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Warum Ostfriesland gegen die DDR spielt - und gewinnt

Mit einem besonderen Länderspiel haben ehemalige Spieler an die Wendezeit erinnert, als DDR-Fußballer von einer Provinz in die andere wechselten.

Mit der Fahne der untergegangenen DDR unterstützen Fans eine Auswahl ehemaliger Fußballer in Emden, doch Ostfriesland ist stärker.
Mit der Fahne der untergegangenen DDR unterstützen Fans eine Auswahl ehemaliger Fußballer in Emden, doch Ostfriesland ist stärker. © dpa/Michael Bahlo

Von Sebastian Stiekel

Emden. Der Blick auf den Länderspiel-Plan an diesem Wochenende verrät: Am Samstag spielten unter anderem Finnland gegen die Ukraine, Andorra gegen England – und „Ostfriesland gegen die DDR“. Unter diesem Namen hat ein Fußballfan aus Emden ein großes Benefizspiel organisiert, das an eine abenteuerliche Geschichte aus der frühen Nachwende-Zeit erinnert: Damals holten die Amateurclubs Kickers Emden und SpVg Aurich mehr als ein Dutzend Fußballer aus der ehemaligen DDR nach Ostfriesland.

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Die meisten von ihnen leben als Steuerberater, Supermarktleiter oder Sportheim-Betreiber noch immer dort. Und zwei von ihnen machten sogar eine große Karriere: Steffen Baumgart, der gerade den Bundesligisten 1. FC Köln trainiert, und der Nationalspieler Jörg Heinrich.

Nun trafen sich in Emden alle wieder und spielten gegen eine Auswahl gebürtiger Ostfriesen, zu denen unter anderem der aktuelle St.-Pauli-Trainer Timo Schultz gehört, aber auchdie früheren Zweitliga-Profis Frank Löning, Jens Wemmer und Uwe Groothuis. Die Ostfriesen siegten vor rund 1.000 Zuschauern in diesem torreichen "Länderspiel" mit 9:4.

Was Baumgart noch mit seiner Auricher Zeit von 1991 bis 1994 verbindet? „Das war meine erste Berührung mit dem Westen – auch wenn es Ostfriesland heißt. Es waren drei super Jahre“, sagte er jetzt der Ostfriesen-Zeitung.

Steffen Baumgart (M.) kann es also auch selbst noch. Der Trainer des 1. FC Köln spielte in der Mannschaft früherer DDR-Fußballer, die nach dem Mauerfall in den Westen gingen.
Steffen Baumgart (M.) kann es also auch selbst noch. Der Trainer des 1. FC Köln spielte in der Mannschaft früherer DDR-Fußballer, die nach dem Mauerfall in den Westen gingen. © dpa

Schon kurz nach dem Mauerfall begannen die Klubs der Fußball-Bundesliga damit, die DDR-Oberliga leer zu kaufen. Für die Spieler der beiden zweiten DDR-Ligen interessierte sich dagegen kaum jemand. Das war die Chance für die Provinzvereine aus Aurich und Emden, die im Westen zwar nur in der Verbandsliga Niedersachsen spielten, aber beide einen großen sportlichen Ehrgeiz und vor allem zahlungskräftige Förderer hatten.

„Wir wussten ja: Hinter uns ist nur Wasser. Wir mussten uns so oder so ins Auto setzen, wenn wir uns verstärken wollten. Also bin ich einfach losgefahren“, sagte Bernhard Janssen, der damals erst die Kickers und später die Auricher trainierte und noch später mehr als zehn Jahre die Nachwuchs-Abteilung des VfL Wolfsburg leitete. Janssen fuhr also immer wieder gen Osten in den Jahren 1990 und 1991, er schaute sich Spiele und Spieler in Frankfurt/Oder, in Velten, in Berlin und Schwerin an. Andere Klubs aus dem Westen taten das auch, aber niemand war so hartnäckig wie Janssen oder die Vertreter aus Aurich.

