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Wie Dynamo von Paderborn entzaubert wird

Ausgerechnet beim Hartmann-Abschied: Die erste Niederlage in der Saison und für Trainer Alexander Schmidt - die Analyse mit den Reaktionen.

Dynamos Torwart Kevin Broll hat bereits zum dritten Mal das Nachsehen. Paderborn macht mit Dynamo kurzen Prozess.
Dynamos Torwart Kevin Broll hat bereits zum dritten Mal das Nachsehen. Paderborn macht mit Dynamo kurzen Prozess. © dpa/Robert Michael

Von Sven Geisler und Jens Maßlich

Dresden. Den emotionalsten Moment gibt es diesmal vor dem Anstoß, einer, den Marco Hartmann gerne noch ein Jahr lang hinausgezögert hätte. Nach acht Jahren bei Dynamo wird der Ex-Kapitän verabschiedet, noch einmal skandieren die Fans seinen Namen, noch einmal feiern sie ihn für das, was er geleistet hat - und was er ihnen sagt. "Ich bin sehr dankbar für die Erlebnisse, die für immer bleiben", sagt der 33-Jährigem begleitet von seinem Sohn Carlie auf dem Rasen. "Egal, wo ich in Zukunft mein Handtuch an den Strand lege, ob in der Südsee oder an der Ostsee, es wird schwarz-gelb sein."

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Seine nun ehemaligen Mitspieler, Trainer und Betreuer trugen ein Trikot mit seiner Nummer 6, seinem Namen und seinem Bild auf der Brust. "Einmal Dynamo, immer Dynamo", gibt ihm Robert Pohl von der Fangemeinschaft mit auf den Weg und spricht aus, was sich alle wünschen: "Vielleicht öffnet sich für dich noch mal die schwarz-gelbe Tür."

Danach sorgt jedoch Paderborn schnell für Ernüchterung im Rudolf-Harbig-Stadion. Am Ende kassieren die Dresdner mit dem deutlichen 0:3 im Spitzenspiel ihre erste Niederlage in dieser Saison - und unter Cheftrainer Alexander Schmidt. Wie es dazu kommen konnte und was sonst passierte.

Blitz-Entscheidung und Rote Karte - wie kommt es dazu?

Das Ende ist einfach nur bitter - und das nicht nur wegen des Ergebnisses. In der 89. Minute gibt Robin Becker nach mehr als einem halben Jahr Zwangspause wegen eines Kreuzbandrisses sein Comeback - in der Nachspielzeit sieht er die Rote Karte. Sein Foul an Marco Stiepermann wertet der souveräne Schiedsrichter zu Recht als Notbremse. Es ist der traurige Schlusspunkt in einem Spiel, in dem für Dynamo ziemlich viel schiefgelaufen ist.

Robin Becker wird nach seiner Roten Karte von Trainer Alexander Schmidt getröstet.
Robin Becker wird nach seiner Roten Karte von Trainer Alexander Schmidt getröstet. © dpa/Robert Michael

Dabei beginnen die Dresdner gut, haben die ersten beiden Chancen. Christoph Daferner scheitert jeweils als SCP-Torwart Jannik Huth. Doch Paderborn trifft beinahe nach Belieben. Ballverlust von Panagiotis Vlachodimos, Konter, Flanke, Kopfball Sven Michel - das 0:1 in der achten Minute. Dresden ist geschockt und wirkt defensiv nach dem Ausfall von Tim Knipping unsortiert. Hinzu kommen individuelle Fehler. Erst verliert Michael Sollbauer den Ball an Kai Pröger und kann ihn nicht am Schuss hindern - Innenpfosten, 0:2 in der 24. Minute. Dann lädt Michael Akoto den Paderborner Stürmer zum Abschluss ein und der trifft erneut - das 0:3 in der 26. Minute.

