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Dynamo arbeitet die Krawalle nach dem Aufstieg auf

Der Geschäftsführer sucht mit dem Innenminister nach Lösungen, Gewalt zu verhindern. Das Fanprojekt Dresden erinnert an funktionierende Konzepte.

Am 16. Mai vor dem Rudolf-Harbig-Stadion: Gewalttätige Fußball-Hooligans liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei.
Am 16. Mai vor dem Rudolf-Harbig-Stadion: Gewalttätige Fußball-Hooligans liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Es sind keine konkreten Ergebnisse, sondern Absichtserklärungen. Aber es ist ein Zeichen, dass die Geschehnisse rund um Dynamos Aufstiegsendspiel gegen Türkgücü München am 16. Mai tatsächlich aufgearbeitet werden und Konsequenzen gezogen werden sollen. Nach den ersten und notwendigen Verurteilungen der Gewalt durch etwa 500 vermeintliche Dynamo-Fans, die vor dem Stadion die Polizei mit Steinen, Pyrotechnik, Absperrgittern und anderen Gegenständen angegriffen haben, suchen Verein und Politik den sachlichen Austausch.

So haben am Mittwoch der Innen- und Sportminister Sachsens Roland Wöller sowie Dynamo-Geschäftsführer Jürgen Wehlend in einem Video-Telefonat nach Lösungsansätzen gesucht, wie solche Vorfälle künftig verhindert werden sollen. Das teilt der Verein auf seiner Internetseite mit. "Es kommt darauf an, die vielen friedlichen Fußballfans von den gewalttätigen Hooligans klar zu trennen. Dies gilt nicht nur im, sondern auch vor dem Stadion", wird Wöller zitiert. Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte sich bei einem Besuch der Mannschaft im Trainingszentrum bereits ähnlich geäußert.

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Die von Wöller unmittelbar nach den Ereignissen eingeforderten Stadionverbote und personalisierten Tickets werden in der Mitteilung nicht erwähnt. Die Ausschreitungen vom 16. Mai wären damit auch nicht zu verhindern gewesen, weil eben wegen der Corona-Pandemie keine Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion sein durften.

Fanprojekt kritisiert die Vorbereitung auf das Spiel

Das ist ein Ansatz in einer ersten Analyse des Fanprojektes Dresden. Für viele vor allem junge Fans sei "ein wichtiger Teil ihrer Lebenswelt" weggebrochen, weil sie seit Monaten keine Stadionerlebnisse haben und selbst das gemeinsame Fußballschauen in Kneipen oder im Privaten nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Sachsens Innenminister Roland Wöller über das Gespräch mit Dynamos Geschäftsführer: "Ein weiterer nächster Schritt für ein gemeinsames und konsequentes Handeln wurde heute getan."
Sachsens Innenminister Roland Wöller über das Gespräch mit Dynamos Geschäftsführer: "Ein weiterer nächster Schritt für ein gemeinsames und konsequentes Handeln wurde heute getan." © Robert Michael/dpa

"Darüber hinaus haben sich aber auch langjährig eingespielte Abläufe rund um ein Fußballspiel im Profibereich verändert", heißt es in der Erklärung. Demnach funktionieren die vorgesehenen Netzwerke zwischen Vereinen, städtischen Institutionen, Polizei und Fanprojekten "aktuell nicht in den etablierten Strukturen". Das betreffe auch die Vorbereitung der Spieltage, "mit Blick auf die besondere Situation rund um die Begegnung am 16.05.2021 hätten hier aber wieder die bewährten Instrumente umfänglich genutzt werden sollen".

Es habe nicht, wie sonst üblich, bereits am Dienstag eine Sicherheitsbesprechung mit allen Institutionen gegeben. Das Fanprojekt wurde erst am Freitag einbezogen. Bis dahin seien Gespräche in einem kleineren Kreis zwischen Verein, Polizei und der Landeshauptstadt Dresden geführt worden mit der Absicht, coronakonforme und rechtlich zulässige Gelegenheiten für das Feiern eines möglichen Aufstieges zu finden. Diese sei jedoch wegen der derzeit geltenden Corona-Schutz-Verordnung in Sachsen - anders als in Rostock - nicht umsetzbar gewesen.

