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Wie sich der brave Walter im Verein unbeliebt macht

Tagebuch für Walter Fritzsch: Das Leben des Meistertrainers von Dynamo Dresden. Teil eins unserer neuen Serie: Als Fußballer in der Jugend.

Als junger Spieler beim Planitzer SC zu Beginn der 1940er-Jahre: Walter Fritzsch (stehend 2. v. l.) war mit Heinz Krügel (vorn links), dem späteren Erfolgscoach des 1. FC Magdeburg, in einer Mannschaft.
Als junger Spieler beim Planitzer SC zu Beginn der 1940er-Jahre: Walter Fritzsch (stehend 2. v. l.) war mit Heinz Krügel (vorn links), dem späteren Erfolgscoach des 1. FC Magdeburg, in einer Mannschaft. © Archiv: Norbert Peschke

Dresden. Es ist ein Zufall, dass Walter Fritzsch als kleiner Junge die gleichen Vereinsfarben trägt, mit denen er später zum Meistertrainer bei Dynamo Dresden wird. Wegen ihrer schwarz-gelben Spielkleidung werden die Fußballer des Planitzer SC auch „Die Wespen“ genannt, seine Eltern melden ihn den sechsjährigen Jungen beim aufstrebenden Zwickauer Klub an. Der kleine Walter – er wird nur 1,64 Meter groß – ist fasziniert von dem Spiel und als Stürmer talentiert.

Im „Tagebuch für Walter Fritzsch“ hat der Autor und Journalist Uwe Karte seinen Lebenslauf rekonstruiert und auf beachtliche Weise in die bewegende Geschichte seiner Zeit eingeordnet. Die Grundlage dafür hat Fritzsch selbst geliefert mit Dokumenten, Briefen und vor allem seinen Tagebüchern, die er ab 1938 über 57 Jahre geführt hat und nach seinem Tod 1997 in einem großen Koffer hinterließ. Er war Chronist in eigener Sache und ein Zeuge seiner Zeit, die geprägt war von drei Gesellschaftsordnungen und dem Zweiten Weltkrieg.

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Begeistert von Schalke im Westsachsenstadion

Anfangs klebt er die Zeitungsausschnitte ein, unterstreicht in den Berichten über die Spiele seinen Namen. Ein Mannschaftsfoto zeigt Fritzsch in der Jugend A 1, die im Spieljahr 1937/38 „Bannmeister“ im Zwickauer Land wurde. Die Schule hat er bereits abgeschlossen, mit einer Eins in Betragen und Fleiß wird ihm ein tadelloses Verhalten bescheinigt. Auch in der Lehre als Horizontalbohrer bei der Auto-Union in Zwickau ist er laut Zeugnis „sehr strebsam und fleißig“. Trotzdem orientiert er sich um, wird Technischer Zeichner. Dieses Talent, mit Tinte, Tusche und Skribent umzugehen, zeigt er später auch bei der Gestaltung seiner Tagebücher.

Walter Fritzsch wurde am 21. November 1920 in Planitz geboren, er starb am 15. Oktober 1997 in Dresden.
Walter Fritzsch wurde am 21. November 1920 in Planitz geboren, er starb am 15. Oktober 1997 in Dresden. © Foto: Waltraut Kossack

Seine Leidenschaft aber ist und bleibt der Fußball, die noch mal angestachelt wird durch das Gastspiel des FC Schalke 04 im August 1938 in der Planitzer Westsachsen-Kampfbahn, die legendäre Elf um Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. Mehr als 18.000 Zuschauer erleben die Premiere für den neuen Rasenplatz und die Holztribüne. Uwe Karte notiert ein interessantes Detail am Rande: „Auf jeder Eintrittskarte, der Stehplatz kostet eine Reichsmark, steht der Hinweis: ,Zurufe an Spieler und Schiedsrichter verboten!‘“ Der brave Fritzsch dürfte sich daran gehalten haben, zumal sein PSC überraschend mit 3:2 gewinnt.

