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Dynamo ohne Minge - schwer vorstellbar, aber funktioniert

Sein Abschied als Sportgeschäftsführer war emotional, jetzt genießt der 60-Jährige sein Privatleben. Reden will er weiterhin nicht - mit einer kleinen Ausnahme.

Ein Blumenstrauß zum Abschied, die Fans feiern ihren „Paten“, wie sie Ralf Minge nennen. Seit Juli ist er nicht mehr Dynamos Sportgeschäftsführer.
Ein Blumenstrauß zum Abschied, die Fans feiern ihren „Paten“, wie sie Ralf Minge nennen. Seit Juli ist er nicht mehr Dynamos Sportgeschäftsführer. © Foto: dpa-Zentralbild

Dresden. Wellen des Ozeans, Ralf Minge liegt nicht in der Karibik, um sich in der Sonne zu erholen. Der seit Juli ehemalige Sportgeschäftsführer von Dynamo Dresden spaziert bei windigem Wetter an der Elbe entlang, das ist seit jener Erfahrung, als ihn Burnout-Symptome zu einer Auszeit zwangen, sein Weg, um zu entspannen. Anfangs, das hat er nach seiner Rückkehr Ende Juli 2018 erzählt, habe er dabei noch versucht, sich selbst zu überholen.

Er kannte es nicht anders: schneller, besser, immer weiter. Das Hamsterrad, sagt er damals, habe sich so schnell gedreht. Bis ihm der Arzt eindringlich rät, den Stress abzubauen: „Herr Minge, Sie sind nicht Pförtner bei Dynamo Dresden und Sie sind nicht 30 Jahre alt.“ Es wäre also nachvollziehbar, wenn sich Minge nach drei weiteren turbulenten Jahren, Ruhe gibt es nie bei Dynamo, selbst zurückgezogen hätte.

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Den Gedanken habe er geäußert, als er gefragt worden ist, ob er seinen Vertrag verlängert, berichten Vereinsinsider. Öffentlich hatte Minge in der Mitgliederversammlung im November 2019 angekündigt, sich selbst zu hinterfragen angesichts der sportlichen Talfahrt. Bei seinen Trainer-Entscheidungen seit Uwe Neuhaus, von dem man sich in seiner Abwesenheit getrennt hatte, war er glücklos geblieben, der Mannschaft fehlte die Qualität für die zweite Liga, dabei hatte der alte Schotte, wie er sich bezeichnet, rund 1,7 Millionen Euro für Verstärkungen gespart.

Minges Anspruch war es, auch nach seiner Amtszeit bei Dynamo vor der Frauenkirche sitzen und einen Kaffee trinken zu können, ohne dass die Dresdner mit dem Finger auf ihn zeigen. Der Verein ist sein Lebenswerk und das kein bisschen übertrieben. Als Spieler, Trainer, Geschäftsführer und Unterstützer in Krisenzeiten hat er unheimlich viel geleistet, aber was vor allem in den vergangenen Jahren noch wichtiger war: Er hat der Sportgemeinschaft sein Gesicht gegeben und neues Leben eingehaucht, denn der drastische Vergleich bei seiner Rückkehr als Geschäftsführer im Frühjahr 2014 beschrieb exakt den Zustand des Vereins: klinisch tot.

Eine Aktie am Abstieg in die Drittklassigkeit

Zum sportlichen Abstieg kam die finanzielle Notlage. Minge hat den Patienten reanimiert: mit seiner Expertise, seinem Konzept und seinem Charisma. Er hat sich vor den Karren gespannt und alle haben mitgeholfen, ihn aus dem Dreck zu ziehen: die Mitarbeiter, die Sponsoren, die Stadt, die Fans sowieso.

Dynamo ist trotzdem wieder abgestiegen, daran hat er eine Aktie, weil er das Vertrauen in andere über seine Entscheidungsgewalt gestellt hat. Das ist für einen Menschen ein feiner Charakterzug, einen Manager kann es jedoch in Erklärungsnot bringen. So ist es Minge passiert. In einer Gremiensitzung am 27. Dezember 2019 hat er nach eigener Aussage die Vertrauensfrage gestellt, zu einer Abstimmung sei es nicht gekommen. „Ich hänge mit ganzem Herzen an dem Verein Dynamo Dresden, aber ganz sicher nicht an irgendeinem Posten“, betonte er in seiner Erklärung noch mal, was er immer gesagt hatte.

Für ihn war es zweitrangig, welche Konditionen in seinem Vertrag stehen, er wollte Vertrauen spüren, und zwar uneingeschränkt. Das war nicht mehr gegeben, die Trennung deshalb die logische Konsequenz für beide Seiten. Die Art und Weise tut nicht nur Minge weh: Am Abend des 1. Juni verkündet der Aufsichtsrat per Pressemitteilung, der Vertrag mit dem Sportgeschäftsführer werde nicht verlängert. Nach kräftezehrenden Jahren habe nicht mehr die volle Überzeugung bestanden, den Weg gemeinsam fortsetzen zu wollen, hieß es.

