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Spektakuläre Kletteraktion

Der Erstbegehungsversuch in den Schrammsteinen musste abgebrochen werden. 60 Kletterer waren nicht genug.

Von Mike Jäger

Sächsische Schweiz. Auf dem kleinen Parkplatz im Schießgrund bei Bad Schandau ist keine Lücke mehr frei. Was wollen die ganzen Leute an diesem nasskalten Sonnabend Mitte Dezember alle in den Schrammsteinen? Der Himmel zeigt ein wachsmattes Blau. Die Sonne scheint, hat aber keine Kraft. Es weht ein kalter Wind durchs Schrammtor. Das Herbstlaub hat seine leuchtende Farbe verloren und modert am Boden. Die sonst grau scheinenden Sandsteinfelsen wirken dunkel, fast schwarz vor Nässe. Erst einen Tag zuvor hatte es noch geregnet. Aus der Gegend vom Dreifingerturm her dringt Stimmengewirr durch den Wald. Eine Stimme kommandiert: „Los, auf geht’s, hopp!“ Dazwischen Kindergeschrei und Hundekläffen.

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Offensichtlich machen sich Bergsteiger bereit für eine Besteigung. Aber keine normale Kletterei ist geplant. Im Spätherbst und im Winter, wenn das Wetter eigentlich keine normalen Klettereien mehr zulässt, treffen sich manche Bergfreunde, um die Gipfel mit sogenannten Unterstützungsstellen zu bezwingen – eine Spezialität im sächsischen Bergsteigen. Die Kletterer bezeichnen das Übereinanderstellen der Menschen, um glatte, grifflose und überhängende Passagen am Fels zu überwinden, auch als Baustellen. Es gibt einfache Baustellen, wo der Vorsteiger durch einen weiteren Kletterer in der Fortbewegung unterstützt wird, und ausgiebige Baustellen – wie hier –, bei denen mehrere Kletterer übereinander steigen.

Vorsteiger Felix war auf die Idee einer neuen Route am Nördlichen Schrammturm gekommen. Mit einigen Freunden hatte er bereits einen ersten Ring in der Nordwestseite des Felsturms installiert. Nun sind hier viele Bergsteiger zusammengekommen, um eine große, menschliche Pyramide aufzubauen. Es ist auch geplant, von der Spitze der Pyramide aus einen zweiten Sicherungsring in den Fels zu bohren, der den Weiterweg absichert.

Großveranstaltung im Nationalpark

Über 60 Menschen sind auf dem schroffen Platz zwischen Dreifinger- und Schrammturm versammelt: kräftige Bergsteiger für die unteren Positionen, leichte gewande Kletterer für oben, dazu Sicherungsleute, sogar Fotografen, ein Filmteam und natürlich etliche Zuschauer. Nach einigen Probeversuchen wird es ernst. Jörg ruft aus dem Felswinkel, wo die unteren Bauleute stehen sollen Der Versuch sieht anfangs gut aus, doch die Gruppe ist zu unruhig und die Pyramide fällt schon bald in sich zusammen, ohne dass sich jemand ernsthaft verletzt. Aus dem Gewusel klinkt das wiehernde Lachen von Jörg, er schein sich in dem Gemenge wohlzufühlen.

Einige Zuschauer werden motiviert, mitzuhelfen. Zum Gelingen einer solchen Aktion kommt es auf jeden Einzelnen an und nur der gemeinschaftliche Einsatz führt zum Erfolg. Das ist der besondere Reiz, als Mannschaft einen Kletterweg zu bezwingen und den Gipfel auf diese, für viele ungewöhnliche Weise zu erreichen. Der nächste Versuch ist vielversprechend. Lutz, koordiniert die Mannschaft von hinten von einem Block aus. Wie ein Choreograf gibt er Anweisungen. „Gerade hinstellen in der dritten Etage und mehr nach links zum Fels.“

Jetzt kommt Felix bis zur Spitze der fünfstöckigen Menschenpyramide. Aber er kann sich nicht am Fels halten, zu klein sind die Griffe, wieder fällt alles in sich zusammen. Der aussichtsreiche Versuch hat die Gruppe motiviert. „Wir schaffen das“, feuern sich die Kletterer an. Felix verspricht ein Fass Freibier, wenn es klappt. Doch was folgt, ist wieder ein Fehlversuch. Bis zum Dunkelwerden folgt der elfte oder zwölfte. Die Luft ist raus, keine Konzentration mehr vorhanden. Doch der Winter dauert ja noch lang, vielleicht trifft man sich wieder für einen neuen Versuch.