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Auch Berti Vogts schwärmt von Dynamo-Legende Dixie

Hans-Jürgen Dörner war einer der herausragenden Spieler bei Dynamo. Als Trainer hatte er weniger Glück. Erinnerungen zu seinem 70. Geburtstag.

Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner ist für die Dynamo-Fans längst eine Legende. Aber auch als Trainer im Westen hat er nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner ist für die Dynamo-Fans längst eine Legende. Aber auch als Trainer im Westen hat er nachhaltigen Eindruck hinterlassen. © dpa/Robert Michael

Dresden. Das Gefühl kennt wohl jeder. „Die letzten Jahre sind unheimlich schnell vergangen“, meint Hans-Jürgen Dörner, der seit Kindertagen „Dixie“ gerufen wird. Die älteren Jungs auf dem Bolzplatz in seiner Heimatstadt Görlitz sollen ihm zugerufen haben: „Na komm, du kleener Dixie, kannst ruhig bei uns mitspielen.“ Damals ahnten sie nicht, dass aus dem Spitz- so etwas wie ein Künstlername werden sollte. Der kleine „Dixie“ ist nämlich außergewöhnlich talentiert, spielt bei der BSG Energie, dann bei Motor Görlitz und wird mit 16 Jahren schließlich nach Dresden delegiert – zu Dynamo.

Sein Bild hängt inzwischen in der Galerie der Ehrenspielführer an der Tribüne des Stadions, für die Fans der Schwarz-Gelben ist er eine Legende, ein Idol. Als Spieler hat Dörner gewonnen, was er in der DDR gewinnen konnte, war dreimal Fußballer des Jahres, hat 100 Länderspiele bestritten, der Olympiasieg von Montreal 1976 verleiht seiner außergewöhnlichen Karriere einen goldenen Glanz. Das ist lange her, aber unvergessen. Deshalb wird auch heute, an seinem 70. Geburtstag, zu Recht vor allem an seine großartigen Erfolge erinnert.

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Vogts konnte mit dem Namen nichts anfangen

Dörner selbst weiß nicht, wo er anfangen sollte zu erzählen, so viel hat er erlebt, auch wenn er einen Höhepunkt des DDR-Fußballs verpasste. Bei der Weltmeisterschaft 1974, als der Osten den favorisierten Westen in der Vorrunde durch das Tor des Magdeburgers Jürgen Sparwasser mit 1:0 bezwang, fehlte er wegen der Nachwirkungen einer Gelbsucht. Für die BRD dabei war der spätere Bundestrainer Berti Vogts. „Das einzige Mal, dass ich etwas wahrgenommen habe vom Fußball drüben, war, als wir gegen die DDR verloren haben“, gibt der 74 Jahre alte Vogts zu.

Er wusste mit dem Namen Dörner also kaum etwas anzufangen, als der 1990 in den Trainerstab des wiedervereinigten Deutschen Fußball-Bundes (DFB) übernommen wurde. Zuvor hatte „Dixie“ die in der DDR übliche Laufbahn eingeschlagen: ein Sportstudium abgeschlossen, als Übungsleiter im Nachwuchs bei Dynamo angefangen und zur Wende bereits die Olympiaauswahl betreut. Beim DFB machte ihn Vogts zu seinem Assistenten, ließ ihn bei der EM 1992 in Schweden und bei der WM 1994 in den USA die Gegner beobachten.