Nach "Durchbruchversuch" andere Polizei-Strategie

Allerdings sei das von keiner der beteiligten Institutionen rechtzeitig und klar kommuniziert worden. Dynamo veröffentlichte erst am Abend des 14. Mai Informationen zum Spiel mit der eindringlichen Bitte an die Fans, den möglichen Aufstieg zu Hause zu feiern. Bis dahin habe sich innerhalb sozialer Netzwerke "eine enorme Erwartungshaltung zum Spieltag hin" entwickelt. "Dieser wurde nicht widersprochen, sie steigerte sich in verschiedenen Online-Kanälen und fand ihre Bestätigung durch vereinzelte informelle Aufrufe und Ankündigungen." So versammelten sich am Spieltag geschätzt 5.000 Menschen auf der Hauptallee im Großen Garten und den umliegenden Wiesen und Wegen, viele missachteten die geltenden Corona-Regeln wie Abstand und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.

Obwohl Dynamo den Aufstieg perfekt macht, eskaliert vor dem Stadion die Lage. Etwa 500 Gewalttäter liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei.
Obwohl Dynamo den Aufstieg perfekt macht, eskaliert vor dem Stadion die Lage. Etwa 500 Gewalttäter liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. © dpa/Robert Michael

Zudem habe die kurzfristige Verlegung des Spieles von Samstag auf Sonntag bei vielen Fans für Frustration gesorgt. "Der Spieltag und das Stadionumfeld wurden somit attraktiv für vielfältigste Milieus", schlussfolgert das Fanprojekt, das zwischen 13 und 21 Uhr mit drei Sozialarbeitern rund um das Stadion im Einsatz war und nach eigener Darstellung zumindest in Einzelfällen Personen von der Eskalation abhalten konnte.

In dem Rückblick wird geschildert, dass die Fans zunächst friedlich feierten, sich dann aber eine Gruppe zum alten Trainingsgelände begab. Dort seien die Polizeikräfte und Einsatzwagen an der Lennéstraße mit Pyrotechnik und Flaschen beworfen worden. Die Einsatzleitung wertete das als "Durchbruchsversuch", wie es in einer Polizeimitteilung hieß, und reagierte mit dem Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und dem Abschießen von Tränengaskartuschen. Die Gewalt eskalierte.

Die Schreckensbilanz des Tages: "Die Anzahl von Verletzten bei der Polizei ist mit 185 konkret benannt worden. Zudem wurden mindestens 44 verletzte Fans von der Rettungsleitstelle bekannt gegeben", heißt es vom Fanprojekt. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher liegen. Auch zwei Medienvertreter wurden bei den Übergriffen verletzt.

In Dresden so schlimm wie seit 2007 nicht mehr

Das Fanprojekt verurteilt die Gewalt gegen Polizisten und Journalisten genauso wie antisemitische Beleidigungen, die es am Rande gegeben hatte. Der Prozess der Auseinandersetzung mit den Abläufen und offenen Fragen sei komplex, es trete eine mühsame und zeitintensive Aufarbeitung in Gang. "Diese muss das Ziel haben, eine Wiederholung derartiger Ereignisse auszuschließen."

Dynamos Geschäftsführer Jürgen Wehlend betont: "Wir werden alles Notwendige dafür tun, damit sich derartige Szenen voller Hass und Gewalt nicht mehr wiederholen."
Dynamos Geschäftsführer Jürgen Wehlend betont: "Wir werden alles Notwendige dafür tun, damit sich derartige Szenen voller Hass und Gewalt nicht mehr wiederholen." © dpa/Robert Michael

Der Forderung nach neuen Konzepten widerspricht das Fanprojekt insofern, dass die bewährten Strukturen mit professioneller Netzwerkarbeit unter Einbindung von Fangruppen diesmal nicht ausreichend genutzt worden sind. "Durch die jahrelange, erfolgreiche Zusammenarbeit aller lokalen Akteure sind seit 14 Jahren Szenen wie die vom vergangenen Sonntag in Dresden nicht zu sehen gewesen", wird betont.

Am 28. Oktober 2007 war es nach dem Spiel von Dynamos zweiter Mannschaft gegen Lok Leipzig in der Landesliga zu ähnlichen Ausschreitungen gekommen. Damals wurden zehn Menschen, darunter vier Polizisten, verletzt. Auch danach gab es jedoch solche gravierenden Vorkommnisse - bei Auswärtsspielen der SGD unter anderem in Osnabrück und Dortmund (2011), Hannover (2012), Kaiserslautern und Bielefeld (2013) sowie Magdeburg (2016).

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"Wir werden alles Notwendige dafür tun, damit sich derartige Szenen voller Hass und Gewalt nicht mehr wiederholen", beteuert Dynamo-Geschäftsführer Wehlend nach seinem Gespräch mit Minister Wöller. Er wünsche "nochmals allen verletzten Beamtinnen und Beamten, allen Medienvertretern sowie unseren Fans und Mitgliedern eine vollständige Genesung". Die intensive, umfassende sowie konsequente Aufarbeitung der Ereignisse gehe weiter.

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