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Botschafter für die Heimat

Tony Jantschke spielt seit 14 Jahren tief im Westen für Mönchengladbach. Trotzdem engagiert sich der Fußball-Profi weit im Osten für Hoyerswerda.

Tony Jantschke ist glücklich als Fußball-Profi im Rheinland, aber zu Hause in der Lausitz.
Tony Jantschke ist glücklich als Fußball-Profi im Rheinland, aber zu Hause in der Lausitz. © Norbert Jansen

Vielleicht ist es unachtsam, gedankenlos. Aber genau das ist es, was Tony Jantschke stört, weshalb er kurz auf die Hupe tippt. Der Fahrer im Auto vor ihm hat gerade eine Zigarettenkippe aus dem Fenster geschnippt. „Wir reden davon, wie wichtig es ist, die Umwelt zu schützen, dafür muss man mit kleinen Dingen anfangen“, sagt der Fußball-Profi von Borussia Mönchengladbach. Wenn ihm etwas missfällt, macht er den Mund auf. Seine Einstellung: „Ich finde, in Deutschland könnten wir noch mehr Haltung zeigen.“

Jantschke kennt nur dieses eine Deutschland, er wurde am 7. April 1990, ein halbes Jahr vor der offiziellen Wiedervereinigung, geboren. In Hoyerswerda. Ost und West sind für ihn in erster Linie geografische Begriffe. „Ich kenne die DDR nur aus Erzählungen, möchte mir kein Urteil über diese Zeit erlauben“, sagt er – und ärgert sich, wenn es andere oberflächlich tun. „Man sollte, egal, aus welcher Perspektive man es sieht, die Menschen mit Respekt behandeln“, sagt Jantschke. „Für die Staatsform konnten die wenigsten DDR-Bürger etwas, deshalb darf man nicht die Lebensleistung einer ganzen Generation infrage stellen.“

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Er war ein kleiner Junge, als seine Heimat mit der deutschen Einheit bereits einen Strukturwandel erlebte, der zunächst ein Niedergang war. In der Braunkohle, dem wichtigsten Industriezweig, fielen Zehntausende Arbeitsplätze weg, Brikettfabriken wurden abgerissen, Tagebaue runtergefahren. Im Gaskombinat Schwarze Pumpe, sozialistischer Vorzeigebetrieb und größter Arbeitgeber der Region, wurde erst abgespeckt und dann modernisiert.

Viele haben Hoyerswerda verlassen, die Einwohnerzahl sank von rund 70.000 auf gerade mal noch etwas mehr als 32.000. „Natürlich ist die Stadt vom Wegzug sehr gebeutelt“, sagt Jantschke. Hinzu kamen die Angriffe auf Asylbewerber 1991, die das Image nachhaltig geschädigt haben. „Man hört das immer wieder, aber so, wie ich Hoyerswerda wahrnehme, ist es eine weltoffene Stadt.“ Er würde seine Herkunft niemals verleugnen – dort drüben, tief im Westen. „In der Kabine erzähle ich von Hoyerswerda, meine Mitspieler wissen, dass ich dort zuhause und stolz darauf bin.“

Als kleiner Knopp beginnt er beim Hoyerswerdaer SV Einheit mit dem Fußball, sein Vater Sören ist damals Übungsleiter und nimmt ihn öfter mit zum Training. Robert Bilinski und Torsten Tschierske entwickeln das Talent, das in Dresden jedoch erst einmal durchfällt. Mit zehn Jahren schafft Jantschke die Aufnahmeprüfung für die Sportschule bei Dynamo nicht. „Im Nachhinein bin ich dafür sogar dankbar, denn daraus habe ich eine Trotzreaktion entwickelt.“ Bei einer Bezirksmeisterschaft danach wird der Stadtnachbar FV Nord, jetzt SC Borea, auf ihn aufmerksam, Thomas Baron setzt sich für ihn ein.

So kommt Tony doch noch nach Dresden, überwindet das Heimweh und geht als 16-Jähriger nach Mönchengladbach, seitdem spielt er für die Borussia. Fern der Heimat bleibt er ihr dennoch verbunden. „Hier bin ich geboren, hier leben meine Familie, meine Freunde, hier habe ich meine Aktivitäten neben dem Fußball“, sagt Jantschke. Er veranstaltet jedes Jahr ein Fußballcamp für Nachwuchskicker, ist Pate für den Zoo, unterstützt Kindereinrichtungen mit Geschenken, darunter die Kinderstation im Seenland-Klinikum, und natürlich seinen Verein als Hauptsponsor.

