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Warum dieses Ost-Duell besonders brisant ist

Zwischen Dynamo Dresden und Hansa Rostock gibt es nach 1990 entscheidende Spiele. Ex-Profi Florian Weichert hat einige erlebt - auf beiden Seiten.

In der Saison 1994/95 spielt Florian Weichert (li., im Zweikampf mit Ludwig Kögl vom VfB Stuttgart) für Dynamo, erzielt in 14 Spielen ein Tor und steigt mit den Dresdnern aus der Bundesliga ab.
In der Saison 1994/95 spielt Florian Weichert (li., im Zweikampf mit Ludwig Kögl vom VfB Stuttgart) für Dynamo, erzielt in 14 Spielen ein Tor und steigt mit den Dresdnern aus der Bundesliga ab. © imago images/Pressefoto Baumann

Dresden/Rostock. Es ist schon kurios, wie die Geschichte dieser beiden Vereine seit gut 30 Jahren miteinander verflochten ist. Zum dritten Mal sind sie nun gemeinsam aufgestiegen, wobei es 1991 offiziell eine Qualifikation war. Von Dynamo Dresden hatte man erwartet, einer der zwei Vereine aus der bereits ehemaligen DDR zu sein, die es in die Bundesliga schaffen. Von Hansa Rostock weniger, die Ostseestädter waren im Osten keine große Nummer, fünf Vizemeisterschaften in den 1950er- und 1960er-Jahren folgten maue Zeiten, im Pokalfinale haben sie fünfmal verloren.

Dynamo holte achtmal den Titel, gewann siebenmal den Pokal und spielte 98-mal im Europacup. Doch genau diese Meriten wurden mit der Wende zu einem Problem. „Im Westen hat man auf die Spitzenklubs geschaut, nur auf die Nationalspieler“, meint Florian Weichert, der damals bei Hansa spielte. „Wir hatten das Glück, dass keine Spieler weggegangen und wir eine schlagkräftige Truppe geblieben sind.“

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Die Dresdner dagegen hatten vor der Saison 1990/91 gleich fünf Auswahlspieler abgegeben mit Ulf Kirsten zu Bayer Leverkusen, Matthias Sammer zum VfB Stuttgart sowie Hans-Uwe Pilz, Andreas Trautmann und Matthias Döschner zu Fortuna Köln. Pilz und Trautmann kaufte Dynamo im Herbst zurück. Während Rostock ab dem vierten Spieltag unangefochten an der Spitze der Oberliga stand, mussten die Dresdner um Platz zwei kämpfen.

„Fußballinteresse war nach der Wende abgeflaut“

So kam es zu der unerwarteten Konstellation, dass Hansa am 4. Mai 1991 vier Spieltage vor Schluss mit einem Heimsieg gegen Dynamo bereits den letzten Titel im Osten für sich perfekt machen konnte. „Das war natürlich eine herrliche Dramaturgie für uns“, erinnert sich Weichert. „Das Fußballinteresse war nach der Wende abgeflaut, aber jetzt herrschte eine große Aufbruchstimmung in Rostock, die Leute spürten: Wir können etwas Großes schaffen.“

Und so kommt es. Hansa geht durch einen Freistoß von Juri Schlünz in Führung, Torsten Gütschow gelingt der Ausgleich. „Das soll nicht despektierlich klingen, aber diesen Respekt, den wir vor Dynamo sonst immer hatten, spürten wir diesmal nicht“, sagt Weichert. „Wir waren so überzeugt, es zu schaffen, dass daran kein Weg vorbei ging.“

Der Stürmer wird gefoult, Schlünz verwandelt seinen zweiten Freistoß. „Detlef Schößler hat mich später, als wir bei Dynamo zusammen spielten, damit aufgezogen, dass es nie ein Foul gewesen sei“, erzählt Weichert. Nach seiner Flanke hält Henri Fuchs den Fuß hin. 3:1 – Hansa ist Meister, Dynamo muss zittern, macht es aber mit Siegen gegen Magdeburg und bei Lok Leipzig anschließend klar.

Hansa startet furios in die Bundesliga

Bundesliga, wir kommen! Und wie. Rostock gewinnt zum Auftakt 4:0 gegen Nürnberg, die ersten zwei Treffer erzielt Weichert, danach mit 2:1 bei den Bayern in München und 5:1 gegen Borussia Dortmund. Spitzenreiter. Plötzlich sind die Hansa-Profis interessant für die großen West-Klubs. Bei Weichert klingelt das Autotelefon, das ihm der Verein geliehen hat. „Das war ein riesiger Koffer.“ Uli Hoeneß am Apparat. „Er hat mich gefragt, was er tun kann, damit ich zum FC Bayern komme.“

Weichert ist damals 23 Jahre alt. „Mein Ziel war es nicht, wegzugehen, sondern mit Hansa etwas zu schaffen. Das ist mein Heimatverein, dort bin ich groß geworden und in die Oberliga-Mannschaft gekommen. Davon träumst du als Sechsjähriger, wenn du eingeschult wirst und anfängst, Fußball zu spielen.“ Der Wechsel im Winter zerschlägt sich, in der Rückrunde läuft es für ihn und Hansa weniger gut.

