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„Corona-Attacke“ ist ihr Schlachtruf

In Südbrandenburg heißt ein Fußballverein wie das Virus. Was es mit diesem provokanten Namen auf sich hat - und wie die Gegner reagieren.

Vor der Pandemie ging der Schiedsrichter nicht auf Abstand zu den Spielern des SC Corona Gehren.
Vor der Pandemie ging der Schiedsrichter nicht auf Abstand zu den Spielern des SC Corona Gehren. © Fred Bauer

Heideblick/Gehren. Es könnte ein Werbegag dahinterstecken. Oder ist es eine bewusste Provokation? Dieser Name ist ungewöhnlich, manche finden ihn anstößig. Welcher Fußballverein benennt sich denn nach dem Virus, das gerade die ganze Welt lahmlegt? Der SC Corona Gehren ist in der Gemeinde Heideblick ansässig, die Mannschaft steht in der 1. Kreisklasse derzeit auf Platz sieben, allerdings ruht auch in Südbrandenburg der Ball. Wegen Corona. Oliver Behrendt weiß, wieso sich die Hobbykicker so benannt haben. Das liegt schon etwas länger zurück, offizielles Gründungsdatum ist der 17. Januar 2009.

„Damals dachte keiner an ein Coronavirus“, meint Behrendt, von Anfang an dabei und nach wie vor aktiver Spieler. Als sie sich entscheiden mussten, mit ihrem Freizeitteam in den organisierten Spielbetrieb einzusteigen, war ein Logo schnell gefunden: Das „G“ für den Ort nahe Luckau mit gut 400 Einwohnern – und auf dem großen Buchstaben eine kleine Krone. „Aber wir wollten uns nicht ,Krone Gehren‘ nennen, das hört sich irgendwie doof an“, erzählt Behrendt. Also suchte man nach einer gut klingenden Übersetzung: englisch Crown, französisch Couronne … Sperrig.

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Behrendt war nach seinem Studium für internationale Betriebswirtschaft ein halbes Jahr in Mexiko, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Dort konnte er seine Spanisch-Kenntnisse vom Gymnasium deutlich erweitern. „Also habe ich Corona vorgeschlagen, die spanische Übersetzung.“ Der Name, meint sein Vater Ronny, der Präsident, sei das Alleinstellungsmerkmal des Vereins in der Niederlausitz, und das schon immer. Die Gegner haben anfangs nachgefragt, als Corona vor ein paar Jahren in einer anderen Staffel auf neue Mannschaften traf, wieder öfter. „Der Name ist halt auffällig, wir haben ihn gerne erklärt“, meint Behrendt junior.

Die Idee fürs Logo war schnell gefunden ...
Die Idee fürs Logo war schnell gefunden ... © privat

Doch auf einmal bekommt die Bezeichnung durch die Pandemie eine völlig andere Bedeutung. „Anfangs war es ein Fun-Fact“, berichtet Oliver Behrendt. Natürlich frotzeln sich Fußballer untereinander. „Es kam mancher Spruch, aber es gab keine Anfeindungen. Das war nie böse gemeint.“ Inzwischen kommt ihr Schlachtruf „Corona-Attacke“, den sie auch auf ein paar T-Shirts gedruckt haben, jedoch bei manchen weniger gut an.

„Der war vorher normal, hat nie eine negative Assoziation hervorgerufen.“ Jetzt ist das anders, gucken einige schief, wenn sie beim Einkaufen, beim Bäcker oder in der Autowerkstatt den Vereinsnamen präsentieren. „Mein Vater wurde darauf auch schon angesprochen. Einige Leute denken, wir würden die Gefahr durch das Virus verharmlosen oder gehören sogar zu den Corona-Leugnern. Das ist natürlich nicht so“, betont der 34 Jahre alte Oliver Behrendt.

