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"Die Fußball-Einheit ist noch nicht vollzogen"

Die Nationalmannschaft spielt in Leipzig, doch das ist eher Zufall. Sachsens Verbandschef will mehr Beachtung, der Bundestrainer wegen Dresden nachfragen.

Die Nationalmannschaft in Leipzig - das ist ein seltener Besuch. In diese Woche finden gleich zwei Spiele statt, wenn auch ohne Zuschauer.
Die Nationalmannschaft in Leipzig - das ist ein seltener Besuch. In diese Woche finden gleich zwei Spiele statt, wenn auch ohne Zuschauer. © dpa/Robert Michael

Von Ullrich Kroemer

Leipzig. Ort und Zeitpunkt könnten nicht besser passen. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung spielt die deutsche Nationalmannschaft im geschichtsträchtigen November in der Stadt der friedlichen Revolution. Vor 30 Jahren sollte in Leipzig das Wiedervereinigungsspiel zwischen DDR- und BRD-Auswahl stattfinden, doch das war damals abgesagt worden. 

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Nun gastiert die DFB-Elf gleich zweimal in Leipzig, beim Test gegen Tschechien am Mittwoch und der Nations-League-Partie gegen die Ukraine am Samstag. „Wir sind froh, hier zu sein“, sagte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff floskelhaft.

Eine symbolische Bedeutung oder Botschaft mochte der Ex-Stürmer den beiden Duellen in der Messestadt nicht beimessen. Bierhoff lobte die DFB-Gründungsstadt zwar als „gutes Pflaster für uns“ und erinnerte sich an einen Besuch in der Nikolaikirche, als Jürgen Klinsmann noch Bundestrainer war. Doch dass die Spiele Signalwirkung für den Fußball-Osten haben könnten – gerade im Jahr des Wende-Jubiläums –, hatte der Manager nicht auf dem Schirm. Eine Steilvorlage, die ins Leere trudelt.

Länderspiele bislang gegen wenig attraktive Gegner

Dabei wäre es durchaus notwendig und an der Zeit, die Belange des Ostfußballs stärker in den Blickpunkt zu rücken. In den 170 Spielen als gesamtdeutsches Team hat die Nationalelf erst neunmal überhaupt in den neuen Bundesländern gespielt. 

Seit dem Neubau des Zentralstadions war Leipzig – auch als Austragungsort für die EM 2024 vorgesehen – zwar bereits sechsmal Gastgeber. Allerdings für die eher weniger attraktiven Länderspiele gegen Kamerun (2004/3:0), Liechtenstein (2006/4:0), Israel (2012/2:0), Georgien (2015/2:1) und Russland (2018/3:0). Das Spektakel beim 4:3 gegen Mexiko 2005 kam eher zufällig zustande, weil die deutsche Elf beim Confed-Cup um Platz drei spielte. Außerhalb Leipzigs gastierte die DFB-Elf lediglich zweimal in Rostock – zuletzt 2006 – und einmal zur Ost-Premiere im Oktober 1992 in Dresden.

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff, hier links im Foto während des Trainings mit Torwart Kevin Trapp, will der Wahl Leipzigs als Spielort keine besondere Bedeutung zumessen.
Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff, hier links im Foto während des Trainings mit Torwart Kevin Trapp, will der Wahl Leipzigs als Spielort keine besondere Bedeutung zumessen. © dpa/Robert Michael

Das sei tatsächlich „lange her“, meinte auch Joachim Löw kürzlich bei seinem Besuch in der VW-Manufaktur. „Als ich heute Morgen mit dem Zug angereist und dann am Stadion vorbei gefahren bin, habe ich gedacht: Es wäre schön, hier mal ein Länderspiel zu haben“, sagte der Bundestrainer. „Das Stadion ist sehr, sehr schön. Die Menschen in der Region sind unheimlich fußballbegeistert, das sieht man an Dynamo. Deshalb werde ich beim DFB nachfragen, was geplant ist für die Zukunft.“ Bisher offenbar nichts.