Ein Freistoß von Chris Löwe in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit geht knapp vorbei, ansonsten läuft offensiv wenig. Schmidt reagiert, bringt mit Edel-Joker Philipp Hosiner und Pascal Sohm zwei neue Stürmer. Die erste Chance hat ein Verteidiger: Sollbauers Kopfball geht drüber. Mit einem schnellen Tor hätte vielleicht noch etwas gehen können, aber so bleibt es beim Bemühen um eine Ergebniskosmetik. Es fehlt die Überzeugung und bei allem Einsatz auch die Energie, hier noch etwas reißen zu können.

Sven Michel erzielt gegen Michael Sollbauer und Morris Schröter das 1:0 für Paderborn. Sven Michel erzielt gegen Michael Sollbauer und Morris Schröter das 1:0 für Paderborn.
Sven Michel erzielt gegen Michael Sollbauer und Morris Schröter das 1:0 für Paderborn. Sven Michel erzielt gegen Michael Sollbauer und Morris Schröter das 1:0 für Paderborn. ©  dpa/Robert Michael

Stattdessen fast das 4:0 durch Michel, aber Dynamo-Torwart Kevin Broll hält klasse (66.). Pröger trifft noch mal, steht vorher aber im Abseits (74.). Die Gäste aus Ostwestfalen sind robuster, gedanklich schneller und spielstärker. Dass Schmidt gut zehn Minuten vor Schluss die Viererkette auflöst und auch noch Sebastian Mai in den Angriff schickt, ist eher eine Verzweiflungstat. Sohm, Hosiner und Daferner zwingen Huth in der Schlussphase zumindest noch zu Paraden. Auch wenn sie diesmal nicht belohnt werden: Sie geben nicht auf. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis an diesem für Dynamo bitteren Nachmittag.

Den Liveticker von Dynamos Heimspiel gibt es hier noch mal zum Nachlesen.

Was sagen Trainer und Spieler zu der Klatsche?

Nach den Statistiken spreche nicht allzu viel für seine Mannschaft, meint Paderborns Chefcoach Lukas Kwasniok. Torschüsse 15:10, Ballbesitz 57:43 Prozent, Laufleistung 115,88 zu 115,09 Kilometer. Lediglich bei der Zweikampfquote ist Dynamo unterlegen mit 46 zu 54 Prozent. "Wir waren nicht so extrem unterlegen, wie es das nackte Ergebnis von 0:3 aussagt", erklärt auch Dynamos Trainer Alexander Schmidt. Paderborn sei nicht nur kalt, sondern eiskalt gewesen und habe die Chancen genutzt.

"Wenn man nach nicht einmal 30 Minuten mit 0:3 hinten liegt, ist es natürlich schwierig, das wegzustecken", meint Schmidt, "aber ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Sie hat sich nicht hängenlassen, Laufleistung, Engagement, Wille - das hat alles gepasst. Kopf hoch, weiter geht's!"

Lukas Kwasniok und Alexander Schmidt begrüßen sich vor dem Spiel. Nach dem deutliche 0:3 waren sich beide Trainer in der Analyse größtenteils einig.
Lukas Kwasniok und Alexander Schmidt begrüßen sich vor dem Spiel. Nach dem deutliche 0:3 waren sich beide Trainer in der Analyse größtenteils einig. © dpa/Robert Michael

Yannick Stark, der diesmal die Mannschaft als Kapitän auf den Platz führte, analysiert es so: "Wir hatten aussichtsreiche Torchancen, bei denen der Ball im Strafraum flippert, aber nicht zu uns kommt, wir nicht konsequent genug sind. Das müssen wir uns vorwerfen lassen. Hinten kriegen wir zwei Traumtore, eins begünstigen wir selbst, das 0:3 kommt noch hinterher. Das ist gegen eine konterstarke Mannschaft wie Paderborn natürlich Gift. Dann kommt so ein Ergebnis zustande."

Wie hat der Trainer auf den Knipping-Ausfall reagiert?

Das ist irgendwie typisch Schmidt: Ein Abwehrspieler fällt aus - und er bringt dafür einen Offensivmann: Für Knipping, der sich in Rostock schwer am linken Knie verletzt hatte und inzwischen erfolgreich operiert worden ist, rückt Vlachodimos in die Startelf. Die Viererkette bilden Schröter, Sollbauer, Akoto und Löwe.