Weichert hatte ein Angebot vom FC Bayern

Und wieder wird ein Ost-Duell entscheidend. Vor dem 33. Spieltag steht Rostock mit 29:35 Punkten auf Platz 13, Dynamo wäre mit 26:38 Zählern auf Rang 18 abgestiegen. In Dresden geht Hansa kurz nach der Pause in Führung, Weichert bereitet den Treffer von Michael Spies vor. Aber diesmal schaffen die Schwarz-Gelben die Wende, Sven Kmetsch und Dirk Zander erzielen die Tore beim 2:1-Sieg.

Für Hansa folgen vier weitere Niederlagen. Abstieg. Dynamo bleibt drin. Der Vierjahresvertrag, den Weichert zuvor in Rostock abgeschlossen hatte, ist hinfällig. „Ich weiß nicht mehr, ob es so vom Verein kam oder ich nur für die erste Liga unterschreiben wollte. Abstieg war für mich jedenfalls gar kein Thema“, sagt der heute 53 Jahre alte Fernsehjournalist. Wenn man will, kann man die Erfahrung, was Rostock damals passiert ist, für Dynamo aktuell als Warnung verstehen. Nach dem guten Start begannen die Schwierigkeiten.

Florian Weichert arbeitet heute als Fernsehjournalist. Er bestritt für Dynamo Dresden, Hansa Rostock, den VfB Leipzig und den Hamburger SV insgesamt 86 Spiele in der Bundesliga.
Florian Weichert arbeitet heute als Fernsehjournalist. Er bestritt für Dynamo Dresden, Hansa Rostock, den VfB Leipzig und den Hamburger SV insgesamt 86 Spiele in der Bundesliga. © SZ/Sven Geisler

„Wenn der Herbst kommt, es kalt wird, regnet und stürmt, der Boden tief ist und du wirst plötzlich vom Außenseiter zum Favoriten, wird es gefährlich“, meint Weichert. „Dann musst du als Mannschaft Charakter beweisen und dich auf das besinnen, was dich stark gemacht hat, aber auch im Umfeld die Ruhe bewahren. Wenn die Festung wackelt, zerbröselt es schnell.“

Weichert ging zum Hamburger SV. Die Bayern hatten ihm einen Amateurvertrag angeboten, damit er in der zweiten Mannschaft spielen kann, wenn er sich gegen die starke Konkurrenz doch nicht auf Anhieb durchsetzen sollte. Die Regularien verboten es Profis damals, bei den Amateuren zu spielen, umgekehrt durften aber auch nur drei Vertragsamateure in der Bundesliga eingesetzt werden. Kompliziert. „Die Perspektive beim HSV erschien mir einfach besser, außerdem war es Norden mit Meer und Hafen. Dort musste ich mich nicht groß umgewöhnen.“

Dynamos Abstieg? „Heute würde sich Politik einschalten!“

Im Sommer 1994 kam Weichert über den VfB Leipzig zu Dynamo. Was er nicht wusste: Die Vereine hatten eine Einsatzprämie vereinbart. „Ich glaube 5.000 oder 6.000 Mark, bei Ein- oder Auswechslung die Hälfte“, hat er für das Buch „Dynamos vergessene Helden“ erzählt. „Wenn ich spiele, werde ich richtig teuer für Dynamo. Als ich das erfahren habe, musste ich schlucken.“ Verletzungsprobleme kommen hinzu und er nie richtig in Dresden an. Sein einziges Tor erzielt er, als der Abstieg bereits feststeht beim 2:5 in Karlsruhe.

Dynamo wird die Lizenz entzogen, der Verein bis in die Regionalliga durchgereicht. „Einen Profiverein direkt in die Amateurliga zu schicken – da würden sich heute Ministerpräsidenten einschalten, weil auch Arbeitsplätze dranhängen“, meint Weichert. Hansa stieg wieder auf, spielte zehn Jahre am Stück in der Bundesliga, kehrte 2007 noch mal zurück, stürzte aber letztlich auch bis in die 3. Liga ab.

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Am Samstagabend begegnen sich Rostock und Dresden wieder in Liga zwei. Weichert tippt auf einen 2:1-Sieg für Hansa – und das gleiche Ergebnis im Rückspiel für Dynamo. „Beide Mannschaften werden ihre Heimspiele gewinnen“, meint er. Dann hätte jeder einen Punkt mehr als 2011/12 nach zwei Unentschieden, auch damals waren sie zuvor gemeinsam in die zweite Liga aufgestiegen. Hansa musste jedoch gleich wieder runter. So wie Dynamo 2006 – obwohl die Dresdner am letzten Spieltag in Rostock mit 3:1 gewonnen hatten.

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