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Frau Müllers einsame Erinnerungen

Die legendäre Eislauf-Trainerin aus Chemnitz blättert in Foto-Alben und denkt zurück. Zu Weihnachten wird die 92-Jährige aber nicht alleine sein.

Sie hören sich regelmäßig, und manchmal besucht Katarina Witt ihre frühere Trainerin Jutta Müller auch, hier bei ihrem 90. Geburtstag vor zwei Jahren.
Sie hören sich regelmäßig, und manchmal besucht Katarina Witt ihre frühere Trainerin Jutta Müller auch, hier bei ihrem 90. Geburtstag vor zwei Jahren. © Archiv: Kristin Schmidt

Von Manfred Hönel

Chemnitz. „Ich bin jetzt oft sehr einsam und allein“, klagte Jutta Müller, Deutschlands erfolgreichste Eiskunstlauftrainerin, an ihrem Geburtstag. Am 13. Dezember ist sie 92 Jahre alt geworden. „Meist sitze ich allein vor dem Fernsehapparat in meiner Wohnung. Vor die Tür komme ich nur noch selten und jetzt während der Corona-Pandemie schon gar nicht. Mir fällt das Laufen schwer“, sagt Müller. Die einst so resolute Frau schildert ihre Situation mit leisen Worten.

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Gern denkt sie an die Zeit mit ihrem Mann zurück. 61 Jahre war die einstige Star-Trainerin mit Bringfried „Binges“ Müller verheiratet. Der frühere DDR-Fußball-Nationalspieler und Ex-Wismut-Aue-Trainer starb vor vier Jahren. Dass Aues Fußballer immer noch regelmäßig mit Trikots in Veilchenfarbe auflaufen, hat übrigens auch mit Jutta Müller zu tun.

Mit UV-Licht züchteten die Wismut-Kumpels nämlich unter Tage in 900 Metern Tiefe auch Veilchen. „Jutta gefiel das, deshalb regte ich die Veilchenfarbe für unsere Trikots an“, erzählte „Binges“ einst. Bei der Tradition ist es bis heute geblieben – und natürlich bei vielen Erinnerungen.

Alle Freundinnen sind tot

„Inzwischen sind auch alle meine Freundinnen verstorben. Im Frühjahr ging mit knapp 93 Jahren Irene Salzmann von uns“, sagt Müller. Mit der später erfolgreichen Paarlauftrainerin – sie führte 1982 Sabine Baeß und Tassilo Thierbach zu Weltmeister-Gold – tanzte Müller, damals noch Seyfert, im Februar 1949 zum Ostzonen-Meistertitel im Damen-Paarlauf.

Zu Weihnachten aber ist Müller nicht allein, obwohl Enkelin Sheila (46) und die Urenkel Charlotta (8) und Felix (5) diesmal nicht nach Chemnitz kommen, aus Rücksicht. Dafür hat sich Tochter Gabi Seyfert angekündigt. „Mein Mann und ich fahren von Berlin nach Chemnitz und besuchen zu Weihnachten meine Mutter“, verrät Seyfert, selbst zweimalige Weltmeisterin.

Sicher wird sich auch der ein oder andere aus der Schar von 48 internationalen Medaillengewinnern wie zum Beispiel Olympiasiegerin Annett Pötzsch oder Weltmeister Jan Hoffmann bei ihr melden. Im Kerzenschein verfliegt dann vielleicht auch das Gefühl der Einsamkeit.

Manchmal blättert Müller in ihren zahlreichen Foto-Alben. Und kürzlich war die glanzvolle Vergangenheit für ein paar Stunden sogar schöne Gegenwart. „Da hat mich Katarina besucht“, erzählt Müller und meint natürlich Katarina Witt, die beste Eiskunstläuferin aller Zeiten. Ein bisschen mussten beide Frauen da wieder mit den Tränen kämpfen, als sie sich an die WM 1987 in Cincinnati erinnerten.

"Wahrscheinlich war das die Kür ihres Lebens“

Unvergessen: Kati Witt als Maria aus der West Side Story. Nach dem Vortrag ging in fast allen Wohnungen der Stadt das Licht an. Es war ein Dankeschön für die bezaubernde Kür mit den dreifachen Sprüngen Salchow, Toeloop und Rittberger.

„Katarina lief wie im Rausch. Wahrscheinlich war das die Kür ihres Lebens“, meint Müller, die sich auch gern an die Worte der damals entthronten USA-Weltmeisterin Debi Thomas auf der damaligen Pressekonferenz erinnert. „Was ist das für ein Wunder-Mädchen! Das macht mich auf die Silbermedaille doppelt stolz“, sagte Thomas, die inzwischen als Ärztin arbeitet.

Diese Kür und der Olympiasieg als „Carmen“ 1988 von Calgary sorgten für eine riesige Popularität der in Staaken bei Berlin geborenen Witt. „Davon profitierte Katarina auch nach der Wende noch“, sagt ihre frühere Trainerin. Witt stieg an der Seite von Olympiasieger Brian Boitano (USA) zum Showstar in Nordamerika auf.

Film über Witt "habe ich mir dreimal angeschaut"

Auch diesmal hätte Müller gerne wie in früheren Jahren an den Weihnachtsfeiertagen Eiskunstlaufen im Fernsehen gesehen, die Corona-Pandemie macht allerdings auch Eisrevues unmöglich. Und die deutschen Meisterschaften vergangene Woche liefen nur im Internet.

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Ganz verzichten musste Müller „Auf den schönsten Sport der Welt“, wie sie betont, zuletzt dennoch nicht. „Den neuen Film über Katarina habe ich mir dreimal im Fernsehen angeschaut: erst bei Arte, dann in der ARD und schließlich beim MDR. Schöne Erinnerungen“, lächelt die Chemnitzerin, die seit 2004 auch einen Platz in der Hall of Fame des Eiskunstlaufs in den USA hat.

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