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Die Sorge der Westpresse vor zu braven Dynamo-Fans

Das Europapokal-Duell der Meister ist auf beiden Seiten der Mauer ein heißes Thema. Worüber berichtet wurde – Teil 2 der neuen Dynamo-Serie.

Von Sven Geisler
 7 Min.
Am Hotel Newa in Dresden werden Fußballfans von den Polizisten zurückgedrängt. Die Stasi bilanziert danach, es seien dort zu wenig Einsatzkräfte gewesen.
Am Hotel Newa in Dresden werden Fußballfans von den Polizisten zurückgedrängt. Die Stasi bilanziert danach, es seien dort zu wenig Einsatzkräfte gewesen. © Foto: Imago/Werek

Dresden. Diese Schlagzeilen lassen den politischen Führungszirkel in der DDR aufschrecken. Eigentlich gehört es zur Agitation und Propaganda, die Vorzüge des Sozialismus herauszustellen, erst recht im Vergleich zum kapitalistischen System in der Bundesrepublik. Nur sind solche Vergleiche meist abstrakt, dieser wird konkret: Ein sportliches Kräftemessen zwischen den Fußballmeistern aus West und Ost, Dynamo Dresden gegen Bayern München, ein – so schreibt es nicht nur die Süddeutsche Zeitung – „innerdeutscher Bruderkampf“.

Seit der Auslosung dieser brisanten Begegnung im Europapokal im Herbst 1973 steht die Westpresse quasi unter Beobachtung, werden die Berichte akribisch für die Stasi ausgewertet. Was die DDR-Geheimdienstler lesen, gefällt ihnen vor allem deshalb nicht, weil sie ein krachendes Scheitern fürchten, obwohl sich Dynamo zuvor in zwei großartigen Spielen gegen den italienischen Dauer-Champion Juventus Turin durchgesetzt hatte.

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In einer „Information über Westpressemeldungen“ heißt es: „Auf die Popularität des Fußballsports in der DDR und der BRD bauend, versuchen bestimmte Kreise der BRD ..., den Eindruck zu erwecken, dass der Sport angeblich keine Grenzen kenne und zugleich Mittel sein könne, anderweitige Grenzen zu verschleiern und zu verwischen.“ Die alte Parole von den „Brüdern und Schwestern“ werde zu einer Renaissance geführt.

1.000 ausgesuchte Fans reisen nach München

In der Zeitung Die Welt wird die DDR in Anführungsstriche gesetzt und aus der SG ein FC Dynamo. „Die delikate Begegnung mit dem ,DDR‘-Fußball, einem hierzulande ziemlich unbekannten Wesen, verspricht volle Häuser, volle Kassen und den Fans ein völlig neues Fußballerlebnis: ein ,deutsches‘ Spiel“, schreibt das Blatt vorab. Gleichzeitig wird, und das passt der Stasi natürlich überhaupt nicht, darüber gemutmaßt, wer als Fan nach München reisen darf. „Tatsächlich Herr Jedermann von der Stehtribüne? Oder wie bei den Olympischen Spielen ausgesuchte und verdiente und noch dazu linientreue Freunde des Sports?“, fragt die Neue Hannoversche Presse, denn: „Nichts wäre schlimmer, als überbrave Schlachtenbummler, die weder am Hauptbahnhof noch am Stachus ein Dynamo-Lied schmettern würden.“

Die 1.000 von der Stasi überprüften „Touristen“ reisten am Spieltag, dem 24. Oktober 1973, mit zwei Sonderzügen nach München, einer fuhr 4.04 Uhr in Dresden ab, der andere 5.52 Uhr. „Bei der Ankunft im Bahnhof ist mit einem Empfang durch Presse, Funk und andere Journalisten zu rechnen. Diesen ist freundlich lächelnd zu begegnen, kurze Antworten, aber keine Interviews“, heißt es in einer Anweisung an mitreisende Stasi-Mitarbeiter: „Es ist möglichst in der Antwort zu formulieren: ,Wir hoffen auf einen Sieg von Dynamo‘.“

