merken
PLUS Sport

"Ich habe nicht um Schläge gebettelt"

„Bitte stirb – und deine gesamte Familie auch“ - diese Hass-Nachricht erhielt Melanie Gernert und machte sie öffentlich. Jetzt spricht die Lausitzerin darüber.

Melanie Gernert war 2017 deutsche Vizemeisterin im Beachvolleyball.
Melanie Gernert war 2017 deutsche Vizemeisterin im Beachvolleyball. © Florian Treiber/German Beach Trophy

Weißwasser. Selbst bis in Randsportarten breitet sich der verbale Hass über Social-Media-Kanäle inzwischen aus. Die Beachvolleyballerin Melanie Gernert aus Weißwasser, seit Jahren eine der erfolgreichsten Spielerinnen auf der deutschen Tour, machte jetzt ein Posting öffentlich. Darüber spricht die 33-Jährige im SZ-Interview.

Frau Gernert, Sie haben kürzlich die Nachricht eines anonymen Schreibers veröffentlicht, der Ihnen und Ihrer Familie den Tod wünscht: Wörtlich: Please die and all your family. Wie gehen Sie damit um?

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Alles, was gegen mich gerichtet ist, nehme ich eigentlich so hin. Die Kommentare gehen in Richtung absurd. Teilweise sind das solche Sachen, wie: Was macht denn der Kerl da? Dann sag ich: Mensch, den Spruch habe ich ja noch nie gehört. Das trifft mich nicht wirklich. Meine Familie und meine Freunde reagieren aber sehr betroffen. Ich frage mich: Wie weit ist die Menschheit gesunken? Wenn es gegen meine Familie geht, ist eine Grenze überschritten. Gegen mich? Von mir aus. Aber nicht gegen meine Familie, das geht nicht.

Ist das der Preis, dass man sich mittlerweile auch als Sportler im Social-Media-Bereich selbst darstellt oder sogar darstellen muss, um im Gespräch zu sein?

Viele sagen: Das hast du dir doch so ausgesucht. Aber ich habe mir das eben nicht ausgesucht. Natürlich versuche ich, meine Reichweiten auf Facebook und Instagram zu nutzen, um vielleicht auch Sponsoren anzusprechen. Meine Kommentatoren-Rolle für die Pregame-Show kürzlich beim Pokalfinale wird wohl auch daher rühren. Mit meinem Wirken auf Social Media habe ich aber nicht um Schläge gebettelt oder Freibriefe für Hass-Mails erteilt.

Wie oft bekommen Sie solche Mails?

Im Rahmen von Turnieren mit größerer Reichweite bekomme ich durchschnittlich eine Nachricht in dieser Richtung. Meist von irgendwelchen Frustrierten, die vielleicht gewettet haben. Das ist zumindest meine Vermutung. Vielleicht steckt auch ein Bot dahinter (ein Computerprogramm, das weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben erledigt/Anm. d.R.). Aber hinter jedem Bot steckt auch ein Mensch. Das ist schon abartig. Wenn ein Spiel der Beachliga von bis zu 14.000 Leuten verfolgt wird, hat man schon eine gewisse Reichweite, da ist sicher auch nicht jeder zufrieden und äußert sich dementsprechend über Instagram oder Facebook. Ich bekomme auch hin und wieder Anfragen von irgendwelchen jungen Damen, die sich mir anbiedern – das ist im Vergleich zu Hass-Mails fast schon sympathisch.

Melden Sie solche Postings der Polizei?

Ich melde das bei Instagram, blockiere denjenigen, dass er mich so speziell nicht mehr anschreiben kann. Aber dann gibt es eben einen neuen Fake-Account und er meldet sich halt darüber. Das Problem ist, dass solche Anzeigen meist ins Leere laufen, hinter den Fake-Accounts stecken häufig auch Fake-Mailadressen, die über ein VPN (Virtual Private Network/Anm. d. R.) angelegt sind, die vielleicht in Russland liegen. Da endet die Macht derjenigen, die versuchen, solche Sachen aufzuklären.

Ist die von Ihnen veröffentlichte Hass-Mail die schlimmste, die Sie erreicht hat – oder nur die Spitze des Eisbergs?

Es sind meistens solche Ansagen wie: Stirb oder Bitch. Wo ich mir sage, dass da ein gewisser Frust mitgespielt haben muss. Ich bewege mich nicht auf einem Reichweitenlevel, wo ich solche Mails täglich bekomme. Im Moment fließt das an mir vorbei. Aber ich wollte das einfach thematisieren, weil es nicht passieren darf, dass man so abstumpft bei diesem Thema.

Werten Sie durch die Veröffentlichung die Hass-Mails nicht auf?

Kann schon sein. Vielen ist aber nicht bewusst, dass selbst einer mit rund 4.000 Followern auf Instagram solche Nachrichten bekommt. Die Botschaft ist: Es kann jedem passieren. Dafür wollte ich die Augen öffnen. Nicht darüber sprechen ist meiner Ansicht nach auch keine Lösung.

Haben Sie schon mal auf eine Hass-Mail geantwortet?

Ich hatte noch nie den Drang, mich zu rechtfertigen, weil ich dann demjenigen eine Angriffsfläche bieten würde. Das wäre eine Bestätigung für solch einen Schreiber. Vielleicht werden mittlerweile Accounts nur für Hate Speech angelegt. Das kann auch sein, wäre absolut traurig.

Habens Sie bereits Feedback von anderen betroffenen Sportler erhalten?

Ja, jeder ist so ein bisschen schockiert darüber. Wir Beachvolleyballer sind nun mal keine Fußballprofis, die dauernd im Rampenlicht stehen. Man fragt sich schon: Was möchte der von mir? Viele haben mich angeschrieben und gemeint: Hey, ich habe genau die gleiche Nachricht bekommen. Was für mich darauf hindeutet, dass ein Bot dahintersteckt.

Wie reagiert Ihre Familie auf derlei Anfeindungen?

Ich habe meinen Eltern kürzlich erzählt, dass mir ab und zu so etwas unterkommt. Sie hatten gar nicht die Intention, dass das so eine Online-Sache ist, sondern gleich Angst, dass mir auf der Straße jemand auflauert. Ich konnte sie aber beruhigen. Das schwingt aber tatsächlich auch mit.

Erwarten Sie eine generelle Handhabe für betroffene Athleten?

Weiterführende Artikel

Wie Dynamos Kapitän gegen Hass im Netz kämpft

Wie Dynamos Kapitän gegen Hass im Netz kämpft

Ein bewegendes Video von Toni Kroos löst in Deutschland eine Debatte über Cybermobbing aus. Sebastian Mai wurde auch bedroht – und lobt die Polizei.

Das ist noch nicht passiert. Um solche Dinge abzufangen, hat jeder seinen Psychologen, Manager oder Trainer. Wenn das aber größere Wellen schlägt, muss man halt den Mund aufmachen. Die Fußballer um Toni Kroos haben das ja auch getan. Vielleicht gehört es zur modernen Kommunikation, dass man für solche Dinge geschult wird.

Das Gespräch führte Alexander Hiller.

Mehr zum Thema Sport