Fußball-Bundestrainer Berti Vogts (r.) machte „Dixie“ Dörner 1990 zu einem seiner Assistenten bei der Nationalmannschaft. Heute sagt er: „Ich habe selten einen so freundlichen Menschen kennengelernt.“
Fußball-Bundestrainer Berti Vogts (r.) machte „Dixie“ Dörner 1990 zu einem seiner Assistenten bei der Nationalmannschaft. Heute sagt er: „Ich habe selten einen so freundlichen Menschen kennengelernt.“ © dpa

„Ich kann nur von ihm schwärmen“, sagt Vogts über Dörner. „Ich habe selten einen so freundlichen Menschen kennengelernt. Wie er mit uns geredet und zusammengearbeitet hat, speziell mit mir, das hat mir imponiert.“ Und auch von der fachlichen Kompetenz des Sachsen ist der Bundestrainer schnell überzeugt. „Die Art und Weise, wie er den jungen Spielern etwas vorgemacht hat, war außergewöhnlich“, sagt Vogts – und er schätzt ein: „,Dixie‘ Dörner war nach Franz Beckenbauer der beste deutsche Spieler seiner Zeit. Er hätte in der Bundesliga sehr viel Geld verdient.“

Als „Beckenbauer des Ostens“ wird Dörner im Westen tituliert, was sicher gut gemeint ist. Beide interpretierten ihre Position, den Libero, auf elegante Weise, technisch brillant, das Spiel aus der Abwehr heraus strategisch führend. Trotzdem kann „Dixie“ mit dem Vergleich wenig anfangen, was keinesfalls daran liegt, dass er – anders als der „Kaiser“ – nie hofiert worden ist. Dörner war weder als Experte in überregionalen Medien gefragt, noch erhielt er je einen lukrativen Werbevertrag.

Als Ossi zum Westklub

Sie seien zwei unterschiedliche Spielerpersönlichkeiten in verschiedenen Mannschaften und gegensätzlichen Systemen gewesen. „Bei uns gab es keine Stars, die medial gepusht wurden“, sagt „Dixie“. Die Umstellung, meint wiederum Vogts, sei Dörner nicht leichtgefallen. „Er musste lernen, wie man mit den Profis klarkommt, dass das direkte Gespräch das Wichtigste überhaupt ist“, meint sein früherer Chef. „Er hätte manchmal auch lauter werden können und dürfen.“

Deshalb, berichtet Vogts, habe er ihm geraten, noch ein, zwei Jahre beim DFB zu bleiben, als Dörner im Januar 1996 ein Angebot von Werder Bremen bekam: Als erster Trainer aus dem Osten sollte er eine Bundesliga-Mannschaft übernehmen. „Wir waren gescheitert mit Aad de Mos“, sagt Willi Lemke, damals Manager bei Werder und erzählt, wie sie auf Dörner gekommen sind: „Unser Präsident Franz Böhmert war selbst ein ehemaliger ,Ossi‘, ein Großteil seiner Familie lebte in der Nähe von Magdeburg. Er hat uns Dörner empfohlen, weil er von Spielern und beim DFB nur Positives über ihn gehört hatte.“

Hält Werder-Manager Willi Lemke (l.) hier Ausschau nach dem Charterflugzeug? Eine umstrittene Testspiel-Reise kostet Dörner 1997 den Job in Bremen.
Hält Werder-Manager Willi Lemke (l.) hier Ausschau nach dem Charterflugzeug? Eine umstrittene Testspiel-Reise kostet Dörner 1997 den Job in Bremen. © dpa

Dörner sah die Chance anstatt das Risiko. „Ich habe nicht lange überlegt und zugesagt. Schon als Spieler wollte ich Großes erreichen, und die Bundesliga ist nun mal das Größte für einen Trainer in Deutschland.“ Rückblickend meint mancher, er hätte den sicheren Schoß des Verbandes nicht verlassen sollen, er selbst hadert jedoch nicht: „Ich wollte keinen Rentenjob, sondern mich weiterentwickeln.“ Deshalb schlug er den Rat von Vogts („Das kommt zu früh!“) in den Wind und nahm die große Herausforderung an. Er führte Werder vom Abstiegsplatz zweimal in den Europapokal. „Es stimmt nicht, dass es dort nicht funktioniert hat“, meint Dörner.