Wie viel er jedes Jahr für soziale Zwecke ausgibt, behält er für sich. „Das würde ich nie sagen, das ist nicht meine Intention. Die Empfänger wissen es zu schätzen, das ist für mich Dank genug.“ Deshalb war es ihm eher unangenehm, als darüber berichtet wurde, dass er während der Corona-Zwangspause für einen Monat das Honorar für die Nachwuchstrainer beim SC Borea übernommen hat. „Eine Herzensangelegenheit ohne Wenn und Aber“, betont er. „Mir geht es nicht darum, bloß Geld irgendwohin zu geben, es muss eine Idee, ein Konzept dahinterstecken.“

Von Heimat zu reden, sei schön und gut, Taten entscheidend. Jantschke ist wie sein Vater und sein Bruder als Unternehmer in Hoyerswerda aktiv, hat unter anderem zwei prestigeträchtige historische Gebäude am Markt gekauft, darunter das ehemalige Standesamt. Sie wurden saniert, Drei- und Vierraumwohnungen entstanden. Vor vier Jahren haben sie den Umbau der alten Orthopädie in der Altstadt zu einem Wohnpark übernommen.

Seit 14 Jahren spielt er nun schon in Mönchengladbach: Tony Jantschke
Seit 14 Jahren spielt er nun schon in Mönchengladbach: Tony Jantschke © dpa/Soeren Stache

Sein Engagement hat also durchaus eine finanzielle Seite, daraus macht er keinen Hehl, wobei: „Wenn ich allein nach den wirtschaftlichen Aspekten gegangen wäre, hätte ich sicher nicht in Hoyerswerda investiert, sondern in Dresden oder Berlin, die haben nun mal eine größere Anziehungskraft.“ Sein Credo ist jedoch ein anderes: „Wenn alle nur in den Metropolen investieren, bleiben Städte wie Hoyerswerda auf der Strecke.“

Dabei habe sich die Stadt gut entwickelt seit dem Aderlass Anfang der 1990er-Jahre. „Es wurden viele Fördermittel investiert, um sie für diejenigen, die hiergeblieben sind, lebenswert zu gestalten.“ Das Kino und das Schwimmbad nennt er, zudem die Kulturfabrik, ausreichend und komfortablen Wohnraum. „Es gibt sicher nicht viele Städte von dieser Einwohnerzahl mit einer solchen Infrastruktur“, meint Jantschke, auch wenn es keine Sehenswürdigkeiten gebe, die weltweit bekannt sind.

Doch mit dem Seenland, das die Tagebaurestlöcher nach und nach verschwinden lässt, werde die Region für Touristen attraktiver. „Das gibt noch mal einen Schub.“ Er ist auch hier eingestiegen, unterhält Ferienappartements am Geierswalder See. „Mit meiner Heimatverbundenheit und der Tatsache, dass es sich wirtschaftlich auszahlt, ist das eine Win-win-Situation.“ Jantschke will eines Tages zurückkommen, es wird wohl auf Dresden hinauslaufen, woher seine Freundin stammt.

Seit 14 Jahren spielt er nun schon in Mönchengladbach, lebt jetzt in Düsseldorf. Trotzdem. „Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen: Das Rheinland ist meine Heimat geworden“, sagt er – und erklärt: „Ich bin heimisch geworden, was den Verein und das Umfeld betrifft, ja. Aber meine Familie und meine Freunde habe ich in Hoyerswerda, Dresden und Leipzig. Das war mir immer wichtig, meinen Freundeskreis aus der Jugend zu behalten.“

Deshalb war und ist er so oft, wie es der Trainings- und Spielplan zulassen, zu Hause. „Die Leute wissen, wie ich aufgewachsen bin, kennen meine Macken“, sagt Jantschke. „Das ist für mich ein wichtiger Anker, gerade in diesem schnelllebigen Fußball-Geschäft mit seinen Höhen und Tiefen.“ Er will privat eben nicht als ein Bundesliga-Star wahrgenommen werden. „Ich bekomme immer ein sehr ehrliches Feedback, also: Auf die Idee, abzuheben, wäre ich nie gekommen.“

Mit Ost und West hat das nichts zu tun, den vermeintlichen Riss, der das vereinigte Land nach wie vor teilt, nimmt er so nicht wahr. Unterschiede gebe es genauso zwischen Nord und Süd, manches Klischee werde überspitzt. „Wenn die Menschen im Osten den Euro einmal mehr umdrehen, heißt es, sie seien geizig. Und wenn die Leute im Westen etwas selbstbewusster auftreten, wird ihnen unterstellt, sie seien arrogant“, meint er: „Wenn man sich gegenseitig respektiert, können Unterschiede sehr angenehm sein.“

Für einen, der nach dem Mauerfall geboren wurde, sind die Vorurteile sowieso schwer nachzuvollziehen. Tony Jantschke zeigt Haltung. Mit dem Bekenntnis zu seiner Heimat und eben auch bei einer leichtfertig weggeworfenen Zigarettenkippe.

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