Ein bisschen Spaß muss sein: Der einstige Regionalliga-Spieler Uwe Lüdtke (l) von der DDR-Mannschaft umklammert Timo Schultz, den Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli, der für Ostfriesland spielte.
Ein bisschen Spaß muss sein: Der einstige Regionalliga-Spieler Uwe Lüdtke (l) von der DDR-Mannschaft umklammert Timo Schultz, den Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli, der für Ostfriesland spielte. © dpa

Er fuhr auch zum Training oder traf Spieler wie Jörg Heinrich oder Jörg Müller, beide damals bei der BSG Chemie Velten, im Café. Und jedes Mal, wenn einer von ihnen zusagte, war das immer auch ein Argument für andere, ebenfalls nach Ostfriesland zu ziehen. „Das Gesamtpaket war attraktiv“, sagte Stephan Prause. Der 51-Jährige spielte zum Zeitpunkt des Mauerfalls für die Olympiaauswahl der DDR und für den FC Vorwärts Frankfurt/Oder.

Doch während das Sportsystem im Osten zusammenbrach, bot man ihm in Emden neben der Spielmacher-Rolle beim BSV Kickers auch einen Ausbildungsplatz und eine Wohnung. Auch Baumgart arbeitete während seiner Auricher Zeit als KFZ-Mechaniker im „Autohaus am Deich“, der spätere Champions-League-Sieger Heinrich als Bürokaufmann für die Tankstellen-Kette des Emder Vereins-Bosses.

Vier Ossis für die Ostfriesen aus Emden: Ingo Hermanns, Stephan Prause, Jörg Müller und Jörg Heinrich (v. l.) beim Spiel 1993 in Kiel. :
Vier Ossis für die Ostfriesen aus Emden: Ingo Hermanns, Stephan Prause, Jörg Müller und Jörg Heinrich (v. l.) beim Spiel 1993 in Kiel. : © Privat/Kai Schoolmann/dpa

„Natürlich hatte ich eigentlich andere Vorstellungen und wollte Profi werden“, sagte Prause. So machte er unter anderem ein Probetraining bei Hertha BSC, aber die nahmen lieber Mario Basler. „Am Ende habe ich das Angebot von Kickers angenommen. Es war ausschlaggebend, dass ich genau wusste: Da sind schon Spieler, die ich teilweise aus der Schule kannte. Auf den blauen Dunst wäre ich sicher nicht hier hoch gegangen. Ostfriesland lag ja am anderen Ende der Republik.“

So standen in Aurich im 22-Mann-Kader der Saison 1991/92 elf Kicker aus den neuen Bundesländern. Und in Emden brach mit top ausgebildeten Spielern wie Heinrich, Prause und Co. eine Fußball-Euphorie aus. 1991 stieg der Club in die drittklassige Oberliga auf. 1994 schaffte er es bis in die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. Kickers Emden gegen Eintracht Braunschweig 5:2 und Kickers Emden gegen VfL Osnabrück 3:0 – so gingen Spiele damals aus.

Die sportlichen Erfolge erleichterten alles: die Eingewöhnung in einer neuen Welt und auch die Akzeptanz unter den Mitspielern. „Ostfriesen werden ja immer als stur und schwierig dargestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Emden war fußballbegeistert, wir wurden sehr warmherzig aufgenommen“, erzählte Prause.

Ostfriesische Idylle: Schafe grasen auf dem Deich vor dem Pilsumer Leuchtturm.
Ostfriesische Idylle: Schafe grasen auf dem Deich vor dem Pilsumer Leuchtturm. © dpa/Sina Schuldt

Auch Heinrich beschrieb das in einem 11Freunde-Interview: „Nicht nur wir waren gespannt auf das Leben im Westen, auch die Ostfriesen waren neugierig auf uns Ossis.“ Für den 37-maligen Nationalspieler war Emden ein Sprungbrett: 1994 wechselte er zum SC Freiburg in die Bundesliga, 1996 zu Borussia Dortmund, 1998 nach Italien zum AC Florenz. Auch Steffen Baumgart machte nach seiner Zeit in Aurich noch 225 Bundesliga-Spiele für Hansa Rostock, den VfL Wolfsburg und Energie Cottbus.

In der Rückschau fragt sich Prause manches Mal: Hätte er nach den ersten Jahren in Emden auch gehen sollen? Zu Hannover 96? Zum VfL Osnabrück? Doch er gehört zu den vielen „Ossis in Ossiland“, die dort bis heute geblieben sind. Er baute ein Haus, seine Tochter kam zur Welt, er machte sich als Immobilienkaufmann und Hausverwalter selbstständig. „Bei mir war es nicht geplant, dass ich hier bleibe“, sagte er. „Aber man fasst hier Fuß, man kann hier schön und entspannt leben. Irgendwas muss ja dran sein an Ostfriesland.“ (dpa)

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