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Dynamos Pendler nervt die Baustelle auf der A4

Mit einem emotionalen Interview hat Chris Löwe bei den Fans Kultstatus erreicht. Jetzt spricht er privat über seine Autofahrten, die Familie und die Corona-Gefahr.

Die Haare raufen musste sich Chris Löwe beim Abstieg mit Dynamo. Doch nun ist die Stimmungslage komplett anders.
Die Haare raufen musste sich Chris Löwe beim Abstieg mit Dynamo. Doch nun ist die Stimmungslage komplett anders. © Lutz Hentschel

Dresden. Chris Löwe runzelt kurz die Stirn. Als „Linksverteidiger, Führungs- und Mentalitätsspieler“ hat ihn Dynamos Sprecher gerade zur Pressekonferenz vor dem Spiel in Lübeck angekündigt. „Da hast du ganz schön einen rausgehauen“, sagt er später zu Henry Buschmann. Dabei könnte man noch einen draufsetzen und Löwe eine Kultfigur nennen. Diesen Status hat der 31-Jährige zumindest für die Fans erlangt, als er in einem Interview unter Tränen und mit deutlichen Worten die Corona-Politik des Ligaverbandes kritisierte.

„Der Inhalt steht heute noch, über die Art und Weise kann man streiten“, sagt Löwe jetzt zu seinem emotionalen Ausbruch. „Glauben Sie wirklich, dass sich die DFL oder Christian Seifert (Geschäftsführer/Anm. d. Red.) auch nur eine Sekunde überlegt, was das für uns bedeutet? Sie sitzen in ihren 5.000 Euro teuren Bürostühlen, und wir müssen diesen verf**** Preis bezahlen“, hatte er im Juni nach der Niederlage in Kiel geschimpft.

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Dynamo musste wegen positiver Corona-Tests von insgesamt vier Spielern für 14 Tage in Quarantäne und danach in einem Drei-Tage-Rhythmus auch die Spiele nachholen, die deshalb verschoben wurden. Löwe fühlte sich um die Chance auf den Klassenerhalt gebracht. „Das war schon eine Ausnahmesituation“, erklärt er seinen Gefühlsausbruch. Natürlich weiß er, dass sich der Abstieg nicht allein mit diesen Umständen erklären lässt, auch wenn die eine Wettbewerbsverzerrung darstellen. Der wichtigste Grund wird im Vergleich deutlich. „Ich denke, dass wir eine Mannschaft in der Kabine haben, die von Position 1 bis 28 charakterlich einwandfrei ist“, sagt Löwe. „Es ist einfach ein angenehmeres Miteinander als vorige Saison, was letztlich allen hilft, weil die Trainingsqualität besser ist.“

Mit Tränen in den Augen und deutlichen Worten hat Chris Löwe im Juni den Ligaverband wegen seiner Corona-Politik attackiert, nun kämpft er mit Dynamo um den Wiederaufstieg.
Mit Tränen in den Augen und deutlichen Worten hat Chris Löwe im Juni den Ligaverband wegen seiner Corona-Politik attackiert, nun kämpft er mit Dynamo um den Wiederaufstieg. © Screenshot: SZ

Er ist geblieben, pendelt weiter von Chemnitz nach Dresden. Dafür hatte sich Löwe bereits entschieden, als er im Sommer 2019 aus England in die Heimat zurückgekehrt war. Sein Sohn sollte dort in den Kindergarten gehen, wo die Familie nach Löwes Profi-Karriere ihren Lebensmittelpunkt sieht. „Um ihm den Schuleinstieg so einfach wie möglich zu machen, sollte er Zeit bekommen, sich in seinem neuen Umfeld einzugewöhnen“, hat Chris Löwe die Entscheidung im Interview mit dem Stadionmagazin Kreisel erklärt.

„Wir waren immer sehr eng mit der Region verbunden, weil unsere Familien hier leben und wir beide ein hervorragendes Verhältnis zu unseren Eltern haben. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich.“ Dennoch werde es jetzt wohl wieder darauf hinauslaufen, die privaten Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, sagt Löwe in Anbetracht rasant steigender Corona-Infektionszahlen.

Kein Knuddelverbot für den Papa

Bei Dynamo waren die Tests bisher negativ, auch die vom Donnerstagvormittag, aber das Risiko ist real. „Mein Kleiner könnte es jeden Tag mit nach Hause bringen.“ Ein Knuddelverbot wird sich der Papa deshalb trotzdem nicht auferlegen. „Da bin ich ehrlich. Er ist viel zu jung, als dass er verstehen könnte, warum und wieso das so wäre“, meint Löwe. „Ich gehe davon aus, dass es der Kindergarten auch seriös angeht und die Wahrscheinlichkeit minimiert, ausschließen kann man es nie.“

Im Auto ist er allein unterwegs, hört morgens Radio, nutzt die Zeit nachmittags für Telefonate über die Freisprechanlage. „Damit ich die zu Hause nicht führen muss.“ Er sei bisher nie zu spät gekommen, weil er für die knapp 80 Kilometer von der Haustür zur Trainingsakademie mindestens anderthalb Stunden einplant. „Die Baustelle auf der A 4 nervt gerade ein bisschen“, sagt er – und nimmt es hin: „Die wird so schnell nicht weg sein, also muss ich mich damit abfinden.“ Eigentlich sollten die Bauarbeiten an den Brücken zwischen Wilsdruff und Nossen Ende des Monats abgeschlossen sein, doch der Zeitplan ist nicht zu halten, die Verkehrsbeschränkungen werden erst Anfang nächsten Jahres verschwinden.

Automatik ist wichtig, um das linke Bein zu schonen

„Zu den Zeiten, in denen ich fahre, ist der Verkehr relativ ruhig, sodass ich selten auf Landstraßen ausweichen muss“, sagt Löwe, der einen älteren VW fährt. „Das Auto an sich ist mir nicht so wichtig, sondern die Automatik, damit das linke Bein beim Fahren ein bisschen geschont wird.“ Es ist schließlich sein starkes, mit links schlägt er Flanken, Ecken und Freistöße.

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Löwe will mit seiner Qualität und Erfahrung helfen, Dynamos Rückfall in die Drittklassigkeit zu korrigieren. Es gebe, und auch das ist ein wesentlicher Unterschied zur Vorsaison, mehrere Spieler, die vorangehen können und deren Meinung gefragt ist. „Dazu zähle ich mich mit Sicherheit auch“, sagt Löwe. Er hat etwas zu sagen, ohne ein Lautsprecher zu sein. Vielleicht wird er gerade deshalb gehört, wenn er zum Beispiel vor dem Spiel beim VfB Lübeck am Samstag mahnt: „Ich glaube, dass es in dieser Liga egal ist, wer gerade wo steht, weil wirklich jeder jeden schlagen kann.“ Der Aufsteiger ist nach vier Spielen sieglos und mit zwei Punkten Tabellenvorletzter.

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