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Dynamo und Zwickau: Die Fans sind "eene Bande"

Einst Konkurrenten in der DDR-Oberliga, verbindet beide Vereine jetzt eine Freundschaft, die von den Ultra-Gruppierungen begründet wurde.

Gemeinsam feuern die Fans von Dynamo und des FSV ihre Mannschaften an - wie beim Benefizspiel vor 10.134 Zuschauern im März 2017 in Zwickau.
Gemeinsam feuern die Fans von Dynamo und des FSV ihre Mannschaften an - wie beim Benefizspiel vor 10.134 Zuschauern im März 2017 in Zwickau. © Ralph Koehler/propicture

Von Jens Maßlich und Sebastian Wutzler

Dresden/Zwickau. Die Party muss verschoben werden. Denn die aktuelle Corona-Lage verhindert, dass die Fans von Dynamo Dresden und dem FSV Zwickau am Dienstagabend ein gemeinsames Fußballfest feiern können. Erneut dürfen nur 999 Zuschauer das Spiel der beiden Fußball-Drittligisten im Rudolf-Harbig-Stadion verfolgen. Beide Vereine verbindet eine langjährige Freundschaft, die einst von den Ultra-Gruppierungen „Red Kaos“ und „Ultras Dynamo“ begründet wurde.

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„Eene Bande“ bezeichnen sie ihre Verbindung im besten sächsisch. Wie diese zustande kam, erzählen einige Vertreter in einem Video-Tagebuch des FSV Zwickau während der virtuellen Sonderzug-Aktion. Damit sammelte der Verein im Mai Geld, um die Corona-Krise zu meistern und kulturelle Einrichtungen zu unterstützen. 75.180 Passagiere begleiteten den FSV auf der Zeitreise durch die fünf Jahrzehnte seines Bestehens, viele stiegen beim zweiten „Halt“ in Dresden dazu.

Die Fanfreundschaft soll ihren Anfang im April 2001 bei der Partie der Oberliga Nordost zwischen Dynamo Dresden und dem VfB Leipzig genommen haben, bei der sich etwa 20 Zwickauer Fans zu den Dresdner Anhängern in den Block gestellt haben sollen. Einige Mitglieder der jeweiligen Fan-Gruppen seien sich anschließend wiederholt über den Weg gelaufen und hätten festgestellt, „dass ‚die anderen‘ auf einer Wellenlänge liegen“, schreiben die Dresdner Ultras auf ihrer Homepage. Vermutlich gehörte dazu auch die Vorliebe für Choreografien jeder Art und den Einsatz von Pyrotechnik.

"Es war nicht Liebe auf den ersten Blick"

Rund um das besagte Spiel hatte es jedenfalls massive Ausschreitungen gegeben. Im Stadion drohte der Abbruch, weil sich Dresdner und Leipziger Anhänger gegenseitig mit Leuchtraketen beschossen, über die Zäune kletterten und aufeinander losstürmten. Die Polizei musste eingreifen. Ob und inwieweit die Ultras daran beteiligt waren, ließe sich rückblickend nur mutmaßen. Das gegenseitige Verständnis bei den Dresdnern und Zwickauern wuchs jedenfalls nach einigen gemeinsamen Spielbesuchen und Partys, wie sie selbst berichten. So sei die offizielle Freundschaft der aktiven Fanszenen besiegelt worden.

