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Darum ist Elisabeth Pähtz jetzt auf Augenhöhe mit Papa

Profi-Schachpielerin Elisabeth Pähtz wird als erste Deutsche Männer-Großmeister. Doch warum wird es Frauen beim königlichen Spiel so schwer gemacht?

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Elisabeth Pähtz spielt schon lange in der Bundesliga der Herren. Nun ist die 36-Jährige als erste Deutsche Männer-Großmeister.
Elisabeth Pähtz spielt schon lange in der Bundesliga der Herren. Nun ist die 36-Jährige als erste Deutsche Männer-Großmeister. © Hartmut Metz

Von Hartmut Metz

Dresden. Titel und Medaillen hat Elisabeth Pähtz in ihrer Karriere schon zuhauf abgeräumt. Bei der WM-Vorausscheidung belegte die ehemalige Jugend- und Juniorenweltmeisterin am Wochenende in Riga Platz zwei. In der Schlussrunde des Grand-Swiss-Turniers besiegte die 36-Jährige nervenstark die Kasachin Bibisara Assaubajewa und sicherte sich mit 7,5 Zählern aus elf Runden Silber vor der punktgleichen Chinesin Zhu Jiner. Deren Landsfrau Lei Tingjie, die gegen Pähtz in der dritten Runde remisierte, dominierte den Wettbewerb des Schach-Weltverbandes FIDE mit neun Punkten. Dass Pähtz ihr Abschneiden danach als das „Turnier meines Lebens“ adelte, hat mehrere Gründe.

Der große Zahltag mit 15.250 Dollar – umgerechnet etwa 13.150 Euro – ist dabei für die einzige deutsche Profispielerin erfreuliches monetäres Beiwerk. Wichtiger ist jedoch die Qualifikation für das Kandidatenturnier, mit der die Wahl-Berlinerin ihren Traum vom WM-Titel wahrte. Unabhängig davon, wie sie dort abschneidet, wird die 36-Jährige sich ihre gesamte Karriere über an den Erfolg in Lettland erinnern: Denn Pähtz – die 2004 am Dresdner Sportgymnasium das Abitur ablegte und sowohl für den USV TU als auch für den DSC in der Frauen-Bundesliga spielte – darf als erste Deutsche fortan lebenslang als Herren-Großmeister firmieren.

Erst 40 Frauen haben es geschafft

Frauen-Großmeisterin wurde sie bereits mit 16 anno 2001. Die Anforderungen dafür sind jedoch deutlich niedriger – statistisch gesehen muss man rund 200 Elo-Weltranglisten-Punkte besser spielen (was einer zusätzlichen Punktausbeute von etwa 25 Prozent entspricht), um Herren-Großmeister zu werden. Von den laut Wikipedia weltweit rund 500 Großmeisterinnen erspielten sich daher erst 40 Frauen die höchste Würde der Männer.

Als erste Dame brach Nona Gaprindaschwili 1978 in den illustren Kreis der Herren der Schach-Schöpfung ein. Die Rekordweltmeisterin, die in ihrem Heimatland Georgien Schach zum Nationalsport machte, erzählt gerne, wie sie lange von den Großmeistern müde belächelt wurde und diese sich bei Turnieren verbündeten, um sie nicht hochkommen zu lassen. Diesbezüglich stimmt die Handlung der Netflix-Erfolgsserie „Queens Gambit“, in der sich Hauptdarstellerin Beth Harmon in der reinen Männerwelt durchbeißen muss. Weil ihre Rolle aber „sexistisch und herabsetzend“ sei, verklagte die 80-Jährige den Streamingdienst Mitte September.

Eine Lanze für das Frauenschach brach nach Gaprindaschwili aber vor allem Judit Polgar. Die Ungarin verweigerte sich den Wettbewerben ihres „schwachen“ Geschlechts und maß sich fast nur mit Männern. Sie brach im Alter von 15 Jahren und vier Monaten den Rekord von Bobby Fischer als jüngster Herren-Großmeister und katapultierte sich als bisher einzige Dame in die Top Ten der Männer-Weltrangliste.

Nur ein Bruchteil des Männer-Preisgelds

Die 45-Jährige hat sich längst aus dem aktiven Geschehen zurückgezogen und promotet lieber den Denksport weltweit. Es kursieren in der Männerwelt des königlichen Spiels zahlreiche Witzchen, warum Frauen auf den 64 Feldern nicht mithalten können. Zwei quantifizierbare Gründe sind: Zum einen fühlen sich Mädchen offensichtlich – ähnlich wie bei Computer-Spielen – weniger von Schach angezogen. Beim Deutschen Schachbund (DSB) ist nur knapp jedes 17. Mitglied eine Frau.

Zudem erhalten sie, was die eigenwillige wie streitbare Pähtz schon häufiger gegenüber dem DSB monierte und was wohl auch einer der Gründe für ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft war, weniger Preisgeld und Unterstützung als die Männer. Das macht das Leben einer Profispielerin noch schwieriger als das ohnehin meist karge der mehr als 1.600 Herren-Großmeister – in Riga kassierte der zweitplatzierte Fabiano Caruana mit 50.000 Dollar (43.115 Euro) im Männer-Turnier zum Beispiel mehr als dreimal so viel Preisgeld wie Pähtz.

Selbst Vincent Keymer erhielt für seinen sensationellen fünften Platz (7:4 Punkte) mit 16.773 Dollar (14.460 Euro) ein besseres Salär. Der nur an Nummer 65 gesetzte Bundesligaspieler von Vizemeister SF Deizisau wurde dank seines Erfolgs mit 16 Jahren die bislang jüngste Nummer eins der deutschen Schach-Bestenliste. Das Talent rückte mit aktuell 2.652 Elo in die Top 100 der Männer vor.

Pähtz ist davon noch meilenweit entfernt. Der Zugewinn von 19 Elo Weltranglisten-Punkten lässt sie jedoch mit 2.504 Elo auf Platz 14 der Frauen-Weltrangliste vorrücken – und sie befindet sich damit endlich auf Augenhöhe mit ihrem langjährigen Trainer und Vater: Der Erfurter Thomas Pähtz ist seit 1990 Großmeister.