Der Osten sei „bei Länderspielen definitiv unterrepräsentiert“, betont Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbandes (SFV). „Ich bin dem DFB dankbar, dass jetzt zwei Länderspiele in Leipzig stattfinden. Aber das ist doch das Normalste der Welt, dass man auf Ausgewogenheit in ganz Deutschland achtet.“

Der DFB hat die geforderte Kapazität deutlich reduziert

Weil der DFB nur Länderspiele in die großen deutschen Arenen mit Mindestkapazität von 40.000 Zuschauern vergab, war der Osten bislang weitgehend außen vor. 2018 jedoch öffnete sich der DFB auch für Stadien ab 25.000 Plätzen. „Aufgrund der zurückgehenden Zuschauerzahlen schauen wir, auch in andere Stadien zu gehen, wo dann gute Atmosphäre ist“, sagte Bierhoff auf Nachfrage. 

Länderspiele in Dresden, Rostock und Magdeburg, wo die DFB-Elf 1933 zuletzt auflief, wären also durchaus möglich. „Wenn die Akzeptanz etwas fehlt und die Zuschauer wegbleiben, ist es doch eine logische Folge, dass man auch mal in kleineren Stadien wie in Rostock spielen könnte“, fordert SFV-Chef Winkler.

Bierhoff gab zu Bedenken, dass eigentlich nur die großen Arenen die umfangreichen Vorgaben des europäischen Verbandes Uefa und der TV-Sender umsetzen können. Ein Stadion für ein Länderspiel Uefa-tauglich zu machen, brächte vielerorts hohe Kosten mit sich, sodass meist in den großen Bundesliga-Städten gespielt werde.

Mal wieder in Leipzig. Bundestrainer Joachim Löw grüßt bei der Ankunft im Hotel am Montag. Länderspiele auch in Dresden kann er sich sehr gut vorstellen.
Mal wieder in Leipzig. Bundestrainer Joachim Löw grüßt bei der Ankunft im Hotel am Montag. Länderspiele auch in Dresden kann er sich sehr gut vorstellen. © dpa/Robert Michael

Das ist dem sächsischen Landesfürsten Winkler zu wenig. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Ich möchte mich nicht mit zwei Länderspielen zufriedengeben und 30 Jahre nach der deutschen Einheit sagen, dass wir damit alles geschafft haben“, sagt der Grimmaer, auch Vize-Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes. „Für mich ist die Einheit im deutschen Fußball nicht vollständig vollzogen.“

Winkler argumentiert, dass „alle Vereine im Osten mit einer besonders schwierigen Situation“ klarkommen müssten, weil die wirtschaftliche Situation hier weit schwieriger sei als in den alten Bundesländern. Von den 500 größten deutschen Unternehmen sitzt nicht einmal ein Zehntel im Osten, was sich auch auf die Zahlkraft potenzieller Sponsoren auswirkt. „Deswegen brauchen wir auch eine besondere Berücksichtigung, zum Beispiel bei Länderspielen“, findet Winkler.

Sachsens Fußballchef will den Nachwuchs fördern

Direkten Einfluss haben die Landesverbände nicht auf die Vergabe der Spielorte, die im DFB-Präsidium stattfindet. „Wir können nur immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es ganz wichtig ist, dass im Osten Deutschlands Spiele stattfinden“, mahnt Winkler. „Die Kinder und Jugendlichen im Osten wollen doch auch mal ihre Idole sehen. Auch so fördert man den Nachwuchs, aber dann müssen die Nationalspieler auch mal hier spielen.“

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So wie aktuell in Leipzig, auch wenn wegen der Corona-Pandemie diesmal keine Fans vor Ort dabei sein dürfen. „Die Zuschauer fehlen, klar. Wir alle wünschen uns die Emotionen im Stadion“, sagt Löw. Im Aufgebot des Bundestrainers stehen mit Toni Kroos aus Greifswald und dem in Annaberg-Buchholz geborenen Felix Uduokhai derzeit gerade mal zwei Kicker, die ostdeutsche Wurzeln haben – 30 Jahre, nachdem Andreas Thom und Matthias Sammer als Erste aus der ehemaligen DDR für die gesamtdeutsche Auswahl aufliefen. (mit SZ/-ler)

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