Tatsächlich gibt es in München einen großen Empfang, von einigen hundert Menschen ist die Rede, die BRD-Bürger hätten ein Spalier gebildet, steht im Abschlussbericht der Stasi-Bezirksdirektion Freital. Dabei habe es vereinzelt provokatorische Bemerkungen gegeben wie: „Wo habt ihr denn eure Frauen gelassen? Sie durften wohl nicht mit?“ „Schau mal, alles Funktionäre!“ „Die sehen alle aus, als kämen sie von der Arbeit.“ „Jugendliche gibt es wohl in der DDR keine?“ In den Zeitungen sei hinterher „in tendenziöser Weise“ über die DDR-Zuschauer berichtet worden.

Keine Sprechchöre, keine Fahnen und Transparente

Als ein Beispiel wird aus dem Tagesspiegel zitiert: „Hauptbahnhof München, Bahnsteig 25: Um 15 Uhr 31 läuft mit kleiner Verspätung der ,Fußball-Sonderzug‘ aus Dresden ein. Aber nichts erinnert an ähnliche Szenen bei Bundesligaspielen. Keine trunkenen Sprechchöre, keine Fahnen und Transparente, nur ein paar schüchterne Trompetenstöße verraten die Vorfreude der ausgesuchten 1.000 Dynamo-Anhänger.“ Und die Berliner Morgenpost hielt fest: „Kein Winken aus geöffneten Fenstern, keine Umarmungen oder Küsse mit lieben Freunden oder Bekannten. Stur nach Fahrplan spielte sich das Reiseprogramm der ,DDR‘-Besucher ab.“

Die Stasi achtete besonders darauf, dass es zu keinen Verbrüderungen kommt. „Beim Besuch der Kreisdelegation Freital im ,Kaufhof München‘ wurde diesen durch BRD-Bürger wiederholt Geld und Zigaretten als Geschenk angeboten“, wird in den Akten festgehalten – und an anderer Stelle: „Ein einziges Mal wurden wir freundlich von Münchner Bürgern angesprochen und nach der Spielstärke von Dynamo gefragt. Man war seitens unserer Gesprächspartner der einhelligen Meinung, das Spiel kann nur München gewinnen, und zwar mit mindestens drei Toren Unterschied.“

Während sich im Westen kaum einer für den Ost-Fußball interessierte, wussten die Fans in der DDR über die Bundesliga gut Bescheid. Das griff die Bild-Zeitung auf, zum Ärger der Stasi: „Kaiser Franz und Bomber Müller, den Meier-Sepp und all die Münchner, die sie Woche für Woche heimlich in der guten Stube im West-Fernsehen anhimmeln – in Dresden können sie ihre Idole jetzt vielleicht einmal in natura sehen.“

Schiedsrichter Robert Davidson (vorn) aus Schottland führt die Mannschaften in München auf den Platz: die Bayern angeführt von Kapitän Franz Beckenbauer, Dynamo von Frank Ganzera.
Schiedsrichter Robert Davidson (vorn) aus Schottland führt die Mannschaften in München auf den Platz: die Bayern angeführt von Kapitän Franz Beckenbauer, Dynamo von Frank Ganzera. © Foto: Imago/Fred Joch

Dass ausgerechnet Dresden im „Tal der Ahnungslosen“ lag, also außerhalb der Empfangsbereiche von ARD und ZDF, hatten sie wohl nicht recherchiert. Die Frankfurter Allgemeine war diesbezüglich besser informiert: „Auch in Dresden kennt man die Stars aus München, selbst wenn hier das West-Fernsehen nicht so gut zu empfangen ist wie in anderen Teilen der DDR.“

Vor dem Rückspiel in Dresden ließ die Stasi durch ihre hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter ein Stimmungspuzzle zusammentragen. Dabei wurde manches Gerücht aufgeschnappt wie aus dem VEB Pentacon, wonach ein Dynamo-Spieler aus München nicht zurückgekommen sei und Republikverrat begangen habe. Allerdings, und das steht oft dabei, konnte man über die Quellen dieser Behauptung keine näheren Angaben in Erfahrung bringen.