Minge hat sich seit seinem emotionalen Abschied Ende Juni, als die Mannschaft Jeansjacken mit seinem Konterfei trug und ihn die Fans vor dem Stadion noch einmal feierten, zu den Umständen nicht mehr geäußert. Dabei bleibt es, ein Interview lehnt er ab, macht das lieber mit sich und seinen Vertrauten aus. Auf dem Jakobsweg ist er gewandert von Porto nach Santiago, weiter nach Fisterra und Murcia, gut 400 Kilometer. „Ich habe gehofft, dass auf dem Weg irgendwann ein Geistesblitz kommt, der mir sagt: Das ist deine Zukunft, deine Vision. Aber das war nicht der Fall“, erzählte Minge Anfang Oktober, als er von der Ilse-Bähnert-Stiftung als „Sachse des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Die Preisverleihung vor geladenen Gästen im Tom-Pauls-Theater in Pirna blieb bislang sein einziger öffentlicher Auftritt in der Nach-Dynamo-Zeit.

Mit extra gestalteten Jenas-Jacken, Minges Markenzeichen, verabschiedeten sich die Spieler am letzten Spieltag der vergangenen Saison vom Vereinsidol.
Mit extra gestalteten Jenas-Jacken, Minges Markenzeichen, verabschiedeten sich die Spieler am letzten Spieltag der vergangenen Saison vom Vereinsidol. © Foto: dpa-Picture Alliance/Robert Michael

Das, was er dort gesagt hat, gelte nach wie vor, wird in dem kurzen Telefonat beim Elbe-Spaziergang deutlich. Seine Einstellung zu seiner beruflichen Zukunft hatte Minge auf die für ihn typische, sympathisch pathetische Art formuliert: „Ich greife nicht gierig nach dem Glück, sondern strecke die Hand aus in der Hoffnung, es setzt sich irgendwann drauf.“ Wenn es ihn gefunden hat, werden wir es erfahren. Vorerst will er jedoch weder über sein Innenleben sprechen, noch eine Prognose abgeben. Es gibt nicht wenige im und um den Verein, die sich wünschen, er würde eine andere Aufgabe bei der SGD übernehmen.

Mit Ralf Becker hat Dynamo einen kompetenten Nachfolger gefunden, der seinem Vorgänger großen Respekt zollt. „Er ist ein Idol“, betont der neue starke Mann. „Deshalb macht es gar keinen Sinn, Vergleiche anzustellen. Da müsste ich 20 Jahre lang einen überragenden Job machen, um ansatzweise in die Situation zu kommen, ähnliche Spuren zu hinterlassen.“ Der Neustart lässt sich zumindest gut an, Dynamo hat nach 17 Spielen 35 Punkte und geht als Spitzenreiter der 3. Liga ins neue Jahr.

„Natürlich verfolge ich die Ergebnisse und freue mich über die positive Entwicklung“, sagt Minge. „Es freut mich besonders für Markus und ,Scholle‘, die ich geholt habe, und die in einer schwierigen Zeit Verantwortung übernommen haben.“ Als Sportchef hatte er nach der Trennung von Cristian Fiel, der ein Trainer-Projekt war, am 2. Dezember 2019 den Görlitzer und Ex-Dynamo Heiko Scholz als Interims- und Markus Kauczinski als Chefcoach verpflichtet, die erfolgreich zusammenarbeiten.

Minge ohne Dynamo - das ist keine Option

Minge hat also möglicherweise noch den entscheidenden Impuls gesetzt, den Rückfall in die Drittklassigkeit zu korrigieren. Die Bedingungen dafür sind sowieso deutlich besser als vor sechs Jahren, was nicht allein sein Verdienst ist, aber ohne sein Engagement unmöglich gewesen wäre: Eigenkapital statt Schuldenberg, eine mit drei Sternen zertifizierte Nachwuchsakademie statt konzeptloser Jugendarbeit, modernes Trainingszentrum statt Suche nach Ausweichplätzen im Winter.

„Insofern“, das hat Minge bei Ilse Bähnert tatsächlich gesagt, „kann das Ziel nur der Wiederaufstieg sein.“ Dynamo ohne Minge – das schien unvorstellbar zu sein, aber es funktioniert, weil die Basis stabil ist. Minge ohne Dynamo, das steht außer Zweifel, ist dagegen keine Option. Das war in der Vergangenheit so, als er aus der Ferne den Kampf für ein neues Stadion oder die Brustsponsor-Aktion unterstützt hat, und das wird in Zukunft so sein, wenn der Verein einen Fürsprecher braucht.

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Um das auszudrücken, hat er an der Elbe doch das Handy aus der Tasche geholt und auf die Anfrage der SZ reagiert. Ansonsten genießt er sein Privatleben, mehr Zeit für die Familie als Ehemann, Vater und Opa – und für sich. Denn einer ist in den intensiven Jahren bei Dynamo zweifellos zu kurz gekommen: der Mensch Ralf Minge.

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