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Dynamo-Profi Hosiner: Plötzlich Diagnose Krebs

Philipp Hosiner will sich einen Kindheitstraum erfüllen, als bei ihm ein zwei Kilo schwerer Tumor entdeckt wird. Jetzt macht er anderen Mut.

Philipp Hosiner ist 31 Jahre alt und Fußball-Profi bei Dynamo. Was sich so selbstverständlich anhört, ist es für den Österreicher nicht.
Philipp Hosiner ist 31 Jahre alt und Fußball-Profi bei Dynamo. Was sich so selbstverständlich anhört, ist es für den Österreicher nicht. © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Er schenkt ihr sein Trikot, für das Mädchen ein besonderer Glücksmoment. Philipp Hosiner kann ganz gut nachempfinden, was die 14-jährige Tina und ihre Eltern durchmachen. Sie kämpft gegen den Krebs, ist gezeichnet von der Chemotherapie. „Es ist eine ungewisse Zeit, in der man hofft und bangt, nur von Arzttermin zu Arzttermin denkt“, sagt der Fußball-Profi von Dynamo Dresden. Hosiner spricht aus eigener Erfahrung.

Für den Österreicher sollte im Januar 2015 mit dem Wechsel zum 1. FC Köln sein Kindheitstraum wahr werden. „Ich wollte immer in der deutschen Bundesliga spielen.“ Doch beim obligatorischen Medizincheck vor der Vertragsunterschrift stellt der Internist fest, dass mit der linken Niere des Stürmers etwas nicht stimmt, veranlasst daraufhin eine MRT-Untersuchung. Die Diagnose ist ein Schock. „Eigentlich sollte es einer der schönsten Tage in meiner Karriere werden, dann wurde mein Leben plötzlich auf den Kopf gestellt.“

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Hosiner ruft seine Frau und seine Eltern an, ohne die Dramatik selbst sofort realisieren zu können. Er denkt zunächst, es sei eine kleine Geschwulst, die per Arthroskopie entfernt werden könnte. Doch der Tumor ist groß, zwei Kilogramm schwer und bösartig. Wahrscheinlich war er seit fünf Jahren gewachsen. „Ich hatte nichts davon mitbekommen, dass sich so etwas in mir zusammenbraut“, sagt der geheilte Patient.  „Daran sieht man, was es für ein Wunder ist, was der Körper Tag für Tag abliefert.“

„Ich habe ständig in Lebensgefahr geschwebt“

Für ihn ist die Zeit davor nämlich die erfolgreichste. Mit Austria Wien spielt er in der Champions League, erzielt für die österreichische Nationalmannschaft beim 6:0 gegen die Färöer in der WM-Qualifikation zwei Tore. Danach zahlt der französische Erstligist Stade Rennes für ihn 1,9 Millionen Euro Ablöse. Was Hosiner damals nicht weiß: Bei jedem Zweikampf, jedem Schlag oder Tritt in die Nierengegend hätte der Tumor platzen können. „Wenn so etwas passiert, musst du notoperiert werden, weil innere Blutungen auftreten“, sagt der 31-Jährige. „Aber wenn du auf dem Fußballplatz liegen bleibst, kann es kurz darauf zu spät sein. Ich habe im Training wie im Spiel ständig in Lebensgefahr geschwebt und bin froh, dass nichts passiert ist.“

Philipp Hosiner hat zwar im Ost-Klassiker gegen Magdeburg selbst kein Tor erzielt, war aber an nahezu allen gefährlichen Offensivaktionen von Dynamo beteiligt.
Philipp Hosiner hat zwar im Ost-Klassiker gegen Magdeburg selbst kein Tor erzielt, war aber an nahezu allen gefährlichen Offensivaktionen von Dynamo beteiligt. © dpa/Thomas Eisenhuth

Wie ernst es ist, wird ihm vor der Operation noch mal bewusst. Sein Vater muss Blut spenden, falls Komplikationen auftreten. „Wenn du nicht weißt, ob du aus der Narkose wieder aufwachst, siehst du das Leben hinterher mit anderen Augen.“ Hosiner hat Glück, der Tumor ist abgekapselt und hat nicht gestreut, der Krebs kann vollständig entfernt werden. Seitdem sei der 11. Februar für ihn wie ein zweiter Geburtstag. An dem geht er in die Kirche, um sich dafür zu bedanken, dass es das Schicksal gut mit ihm gemeint hat. Auf seinen Glauben hat er vertraut, auch als nicht klar war, ob er weiter Fußball spielen kann.