Andere Hinweise sind für die Vorbereitung des Bayern-Gastspiels durchaus sachdienlich. „Durch die Ehefrau eines Mitarbeiters der Abteilung wurde bekannt, dass in der Verpflegungsstelle für BRD-Touristen HOG ,Ratskeller‘ Dresden gegenwärtig nicht alle Voraussetzungen vorhanden sind, um eine schnelle und reibungslose Abfertigung der Gäste zu gewährleisten“, heißt es in einer Information zwei Tage vorher. „Die Hauptkochanlage (dampfgespeist) befindet sich in einem überholungsbedürftigen Zustand.“ Dadurch müsse der größte Teil der Speisen auf elektrisch betriebenen Kochgelegenheiten zubereitet werden, wodurch es länger dauern werde.

Ein besonders wachsames Auge richtete das MfS zudem auf den Schwarzmarkt. So sei Schülern der 12. Klasse aus der Erweiterten Oberschule „Romain Rolland“ angeboten worden, ihnen die im Vorverkauf für 2,60 Mark erstandenen Karten für 30 Mark abzukaufen. Das lehnten sie aber ab und wollten die Tickets gegen „harte Währung“ an BRD-Besucher verkaufen.

"Vorbeugende Verhinderung von Provokationen"

Raum für Spekulationen ließen die zu erwartenden Sicherheitsmaßnahmen. Der Abteilungsleiter im VEB Verkehrsbetriebe habe geäußert, „die Veranstalter sollten ein Stromerzeugungsaggregat einsetzen, um das Stacheldrahtverhau, welches außen um das Dynamo-Stadion angebracht werden soll, richtig beleuchten zu können“, weiß IM „Valentin“ zu berichten. Demnach habe er das „in zynischer Form“ gesagt.

Aus der Abteilung Gleisbau hat der IM zugetragen, die Verantwortlichen würden mit dem Spiel „Krawall“ erwarten. „Und nicht nur das, sondern die Verantwortlichen würden alles darauf anlegen, um ,Krawall zu erzeugen‘, von ,bestimmten Kreisen‘ würden gewisse Ausschreitungen sogar gewünscht.“ In den Stasi-Unterlagen finden sich für solche Pläne keine Anhaltspunkte, im Gegenteil. Laut Befehl Nr. 075/73 des Ministers des Innern und Chef der Deutschen Volkspolizei vom 19. Oktober 1973 war die Hauptanstrengung der Einsatzkräfte auf „den störungsfreien Ablauf des Europacup-Spieles“ sowie „die vorbeugende Verhinderung von Provokationen und anderen Störungen“ zu richten.

Das Fazit der Bezirksverwaltung vom 16. November fällt im Stasi-Sinne positiv aus: „Die politisch-operative Lage war jederzeit stabil.“ Demnach wurden zwei Personen wegen Staatsverleumdungen mit 300 Mark Ordnungsstrafe belegt, gegen zwei weitere wegen Beleidigung von Polizisten ermittelt und insgesamt 29 wegen „Betteln von Westgeld, Souvenirs, Verkaufen von Eintrittskarten zu Überpreisen und Versuch des Durchbrechens der Absperrungen“ vorübergehend festgenommen. Darunter seien zwei Kinder und drei Jugendliche unter 18 Jahren gewesen.

Die Bilanz des Abends aus sportlicher Sicht: Dynamo liegt durch zwei Tore von Uli Hoeneß bereits nach 13 Minuten mit 0:2 zurück, geht danach durch die Treffer von Siegmar Wätzlich, Hartmut Schade und Reinhard Häfner selbst in Führung. Aber Gerd Müller trifft zum 3:3 für die Bayern. Nach dem 3:4 im Hinspiel sind die Dresdner unglücklich ausgeschieden, aber die von den Funktionären befürchtete Blamage ist ausgeblieben.

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Lesen Sie hier Teil eins der großen Serie:

Die Operation „Vorstoß“ nach dem Bayern-Los.

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