Der verletzte Tim Knipping verfolgt das Spiel auf einem Stuhl neben der Ersatzbank, sein Trikot hängt symbolisch an der Bank. Der verletzte Tim Knipping verfolgt das Spiel auf einem Stuhl neben der Ersatzbank, sein Trikot hängt symbolisch an der Bank.
Der verletzte Tim Knipping verfolgt das Spiel auf einem Stuhl neben der Ersatzbank, sein Trikot hängt symbolisch an der Bank. Der verletzte Tim Knipping verfolgt das Spiel auf einem Stuhl neben der Ersatzbank, sein Trikot hängt symbolisch an der Bank. © dpa/Robert Michael

"Er ist einer unserer absoluten Leader, das tut uns weh", sagte der Chefcoach über den langfristigen Ausfall von Knipping. "Wir haben Leute, die Tim einigermaßen ersetzen können, ganz werden wir ihn nicht ersetzen können. Das ist jedem bewusst."

Trotzdem überrascht es, dass er sich nicht für Mai entschieden hat. Der Kapitän, der wegen einer Kniegelenkprellung in dieser Woche nicht voll trainieren konnte, saß zunächst auf der Bank. Diese Entscheidung korrigiert Schmidt nach 32 Minuten beim Stand von 0:3, bringt Mai für den offensiven Heinz Mörschel.

Einen weiteren Neuzugang als Knipping-Ersatz hatte Schmidt vorher ausgeschlossen. "Das haben wir besprochen, vertrauen aber unseren Spielern, die da sind. Wir werden es als Mannschaft schaffen, es zu kompensieren und niemanden mehr verpflichten."

Wie ist die Stimmung nach dem klaren Rückstand?

Mit offiziell 16.000 Zuschauern war das Rudolf-Harbig-Stadion unter Pandemie-Auflagen ausverkauft. Zum ersten Mal seit dem Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue am 8. März 2020 wird die Stimmung wieder im K-Block gemacht. Das Gesundheitsamt hatte genehmigt, die Stehplätze zu 50 Prozent auszulasten. "Wir wissen ganz genau, dass wir wieder jeden Zuschauer im Stadion brauchen, der uns unterstützt", meinte Schmidt vorab. Doch der frühe und vor allem klare Rückstand ist ein Dämpfer, auch wenn die Fans die Mannschaft natürlich weiter unterstützen. Doch dem Wunsch fehlt die stimmliche Überzeugung: "Wir wollen Dresden siegen sehen, oh, wie wäre das wunderschön."

Diesmal jubelt der Gegner in Dresden. Sven Michel erzielt die Führung für Paderborn, danach machen die Gäste aus Ostwestfalen mit Dynamo kurzen Prozess.
Diesmal jubelt der Gegner in Dresden. Sven Michel erzielt die Führung für Paderborn, danach machen die Gäste aus Ostwestfalen mit Dynamo kurzen Prozess. © dpa-Zentralbild

Ein paar unschöne Gesänge können sie sich leider nicht verkneifen, was schade und peinlich ist, wenn der Gegner beleidigt wird. Dabei sollte die gesamte Energie auch auf den Rängen nur für die eigene Mannschaft investiert werden. Wie sie es in der zweiten Hälfte bis zum Schluss trotz des klaren Rückstandes auch wieder praktizieren und für die Atmosphäre sorgen, für die sich Fußball-Dresden dann auch zu Recht rühmt.

16.000 Zuschauer verfolgen das Spiel. Erstmals seit dem Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue am 8. März 2020 wird die Stimmung wieder im K-Block gemacht.
16.000 Zuschauer verfolgen das Spiel. Erstmals seit dem Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue am 8. März 2020 wird die Stimmung wieder im K-Block gemacht. © dpa/Robert Michael

Die Fans honorieren den Einsatz der Mannschaft. "Wenn uns schnell ein Tor gelingt, hätte der Kessel noch mehr gekocht", meint Stark deshalb. "Wir haben bis zum Schluss alles versucht, aber der Ball wollte heute nicht reingehen, selbst wenn er in der 80. Minute reingegangen wäre, hätte noch mal was gehen können mit dieser Unterstützung."

