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Der extreme Weg durch die Wellen

Die sieben Meer-Engen waren nicht genug, André Wiersig und Jürgen Peters stehen vor ihrer nächsten Tour: schwimmend zur Nordsee-Insel Helgoland.

Schwimmer André Wiersig in seinem Element und Jürgen Peters (rote Kappe) aus Lückersdorf bei Kamenz als Betreuer, Motivator und Sekundant im Boot.
Schwimmer André Wiersig in seinem Element und Jürgen Peters (rote Kappe) aus Lückersdorf bei Kamenz als Betreuer, Motivator und Sekundant im Boot. © Dennis Daletzki

Dresden. Der Titel des Buches klingt schaurig, fast furchteinflößend: „Nachts allein im Ozean“. Das will niemand wirklich erleben. André Wiersig wagte das Abenteuer, als er die sieben bedeutsamsten Meer-Engen der Welt durchschwamm – als erster Deutscher und als 16. Mensch überhaupt. Insgesamt kamen bei der als Ocean’s Seven bezeichneten Herausforderung 287 Kilometer zusammen in Wellen, Strömungen und der Ungewissheit, mit Meeresgetier oder Treibgut zu kollidieren. Die längste Distanz waren dabei etwa 55 Kilometer zwischen zwei Hawaii-Inseln. Fast 19 Stunden kraulte der Ausdauer-Spezialist durch den Pazifik. Immer an der Seite des Paderborners bei der größten Prüfung für Langzeitschwimmer als Betreuer, Motivator und Sekundant: Schwager Jürgen Peters aus Lückersdorf bei Kamenz.

Das Ost-West-Duo hat sich aufeinander eingespielt. Wiersig war als Bahnradsportler und Triathlet erfolgreich, meisterte den Ironman auf Hawaii. Freizeitläufer Peters rannte den New-York-Marathon, trieb seine Bestmarke über die klassische Distanz auf 3:27 Stunden und stand auf dem Kilimandscharo. Auch beruflich sind beide vielseitig.

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Wiersig war Einkaufsassistent, brach ein Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) ab, agierte als Fitnesscoach und im Marketing der IT-Branche. Peters träumte von Handelsmarine oder Pilotenkarriere. Es blieben unerfüllte Wünsche. Dafür diente er 18 Jahre in der militärischen Flugsicherung. Nach der Wende arbeitete der ehemalige Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) drei Jahrzehnte als Vertriebs-Außendienstler. „Wir haben einen Draht zueinander“, sagt Peters, „und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.“ Das ist besonders wertvoll in brenzligen Situationen bei extremen Abenteuern.

Duo sucht sein nächstes Abenteuer

Als 2019 das Dauerschwimm-Projekt gemeistert war, fragten sie sich: „Und nun?“ In ein Motivations-Loch war Wiersig nicht gefallen. Buch, Vorträge, Auftritte vor Führungskräften füllten ihn aus, bis Corona öffentliche Termine stoppte. Aber schon immer hatte er Helgoland als ein besonderes Ziel im Hinterkopf, wollte das Eiland aber auf seine eigene Art erreichen. „Die Insel kennt wohl jeder. Vom Festland aus hat sie jedoch noch niemand schwimmend erreicht“, sagt Peters. „Das macht sie als Ziel so reizvoll. Das Problem ist die Entfernung von 48,3 Kilometern. Durch Strömung und Abdrift sind es dann sicher über 50 Kilometer in der unberechenbaren Nordsee. Die kann sehr gefährlich sein mit ihren Wellen, Winden und Gezeiten.“ Wie abwegig das Projekt klingt, zeigte die Reaktion des Helgoland-Bürgermeisters. „Die erste E-Mail von André wanderte in den Papierkorb“, schildert Peters den Kontaktversuch und lacht. „Er erzählte aber einem Bekannten die vermeintliche Schnapsidee. Der machte ihn darauf aufmerksam, dass es ein André Wiersig nicht nur ernst meint, sondern auch draufhat. Da begann er wohl zu ahnen, dass was dran sein könnte am so absurd klingenden Vorschlag. Jetzt sind sie ganz heiß auf das Vorhaben.“

Der Tourismus-Manager der Insel ist begeistert, das Interesse plötzlich enorm. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) berichtete ausführlich schon über die Vorbereitungen, plant jetzt sogar eine aufwendige Serie über die Oceans’s Seven. Der Sender war am Sonnabend auch bei der Generalprobe dabei, als Wiersig beim Lighthouse Swim Festival die Langdistanz von 14 Kilometern in der Kieler Förde schwamm. Alle wissen: Das Medieninteresse verspricht pure Werbung für die Nordseeinsel.

Dabei ist der Startplatz auf dem Festland noch unklar. „Vieles spricht für St. Peter Ording“, sagt Peters. „Cuxhaven wäre eine Alternative. Da wird noch gerechnet, wie Wetter und Gezeiten am besten passen.“ Das erste Startfenster liegt an diesem Wochenende. Es kann sich aber auch verschieben bis in den September hinein, je nachdem, wo die Hochdruckgebiete liegen. Es muss vieles zusammenpassen.

Projekt macht auf Müll aufmerksam

Der 49-jährige Profischwimmer fühlt sich gut gerüstet. Ihm helfen alle Erfahrungen, die er vor und beim Ocean’s-Seven-Projekt sammeln konnte. Da hatte er sich in der selbst gezimmerten Eistonne abgehärtet, mentale Stärken aufgebaut und war Unmengen Kilometer für die Kondition unterwegs. Ein Boot begleitete den Schwimmer jeweils beim stundenlangen Kraulen auf den sieben Stationen seiner Welt-Tour – zur Sicherheit und Kontrolle, dass keine fremde Hilfe geleistet wird. „Mit all seinen Erlebnissen meint André jetzt, dass es nicht schlecht wäre, neben dem Schiff einen direkten Begleiter in seiner Nähe zu haben“, sagt Peters. Der 68-Jährige nimmt sich dieser Aufgabe an. Dafür lernte der Rentner sogar das Paddeln im Seekajak.

Für einen Einsteiger ist Paddeln eine Herausforderung. Die beginnt tatsächlich mit dem Einstieg. „Eine kippelige Angelegenheit“, weiß Peters inzwischen. „Das waren völlig neue Erfahrungen im engen Boot und mit den verschiedenen Paddel-Techniken. Es brauchte einige Zeit. Inzwischen klappt es fast schon mit der Eskimorolle. Da kommt keine Panik mehr auf, wenn das Boot mal umkippt. Durch die ungewohnten Bewegungen habe ich Muskeln gespürt wie noch nie.“ Auf dem Geierswalder See holte er sich Paddel-Routine. Aber die großen Herausforderungen warteten auf dem Meer. Da hat er immer noch Respekt vor größeren Wellen und der Brandung, wenn das Boot zum Spielball der Natur wird. Dafür wappnete sich der Sachse bei Übungs-Kursen auf Mallorca und in Friesland. Nun fühlt sich Peters fit, um seinem Schwager auf dem abenteuerlichen Weg durch die Wellen nach Helgoland im Seekajak beizustehen als Mutmacher, Verpflegungs- und Orientierungsposten. Das Zusammenspiel klappte am Sonnabend in der Kieler Förde. Inzwischen weiß der Paddler, dass er wohl nicht seekrank wird im schaukelnden Boot auf der Nordsee.

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