Das schafft er schneller als gedacht, verlässt das Krankenhaus in Rekordzeit. „Ich habe, glaube, den Altersdurchschnitt auf meiner Station um 30 Jahre gesenkt“, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Vier Wochen lang kann der Torjäger nicht richtig aufrecht gehen, weil die 30 Zentimeter lange Narbe quer über dem Bauchraum so sehr spannt. „Aber als die Wundheilung abgeschlossen war, habe ich extrem viel gearbeitet, jeden Tag alles reingelegt.“

Verzicht auf Fleisch und Fisch - aus mehreren Gründen

Es klingt wie ein Wunder, weil es wunderbar ist. Nur zweieinhalb Monate nach dem Eingriff spielt Hosiner für die zweite Mannschaft von Stade Rennes wieder Fußball. Um dieses Glücksgefühl noch fast sechs Jahre später zu erfassen, reicht im Gespräch ein Blick in seine Augen. „Wenn man sich das überlegt“, sagt er, „was passiert ist und wie schnell sich der Körper erholt hat …“ Angst, er könnte wieder schwer erkranken, habe er nicht.

Der Österreicher ist einer, der mit seiner Erfahrung ein Führungsspieler sein kann.
Der Österreicher ist einer, der mit seiner Erfahrung ein Führungsspieler sein kann. ©  dpa/Robert Michael

Hosiner lebt bewusster, verzichtet seitdem auf Fleisch und Fisch, Käse und Eier sind die einzigen tierischen Produkte, die er ab und zu isst. Ein Argument: „Die Medikamente, mit denen die armen Tiere vollgestopft werden und die wir dann mit aufnehmen, erhöhen das Krebsrisiko.“ Außerdem sei das gut für die Regeneration und die Klarheit im Kopf. „Die Nachmittagsmüdigkeit ist weggefallen.“ Und für das Gewissen. „Es muss kein Tier umgebracht werden, um mich satt zu machen – ein super Gefühl.“

Hosiner wechselt ein halbes Jahr nach der Schocknachricht zum 1. FC Köln, für den er 15-mal in der Bundesliga eingesetzt wird und ein Tor erzielt beim 2:1-Sieg gegen den Hamburger SV. Danach spielt er bei Union Berlin in der zweiten Liga und das „irrsinnig gerne“, wie er sagt. Trotzdem verlässt er den Klub nach zwei Jahren, länger ist er nirgends geblieben. Dynamo ist bereits die elfte Station für den Angreifer. Man könnte Hosiner einen Wandervogel nennen, böswillig einen Legionär, aber für die Statistik gibt es vielschichtige Gründe.

„Es war nie so, dass mich der Verein weggeschickt hat, sondern entweder wollte mich ein anderer verpflichten und hat Ablöse gezahlt, oder ich habe eine neue Herausforderung gesucht“, erklärt er. „Ich war nie einer, der einen Vertrag aussitzt, bin auch mal einen Schritt zurückgegangen, um wieder öfter zu spielen.“ So wechselte er im September 2019 von Sturm Graz zum Chemnitzer FC, für den er vorige Saison 19 Tore in der 3. Liga erzielt hat, allein drei am letzten Spieltag beim 4:2-Sieg gegen Rostock.

Nach Anpassungszeit in Dresden angekommen

„Wenn man trotzdem wegen der um einen Treffer schlechteren Tordifferenz absteigt, ist das extrem bitter“, sagt Hosiner. Er war dadurch ablösefrei und hatte nach eigener Aussage viele Anfragen, darunter von Zweitligisten und aus dem Ausland. „Für mich stand aber von vornherein fest, dass es Dresden werden soll. Ich will ein Teil des Projektes sein und mit Dynamo in die zweite Liga zurückkehren.“

Keine Angst im Zweikampf - trotz der Erkrankung. Philipp Hosiner sieht es als ein Privileg an, Fußball spielen zu können - nicht nur aus sportlicher Sicht bei Dynamo, sondern vor allem gesundheitlich.
Keine Angst im Zweikampf - trotz der Erkrankung. Philipp Hosiner sieht es als ein Privileg an, Fußball spielen zu können - nicht nur aus sportlicher Sicht bei Dynamo, sondern vor allem gesundheitlich. ©  dpa/Robert Michael

Nach einer Anpassungszeit scheint er angekommen zu sein, auch wenn ihm im Ost-Duell gegen Magdeburg trotz vier guter Chancen kein Tor gelungen ist. Sein Kommentar: „Ich bin lange genug dabei, um zu wissen: Irgendwann rutscht einer rein. Deswegen mache ich mir keinen Stress.“ Diese Gelassenheit nimmt Hosiner aus seiner Lebenserfahrung. Im konkreten Fall hilft ihm auch Tina, das „fightergirl_06“, wie sie sich im Instagram-Profil nennt.

„Wenn man sich unten auf dem Platz über vergebene Torchancen ärgert und weiß, auf der Tribüne sitzt jemand, der einfach nur gesund werden will, relativiert das vieles“, sagt Hosiner. Mit der Einladung zum Spiel und seinem Trikot will er dem Mädchen und der Familie etwas Lebensfreude vermitteln und mit seiner Geschichte anderen Betroffenen Mut machen.

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