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Spiel mir das Lied vom fairen Gehalt

Seit Jahren warten Musiker der Elbland Philharmonie auf mehr Geld. Manche erhalten rund ein Drittel unter Tarif.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Franz Werfel

Riesa. Sie spielen Beethoven, Mozart und Bach, Opern, Operetten und verzaubern die Besucher in den Sommermonaten auf der Felsenbühne Rathen: Zu Recht haben die Musiker der Riesaer Elbland Philharmonie viele Fans und zu Recht sind die beiden Landkreise Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge stolz darauf, ein eigenes Orchester zu haben. Was viele nicht wissen: Seit Jahren verdienen die 78 Musiker, die noch in diesem Orchester arbeiten, deutlich weniger, als ihnen laut einem bundesweiten Tarifvertrag zustehen würde. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer hat mit dem Kulturraumgesetz zu tun, das es so nur in Sachsen gibt.

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Im ganzen Kulturraum unterwegs – zu Hause in Riesa: der Hauptsitz der Elbland Philharmonie in der Kirchstraße.
Im ganzen Kulturraum unterwegs – zu Hause in Riesa: der Hauptsitz der Elbland Philharmonie in der Kirchstraße. © Sebastian Schultz

Seit 1994 regelt es in acht sächsischen Regionen, wie diese ihre Kultur organisieren und finanzieren wollen. Der Kulturraum Meißen–Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist jährlich rund 6,5 Millionen Euro schwer. Vier Millionen Euro kommen vom Freistaat, je rund 1,2 Millionen Euro von den beiden Landkreisen. Davon profitieren unter anderem Museen wie das Riesaer Stadtmuseum im Haus am Poppitzer Platz. Die sechs Musikschulen – unter anderem die des Landkreises Meißen – erhalten jährlich insgesamt rund 890 000 Euro. Auch Kulturträger wie die Evangelische Kirchgemeinde Riesa, die FVG, die Schalmeienzunft Strehla, das Blasorchester Wacker Chemie Nünchritz oder der Kulturförderverein bekommen Geld aus dem Topf. Und die Elbland Philharmonie.

Sie erhält jährlich zwei Millionen Euro aus dem Kulturraum. 2,6 Millionen Euro schießt der Freistaat zu, je eine halbe Million Euro die beiden Landkreise Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Gute fünf Millionen Euro kostet das Orchester pro Jahr. Es ging einst aus den vier Klangkörpern Riesa, Pirna, dem Wismut-Orchester Chemnitz und zuletzt 2012 dem Orchester Radebeul hervor. In Riesa, Meißen, Radebeul, Freital, Pirna, Sebnitz und in den warmen Monaten auf der Felsenbühne in Rathen spielt es mehr als 100 Konzerte jährlich.

Derzeit verhandelt die Geschäftsführung mit den zwei Gewerkschaften Deutscher Bühnenverein und der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) die Gehälter für die kommenden vier Jahre. Der Witz dabei ist: Im Kulturraum ist das Geld längst durchgeplant. Viel Spielraum für Verhandlungen gibt es also nicht. Dabei gäbe es einiges zu verhandeln. Denn seit Jahren verzichtet jeder Musiker zugunsten des Orchesters auf mehrere Hundert Euro pro Monat. Mit Verweis auf die aktuellen Verhandlungen möchte sich die Geschäftsführung der Elbland Philharmonie nicht zu diesem Thema äußern. Thomas Herm, Dramaturg und Marketingleiter, sagt nur, dass sich das Kulturraumgesetz in Sachsen bewährt habe. Er verweist stattdessen auf die Orchester-Gewerkschaft. Deren Chef, Gerald Mertens, sitzt bei den Verhandlungen in Radebeul mit am Tisch. Er sagt: „Seit acht Jahren verdienen Angestellte im öffentlichen Dienst das Gleiche wie ihre Kollegen in Westdeutschland.“ An diesem Tarif orientieren sich die bundesweit gültigen Gehälter für Musiker in Kulturorchestern – inklusive einer jährlichen Gehaltssteigerung von gut zwei Prozent. Da für die meisten sächsischen Orchester aber individuelle Haustarifverträge gelten, hätten sie davon nichts. Die Musiker der Elbland Philharmonie verdienen derzeit etwa 27 Prozent weniger, als ihnen laut Tarifvertrag zustünde.

Gerald Mertens zufolge gebe es in Sachsen für die Theater und Orchester eine strukturelle Finanzlücke von rund zwölf Millionen Euro pro Jahr. Etwa eine Million werde bei dem Personal der Elbland Philharmonie gespart. „Das ist eine Gerechtigkeitslücke, denn die Bezahlung hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.“ Allen Beteiligten ist klar, dass das Orchester auch nach den derzeitigen Tarifverhandlungen, die für die kommenden vier Jahren gelten, nicht zum Flächentarifvertrag zurückkehren wird. Obwohl das Orchester auf 72 Stellen angelegt ist, wird es bezahlt, als würden dort weniger als 66 Musiker arbeiten. Nach aktuellem Stand der Verhandlungen werden die Musiker dann zusätzlich noch zehn Prozent weniger Geld bekommen. Für einen Berufsanfänger, der in der Tutti-Gruppe der Streicher spielt und im Orchester keine Solistenfunktion übernimmt, bedeutet das ein Einstiegsgehalt von 2 500 Euro brutto. Nach 17 Berufsjahren würde der gleiche Musiker die höchste Gehaltsstufe erreichen und dann knapp 3 500 Euro brutto verdienen. Die Musiker wählen alle vier Jahre ihren Orchestervorstand, eine Art Betriebsrat. Der Vorstand sagt: „Alle wissen, dass es den bundesweiten Tarifvertrag gibt. Aber Politiker in Sachsen waren über Jahrzehnte nicht bereit, das nötige Geld bereitzustellen.“ Die Politik habe sich daran gewöhnt, dass die Künstler die gleiche Arbeit wie Kollegen in anderen Regionen Deutschlands auch für deutlich weniger Geld machen würden. Die Musiker sind enttäuscht. „Uns wurden Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten wurden.“ Mit Blick auf die Kulturpolitik im Freistaat wünscht sich der Orchestervorstand, dass sich Politiker endlich ehrlich machen sollten. „Dann sollen sie erklären, dass auch künftig nicht beabsichtigt ist, zum Tarif zurückzukehren.“ Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) hatte kürzlich in einem SZ-Gespräch selbst daran erinnert, dass die Haustarife für Theater und Orchester – vor allem auf dem Land – teilweise bis zu 30 Prozent unter dem bundesweiten Tarif liegen. „Die Mitarbeiter und Gewerkschaften werden das nicht länger akzeptieren“, sagte sie. Im Orchester gibt es Verständnis für die Landkreise. Es sei klar, dass diese nicht die Mittel haben, das Geld aufzustocken. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass das Kulturraumgesetz eigentlich nicht für die Finanzierung der Musikschulen gedacht war.

Positive Signale nimmt Gewerkschafts-Chef Gerald Mertens von der Landesregierung wahr. Sie habe auf dem Zettel, dass die Finanzierung der Orchester auf den Prüfstand gehöre. „Es wird schwierig, fast 30 Jahre nach der Wende zu erklären, dass ausgerechnet in Sachsen mit seinem vorbildlichen Kulturgesetz weiterhin nur Notlagentarife gezahlt werden“, so Mertens.