Was sagt Marco Hartmann zu seinem Abschied?

Der Weg vom Parkplatz zum Stadion dauert diesmal besonders lange. Viele Fans wollen ein Foto mit Marco Hartmann machen. "Ich muss mich stark zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen, gleichzeitig versuche ich, das zu genießen", sagt er bei Sky.

Als er erfahren hatte, dass er keinen neuen Vertrag bekommt, sei er "schon sehr niedergeschlagen und leer" gewesen, räumt Hartmann im Interview mit dem Stadion-Magazin Kreisel ein. "Die Enttäuschung hat sich dann noch ein paar Tage hingezogen." Im Rückblick hätte er sich aber vermutlich mehr geärgert, "wenn ich zu stolz gewesen wäre, um einen neuen Vertrag zu kämpfen. Du kannst im Leben nicht immer gewinnen, auch wenn ich wirklich nicht gerne verliere."

Am Ende kann er die Tränen doch nicht mehr unterdrücken: Marco Hartmann verabschiedet sich nach acht Jahren bei Dynamo. Seine Frau Julia und Sohn Carlie sind auf dem Rasen im Rudolf-Harbig-Stadion dabei.
Am Ende kann er die Tränen doch nicht mehr unterdrücken: Marco Hartmann verabschiedet sich nach acht Jahren bei Dynamo. Seine Frau Julia und Sohn Carlie sind auf dem Rasen im Rudolf-Harbig-Stadion dabei. © dpa/Robert Michael

Inzwischen habe er aber den Blick nach vorn gerichtet, was jedoch nicht heißt, sich einen anderen Klub zu suchen. "Dynamo war etwas ganz Spezielles, da muss viel passieren, damit ich noch einmal die Fußballschuhe auf professioneller Ebene für einen anderen Verein schnüre." 3.032 Tage war er seit im Sommer 2013 bei Dynamo, seit 1990 haben nur Volker Oppitz mit 14 und Maik Wagefeld mit zehn Jahren länger für die Schwarz-Gelben gespielt.

"Und ich war diese acht Jahre hier ja auch nicht nur irgendwie dabei, sondern davon sogar auch dreieinhalb Jahre Kapitän. Das ist für mich etwas sehr Besonderes", meint Hartmann. In seinen 146 Pflichtspielen führte er die Mannschaft 73-mal auf den Platz. Beim 0:0 gegen Uerdingen am 5. Dezember 2020 hatte er nun definitiv seinen letzten Einsatz für die Schwarz-Gelben.

Für diese außergewöhnliche Zeit empfindet er große Dankbarkeit, wie er betont. Dresden sei für ihn, seine Frau Julia und die beiden Söhne "ein Stück Heimat", denn: "Heimat ist immer da, wo man sich wohlfühlt und Menschen sind, die man mag." Voller Stolz sagen sie: "Wir wohnen in Dresden, weil die Stadt so wunderschön ist und so viele Dinge für die Freizeit ermöglicht."

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… aber die Fans wünschen sich: Junge, komm bald wieder! Was Marco Hartmann zu seiner Zukunft sagt und wie er nach acht Jahren über Dresden denkt.

Seinen nun ehemaligen Mitspielern wünscht er, dass sie es als Mannschaft schaffen, "mit den Rückschlägen umzugehen, die sowieso irgendwann kommen werden. Wenn sie es schaffen, auch unter schwierigen Bedingungen diese Energie auf den Platz zu bringen, werden sie eine super Saison spielen.

Für ihn ist eine Rückkehr nicht ausgeschlossen, vorerst aber keine Option. Er wolle erst einmal Abstand vom Fußball gewinnen, wisse aber auch nicht, was in zwei Jahren ist.

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