Manager Lemke sieht das genauso, auch er spricht in den höchsten Tönen von ihm: „Menschlich und fachlich absolut top, charakterlich sauber. Wir hatten viel Spaß, zum Beispiel bei einer Skifreizeit in Kaprun. Er war privat nicht so distanziert, wie er vielleicht als Trainer rüberkam.“ In seiner Außenwirkung sieht auch Dörner ein Problem. „Ich hatte nicht gelernt, mich zu verkaufen“, sagt er. „Im Fußball ist viel Show, man muss sich präsentieren, hier ein Statement abgeben, dort Stellung beziehen. Das war ich nicht gewohnt, und das ist mir auf die Füße gefallen.“

Dixie Dörner - sein Leben, seine Erfolge:

Geboren: 25. Januar 1951 in Görlitz.

Als Spieler bei Dynamo von 1968 bis 1986, bestritt mit 557 Einsätzen die meisten Pflichtspiele für die Schwarz-Gelben, davon unter anderem 392 in der DDR-Oberliga sowie 65 im Europapokal.

DDR-Meister 1971, 1973 sowie dreimal in Folge von 1976 bis 1978.

Pokalsieger 1971, 1977, 1982, 1984, 1985.

DDR-Fußballer des Jahres 1977, 1984 und 1985.

Für die DDR-Nationalmannschaft 100 Länderspiele (neun Tore), davon 60-mal als Kapitän.

Olympiasieger 1976 in Montreal. Zweiter bei der Junioren-EM 1969, Finale gegen Bulgarien durch Losentscheid verloren.

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Zumal er bei Werder ein schwieriges Erbe antrat. Mehr als 14 Jahre war Otto Rehhagel in Bremen der geradezu allmächtige Chefcoach. „Otto hat den Verein anderthalb Jahrzehnte geprägt und gesagt, wo es langgeht. Wir haben jeden Trainer danach an ihm gemessen. Das war eine schwere Hypothek“, erklärt Lemke. „Möglicherweise war ,Dixie’ für die Spieler nicht so klar als Respektsperson zu erkennen. Wenn einer bei Rehhagel Mist baute, hatte er immer ein gutes Gedächtnis, Dörner war verständnisvoller, eher kooperativ.“

Lobenswerte Eigenschaften, die offenbar im Profi-Fußball weniger gefragt sind. Das Ende war unrühmlich – für Werder. Der Verein schickte die Mannschaft ohne Nationalspieler im August 1997 zu einem Turnier auf Teneriffa, kassierte eine hohe Antrittsgage – und in zwei Spielen gegen Teneriffa (0:4) und Atletico Madrid (0:8) zwölf Gegentore. „Wir haben das eher locker gesehen, aber die Spanier haben es sehr ernst genommen und es genossen, uns richtig in den Allerwertesten zu treten“, sagt Manager Lemke. Nach den derben Pleiten sahen sich aber einige in der Vereinsspitze zum Handeln gezwungen.

Mit vollem Einsatz wie hier gegen Zwickau und fußballerischer Klasse: So haben die Fans „Dixie“ Dörner als Spieler in bester Erinnerung.
Mit vollem Einsatz wie hier gegen Zwickau und fußballerischer Klasse: So haben die Fans „Dixie“ Dörner als Spieler in bester Erinnerung. © Frank Kruczynski

Dabei war Dörner für das Desaster nicht verantwortlich. Die Spieler hatten wenig Lust auf diese Reise, und nach dem Hinflug war die Stimmung endgültig versaut. „Wir hatten einen Charterflug gebucht, der unendlich lange gedauert hat. Sie hatten uns eine Propellermaschine gestellt, wir mussten sogar zwischenlanden“, erinnert sich Lemke an die Tortur. Anschließend wurde „Dixie“ als 227. Trainer in der Bundesliga vorzeitig entlassen.