Keine zwei Jahre später gehört er zum Team, das den VfB Glauchau im Pokal bezwingt, mit seinem Tor sorgt er für den 4:0-Endstand. Planitz ist damals die Nummer drei im sächsischen Fußball hinter dem Dresdner SC und dem VfB Leipzig. Während Nazi-Deutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Krieg beginnt, in dem mehr als 65 Millionen Menschen sterben werden, startet Fritzsch seine Karriere als Fußballer. Ab Juni 1940 zählt er zum Stamm der Mannschaft, erzielt in seinen neun Einsätzen zwei Tore.

Doppel-Spielrecht führt zu Verwicklungen

Bis er in sein Tagebuch schreibt: „Am 4.10.1940 wurde ich nach Leisnig zum Infanterie- und Ausbildungsbataillon 101 einberufen.“ Vorerst läuft der Fußball parallel weiter, der Rekrut Fritzsch spielt dank einer kriegsbedingten Regelung sogar für zwei Vereine: In Leisnig, wo er stationiert ist, für den VfB und weiter für den Planitzer SC, wenn er zu Hause ist. Ein solches Doppel-Spielrecht führt später zu Verwicklungen, als Fritzsch von der Ostfront nach Hause kommt. Den Grund hält er nüchtern fest: „12. Juli 1943: Verwundet – heim.“

Das Deckblatt fürs erste Tagebuch. Fast 57 Jahre hat Walter Fritzsch sein Leben dokumentiert.
Das Deckblatt fürs erste Tagebuch. Fast 57 Jahre hat Walter Fritzsch sein Leben dokumentiert. © Archiv: Fritzsch/Karte

Die 18. Panzer-Division, zu der Fritzsch gehört hatte, wird bei Smolensk aufgerieben. Er hatte Glück, ist wieder in Leisnig kaserniert, wo er zum Funker ausgebildet wird und das Gastspielrecht für den sportlich aufstrebenden BC Hartha bekommt. Doch dadurch gerät er im Januar 1944 in einen Gewissenskonflikt. „Ich bin mir nicht im Klaren, ob ich gegen den Planitzer SC mitspielen soll oder nicht. Wie man es macht, wird es verkehrt sein.“ Der Eintrag endet mit einem Wort. „Fliegeralarm.“

Wie der junge Fritzsch in seinen Aufzeichnungen mit dem Kriegszustand umgeht und scheinbar in einer eigenen Welt lebt, wirkt verstörend naiv. Er spielt, erzielt beim 4:2-Sieg nach 0:2 zwei Tore – für Hartha. „Einen jungen Wind hatte ich, bin fast alles gelaufen“, notiert er zufrieden: „Nach dem Spiel gab es ein schönes Schweinekotelett.“ Ein Zeitungsbericht schmeckt ihm dagegen weniger gut.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg schloss sich Walter Fritzsch (hinten 4. v. r.) zunächst wieder der Mannschaft in Planitz an, dann begann seine Trainerkarriere.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg schloss sich Walter Fritzsch (hinten 4. v. r.) zunächst wieder der Mannschaft in Planitz an, dann begann seine Trainerkarriere. © Archiv: Norbert Peschke

Beim Sieg von Hartha habe sich „ein gewisser Fritzsch“ verdient gemacht, dessen Stammverein der Planitzer SC sei. Der Kommentar: „Wir sind zwar der Meinung, dass unter wirklichen Sportsleuten es trotzdem nach wie vor die größte Selbstverständlichkeit bleibt, dass man als Gastspieler in dem Fall, da Gast- und Stammverein sich um Meisterschaftspunkte streiten, sich neutral unter die Zuschauer mischt, aber man sieht, selbst solche Selbstverständlichkeiten müssen seltene Ausnahme als Regel bestätigen.“

Der brave Walter hatte es sich mit den Anhängern seines Heimatvereins verdorben. Aber auch das spielt kurz darauf überhaupt keine Rolle mehr.

Tagebuch für Walter Fritsch - die Serie im Überblick:

  • Als Fußballer in der Jugend. Wie sich der brave Walter bei seinem Heimatverein unbeliebt macht.

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Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de
Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de © Kopie: Karte

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