Feuerwerk im Stadion gehört im Selbstverständnis der Ultras zur Fankultur. Bei Dynamos Pokalspiel gegen Hertha BSC in Berlin am 30. OKtober zündeln auch die Zwickauer Anhänger von "Red Kaos".
Feuerwerk im Stadion gehört im Selbstverständnis der Ultras zur Fankultur. Bei Dynamos Pokalspiel gegen Hertha BSC in Berlin am 30. OKtober zündeln auch die Zwickauer Anhänger von "Red Kaos". © Jan Huebner

„Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern Skepsis vorhanden“, gab ein Dresdner Anhänger zu. Zwickau war für die Dynamo-Fans ein klassischer Rivale aus der DDR-Oberliga, deren Fangruppierungen sich in der Regel auch heute noch mit einer offenen Abneigung gegenüberstehen. Erschwerend kam hinzu, dass Vereine wie Dynamo Dresden, das einst aus der SV Volkspolizei hervorging, zu DDR-Zeiten meist mit dem Staatsapparat verknüpft wurden. Arbeitervereine, wie die BSG Sachsenring Zwickau, die sich rund um Großbetriebe bildeten, standen dem entgegen. Umso größer war die Freude bei den Westsachsen über den Sieg im FDGB-Pokalfinale 1975 gegen die klar favorisierten Dresdner.

Was einst als reine Ultra-Freundschaft begann, ist heute eine enge Verbindung zwischen den Vereinen. Im November 2013 unterzeichneten der damalige Zweitligist Dynamo und Regionalligist Zwickau einen Vertrag für eine intensive Zusammenarbeit im Nachwuchs. Im Mittelpunkt stand dabei der Austausch von Talenten sowie von Erfahrungen im Scouting. Zudem wurden gemeinsame Trainerweiterbildungen, Testspiele zwischen den Jugendteams sowie eine Kooperation bei der Image- und Fanarbeit vereinbart. Der Vertrag existiert heute zwar noch, wurde zuletzt aber kaum mehr mit Leben erfüllt. Das soll sich wieder ändern. Im Rahmen des Aktionsspieltages am Dienstag, der den Kampf gegen Rassismus unterstützt, bestreiten beide U13-Mannschaften ein gemeinsames Bildungstrainingslager mit Workshop, Freundschaftsspiel und Teamabend.

Benefizspiel bringt 160.000 Euro Gewinn

Im März 2017 half Dynamo dem insolvenzgefährdeten FSV mit einem Benefizspiel vor 10.134 Zuschauern, das einen Gewinn von fast 160.000 Euro einbrachte. Die Partie endete mit einem Dresdner 1:0-Sieg – genauso wie Anfang Januar, als die Schwarz-Gelben anlässlich des 30. Geburtstags des FSV in Zwickau antraten. Die Westsachsen wiederum halfen zweimal, als Dynamos Pokalgegner keine Stadien fanden. Im August 2017 bestritten TuS Koblenz und zwei Jahre später die TuS Dassendorf ihre Heimspiele in Zwickau.

Die FSV-Fans sammelten Spendengelder in Höhe von 10.000 Euro, um Dynamo-Fans in der juristischen Auseinandersetzung nach den Ausschreitungen in Karlsruhe im Mai 2017 zu unterstützen, als sie angeführt von den Ultras als „Football-Army“ marschiert und mit reichlich Pyrotechnik dem DFB plakativ den Krieg erklärt hatten.

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Einer, der beide Vereine gut kennt, ist Dynamo-Kapitän Sebastian Mai. „Mit dem FSV Zwickau verbinde ich zwei unfassbar schöne Jahre, die ich nie vergessen werde“, sagt der 26-Jährige. Wie er bedauert auch sein Trainer Markus Kauczinski, dass aufgrund der Pandemie am Dienstag nur wenige Zuschauer ins Stadion dürfen: „Das ist wirklich schade.“ Um die Fanfreundschaft weiß der Chefcoach, weil der FSV einer der wenigen Vereine „in der Gegend ist, gegen den wir Freundschaftsspiele austragen dürfen. Sonst verbieten das die polizeilichen Auflagen.“ Im Fall von RB Leipzig verbieten es die Dynamo-Fans.Auch Zwickaus Trainer Joe Enochs spricht von einem „wichtigen Spiel für die Region“, in erster Linie ginge es aber darum, „wertvolle Punkte zu sammeln“. Bei aller gegenseitigen Sympathie: Geschenkt wird sich sicher nichts. (dpa, mit SZ)

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