Trotz solcher Missverständnisse sieht er jedoch keinen Grund, sich Gedanken darüber zu machen, den Verein, dem etwa 50 Mitglieder angehören, umzubenennen. Seine klare Ansage: „Wir sind glücklich mit dem Namen.“

Die Hallenturniere fallen aus, das Training ruht

Das Wichtigste aus seiner Sicht ist sowieso, dass sie von dem Virus verschont bleiben. „Bisher gab es bei uns und auch in der Verwandtschaft keinen Fall.“ Betroffen ist der SC Corona Gehren von der Krise natürlich trotzdem, denn Fußball können sie derzeit nicht spielen. „Im Winter hätten wir sonst einige Hallenturniere, die leider ausfallen, das Training ruht sowieso. Die meisten haben sich seit zwei, drei Monaten nicht mehr gesehen, das ist ein Faktor.“

Der Handschlag zur Begrüßung vor dem Spiel als Geste des Respekts und der sportlichen Fairness fällt vorerst weg.
Der Handschlag zur Begrüßung vor dem Spiel als Geste des Respekts und der sportlichen Fairness fällt vorerst weg. © Fred Bauer

Das Geld zum Glück nicht, anders als bei einigen Profi-Klubs lebt der Fußball an der Basis nicht über seine Verhältnisse. „Wir haben seit Jahren ein gutes Fundament mit treuen Sponsoren“, erklärt Behrendt. „Wir sind finanziell gut aufgestellt und haben solide gewirtschaftet. Deshalb machen wir uns keine Sorgen.“

Anfangs hatten sie sich vorgenommen, fünf Jahre durchzuhalten, jetzt sind es schon zwölf geworden. Seit anderthalb Jahren spielt Corona Gehren in einer Gemeinschaft mit Rot-Weiß Luckau, weil es immer schwieriger wird für Vereine im ländlichen Raum, alleine eine Mannschaft zu stellen. Trotzdem fürchtet Behrendt nicht, dass die Spieler wegbleiben könnten, wenn sie wieder starten dürfen, weil sie inzwischen einen anderen Zeitvertreib für sich entdeckt haben. „Wer aktiv Sport getrieben hat, bei dem kribbelt es doch. Alle freuen sich, wenn es wieder losgeht. Generell lassen sich gerade Sportler von solchen Umständen nicht unterkriegen“, ist er überzeugt.

Trostpflaster für ausgefallene Weihnachtsfeier

In der Spielgemeinschaft mit Luckau haben sie zudem versucht, vor allem die wenigen Jugendlichen bei der Stange zu halten mit Zoom-Meetings im Internet als Kontaktmöglichkeit und kleinen Geschenken als Trostpflaster für die ausgefallene Weihnachtsfeier. Ansonsten setzen sie auf die Motivation jedes Einzelnen, sich in der Auszeit fit zu halten.

Abstand halten wie bei diesem Zweikampf müssen die Gegenspieler des SC Corona Gehren normalerweise nicht, aber ob sich das nach der Pandemie ändert?
Abstand halten wie bei diesem Zweikampf müssen die Gegenspieler des SC Corona Gehren normalerweise nicht, aber ob sich das nach der Pandemie ändert? © Fred Bauer

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Wie lange die andauert, lässt sich derzeit nicht absehen. Aber bei dem Verein, der das Problem quasi im Namen trägt, sind sie zuversichtlich. „Wenn genügend Impfstoff da ist, sind wir im Spätsommer durch. Dann hat es sich auch“, sagt Behrendt. Zumindest mit der Pandemie. Die eine oder andere spöttische Bemerkung werden sie sich wohl auch danach anhören müssen. „Bei Auswärtsspielen kommen bestimmt Sätze wie ,Wir haben Corona im Haus‘“, vermutet Präsident Ronny Behrendt. „Das Image wirst du nicht mehr los.“

Das Schöne daran ist, sie werden mit ihren Gegnern darüber lachen können, wenn die einzige Gefahr von Corona wieder auf dem Fußballplatz ausgeht.

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