Danach hat er nie wieder ein Angebot aus der ersten oder zweiten Liga bekommen, Trainer aus dem Osten hatten es nach der Wende im Westen schwer. „Die Chancen, die andere am laufenden Band kriegen, bekommen wir nicht“, kommentierte das Dörner damals. Eduard Geyer sagte einst, wenn die Bundesliga nicht zu ihm komme, müsse er eben zu ihr gehen – und schaffte das mit Energie Cottbus. Hans Meyer, der Carl Zeiss Jena 1981 ins Europapokal-Finale geführt hatte, war erst nach seinen Erfolg im niederländischen Enschede für Mönchengladbach interessant.

Große Ziele, wenig Geld

Dörner ging nach Ägypten, wurde mit Al Ahly Kairo 2001 Pokalsieger und Vizemeister. Dagegen war er beim FSV Zwickau und dem VfB Leipzig scheinbar erfolglos. Bittere Erfahrungen. „Die Verantwortlichen dort haben viel erzählt und große Ziele ausgegeben, aber nach kurzer Zeit war das Geld alle“, erklärt Dörner. „Mit Spielern, die nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen oder Weihnachtsgeschenke kaufen sollen, wirst du kaum Spiele gewinnen.“

Dabei gewann er mit Leipzig sogar 5:1 gegen den VfB Chemnitz, als die Fotografen während des Spiels plötzlich die Kameras auf ihn richteten. Sein Rauswurf war eine traurige Inszenierung. „Ich hatte geahnt, was passiert, war aber trotzdem enttäuscht, weil sie nicht den Mut hatten, es mir ins Gesicht zu sagen.“ Dörner machte Schluss mit dem Profi-Fußball, führte den Radebeuler BC in die Landesliga und half bei der SG Einheit Dresden-Mitte.

Mit Dynamo ist Dixie Dörner immer noch eng verbunden, telefoniert oft mit Sportgeschäftsführer Ralf Becker.
Mit Dynamo ist Dixie Dörner immer noch eng verbunden, telefoniert oft mit Sportgeschäftsführer Ralf Becker. © dpa/Sebastian Kahnert

Seine große Leidenschaft aber bleibt der Nachwuchs, seit einigen Jahren ist er mit der Dynamo-Fußballschule unterwegs. Die Feriencamps müssen jedoch derzeit coronabedingt ausfallen. „Das fehlt, weil ich sehr gerne mit der Jugend trainiere“, sagt „Dixie“. „Dadurch bin ich jung geblieben, die Bewegung hält mich fit.“ So spielt er für die Traditionsmannschaft, was „immer noch Spaß gemacht“ hat, im Moment aber genauso unmöglich ist. „Mal sehen, wenn diese Pandemie vorbei ist, ob es überhaupt noch geht“, meint Dörner augenzwinkernd.

Feier muss dieses Jahr ausfallen

Wer ihn kennt weiß, dass er auch mit 70 gerne am Ball bleibt. Als Aufsichtsrat bei Dynamo ist er das seit 2013 sowieso. „Ich beschäftige mich jeden Tag mit Dynamo, telefoniere öfter mit Sportgeschäftsführer Ralf Becker. Er fragt mich nach meiner Meinung, das finde ich gut.“ Das war schließlich nicht immer so, mehrfach wurde sein Name in den 2000er-Jahren auch als Trainer zwar medienwirksam gehandelt, aber das Interesse war nur geheuchelt.

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Wie schnell die Zeit vergeht, wird Dörner zu seinem Jubiläum einmal mehr bewusst, auch wenn er betont: „Ich habe kein Problem mit der Zahl.“ Er wird mit seiner Lebensgefährtin Annett zu Hause sein. „Es gibt ja Vorgaben, an die man sich halten muss.“ Rummel um seine Person mag er sowieso nicht, auf eine Feier mit ihrem 24 Jahre alten Sohn sowie den zwei Kindern aus seiner Ehe, den fünf Enkeln und zwei Urenkeln muss er diesmal verzichten.

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