verlieren – aber für andere Konstellationen als eine große Koalition würde der Wählerwille nach wie vor nicht ausreichen. Schwarz-Gelb hätte, bei einem Zugewinn der FDP von einem Prozentpunkt, keine Mehrheit.

Überzogene Reaktion

Die Verluste der SPD erklären sich wohl am ehesten aus den aktuellen Querelen in der Führungsriege der Sozialdemokraten. Selbst die schnelle Entscheidung für Matthias Platzeck als künftigen Parteichef hat da nicht viel geholfen. Immerhin hielten 58 Prozent der Befragten Franz Münteferings Rücktritt vom Amt des SPD-Vorsitzenden für eine überzogene Reaktion, nur für knapp ein Drittel war es eine durchaus nachvollziehbare Konsequenz. Dass „Münte“ trotz seines Rückzugs nach wie vor Arbeitsminister und Vizekanzler werden will, halten aber immerhin 51 Prozent für vernünftig, 41 Prozent finden hingegen, er hätte darauf verzichten sollen. Doch so weit reicht politische Konsequenz wohl nur selten.

Deutlich schlechter als Müntefering kommt der zweite „Verzichtler“ der letzen Woche beim Wahlvolk an – und kriegt dementsprechend sein Umfrage-Fett weg: CSU-Chef Edmund Stoiber bläst ob seiner Absage an ein Ministeramt in Berlin nicht nur der bajuwarische Gegenwind aus den eigenen Reihen ins Gesicht – auch der potenzielle Wähler straft den CSU-Guru ab: Nicht nur, dass 73 Prozent seine Entscheidung, nun doch lieber in München den Chef als in Berlin die dritte Geige spielen zu wollen, überzogen finden.

Stoiber verliert an Ansehen

Schlimmer noch: 84 Prozent der Befragten glauben, dass Stoiber damit an politischem Gewicht verloren hat und – vielleicht noch schlimmer – glatte 82 Prozent attestieren ihm, dass er seine Person weitaus wichtiger nimmt als die Interessen seiner Partei. Gemessen daran nehmen sich die 72 Prozent, die meinen, Stoiber wisse nicht, was er will, noch fast bescheiden aus. Dass er seine Rolle trotz allem etwas überschätzt, finden fast alle Beteiligten: Denn nur 45 Prozent glauben, dass er mit seinem Rückzug die Stellung der Union in einer künftigen großen Koalition eher schwächt, 42 Prozent hingegen denken, dass Merkel und Co. damit sogar eher gestärkt werden.

Stoiber selbst muss seinen Verzicht mit einer Beliebtheits-Einbuße von neun Prozent bezahlen und darf nun nachlesen, dass stolze 70 Prozent mit seinem Auftreten weniger bis gar nicht zufrieden sind. Sein Glück, dass in Bayern die Uhren (noch) etwas anders ticken.

Andererseits finden fast 70 Prozent der Befragten, dass die Führung der Koalition für Merkel ohne ihren bayerischen Sonnenkönig deutlich einfacher werden wird. Trotzdem befinden mehr als drei Viertel, dass Stoibers Abgang die Verhandlungsposition der designierten Kanzlerin mit der SPD unnötig schwächt. Weiß einer, was der Wähler da wirklich will.

Profitiert vom Rückzug des CSU-Chefs, aber wohl auch von ihrem durchaus souveränen Auftreten in den letzen Tagen aber hat Angela Merkel selbst. Acht Prozent mehr, also immerhin stolze 65 der Deutschen glauben, dass sie eine gute Regierungschefin abgeben könnte, wenn es zu einer großen Koalition kommt. Nur noch ein Drittel der Befragten zweifelt daran, das sind für sie bislang noch unerreichte Bestwerte.

Überhaupt sieht sich Merkel mit etwa 62 Prozent „zufriedener“ Zustimmung zu ihrer Arbeit mit Platz zwei auf der Beliebtheitsskala deutscher Politiker belohnt. Fünf Prozent Zuwachs sind da für sie schon beachtlich, zumal sie damit auf Platz zwei hinter dem noch immer unangefochtenen Joschka Fischer (73 Prozent Zufriedenheit) rangiert. Aufsteiger des Monats sind ohne Zweifel Wolfgang Schäuble (CDU. möglicher künftiger Innrnminister) und Peer Steinbrück (SPD, eventueller Finanzminister) mit Zuwächsen, von denen ihre Parteien nicht einmal träumen – 21 Prozent mehr als noch vor einem Monat finden, dass die beiden einen durchaus guten Job machen.

Platzeck ist noch ein „Nobody“

Und selbst der vergnatzte Müntefering darf sich hier noch über einen Beliebtheitszuwachs von 19 Prozent freuen – offenbar wird ihm seine persönlich-politische Depression vom Wähler als zutiefst menschlich verständlich angerechnet.

Alles in allem halten die Deutschen unter den jetzigen Bedingungen die große Koalition mehrheitlich (59 Prozent) für die beste aller Lösungen. Und das, obwohl 65 Prozent fest davon überzeugt sind, dass die Sozis unter ihrer neuen Führung bereit sein werden, auch sehr schmerzhafte Einschnitte für die Bürger mitzutragen.

Obwohl der künftige SPD-Chef Matthias Platzeck noch einigen Aufholbedarf hat (in der Beliebtheitsskala rangiert er bei plus/minus Null), befindet eine knappe Mehrheit von 44 Prozent, dass er die SPD führen und deren zerstrittene Flügel versöhnen kann. Doch nur 16 Prozent sind überzeugt, dass die „alte Tante“ SPD mit Platzeck und seiner Truppe ihr Führungsproblem schon gelöst hat.