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Die Bundeswehr ist jetzt ihr einziger Sponsor

Die besten deutschen Leichtathleten starten nach schwierigen Monaten in ihre Olympia-Vorbereitung – jeder für sich und unter ungewöhnlichen Bedingungen.

Christina Schwanitz war im Sommer verletzt, jetzt spürt sie nur noch minimale Einschränkungen.
Christina Schwanitz war im Sommer verletzt, jetzt spürt sie nur noch minimale Einschränkungen. © dpa/Olaf Kraak

Die Stars der deutschen Leichtathletik erleben die Corona-Krise aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Doch die eine Hoffnung eint alle: Olympia 2021 in Tokio. Die Deutsche Presse-Agentur hat sich bei ihnen umgehört: Wie erleben sie die Corona-Zeit. Wie sind sie aus der mit Sicherheit ungewöhnlichsten Saison ihrer Karriere herausgekommen? Und wie sind die Pläne?

Der Außergewöhnliche plant den nächsten großen Wurf

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In diesem Jahr gehörte Johannes Vetter zu den wenigen Leichtathleten auf der Welt, der seine Leistungsgrenze nach oben verschieben konnte. Der Weltmeister von 2017 katapultierte den Speer im polnischen Chorzow auf 97,76 Meter und verfehlte den 24 Jahre alten Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny um nur 72 Zentimeter. „Ich bin superfit durch die Saison gekommen“, erklärt der zuletzt oft durch Verletzungen geplagte 27-Jährige von der LG Offenburg seinen großen Wurf.

Der gebürtige Dresdner hofft nun, sein Leistungsvermögen auch in Tokio abzurufen. „Die obere Priorität ist, gesund zu bleiben und Olympia-Gold anzugreifen“, sagt er. Wenn die Spiele nicht stattfinden können, befürchtet Vetter Schlimmstes: „Die ganze olympische Sportwelt würde mit so einer Absage zusammenbrechen.“ Vielleicht kann er auch noch in diesem Jahr einen großen Sieg feiern: bei der Wahl zum „Welt-Leichtathleten des Jahres“.

Johannes Vetter verbessert seine Leistung sogar in diesem Jahr.
Johannes Vetter verbessert seine Leistung sogar in diesem Jahr. © dpa/Hendrik Schmidt

Die Souveräne nutzt die Zeit und engagiert sich sozial

Die Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo bestritt im Sommer nur Wettkämpfe mit verkürztem Anlauf und kam trotzdem auf bemerkenswerte 7,03 Meter. Ihre Pläne, in den USA beim früheren Superstar Carl Lewis zu trainieren, hat die „Sportlerin des Jahres“ von der LG Kurpfalz aber verschieben müssen. Mihambo nutzte die Zeit für ein weiteres soziales Engagement und gründete „Malaikas Herzsprung“ – einen Verein, der es Kindern und deren Familien ermöglicht, Leichtathletik zu treiben. An eine Absage der Olympischen Spiele will die 26-Jährige nicht denken: „Ich versuche Dinge, die ich nicht steuern kann und auf die ich nur sehr wenig Einfluss habe, nicht so nah an mich heranzulassen.“

Malaika Mihambo gibt auch auf dem roten Teppich eine gute Figur ab.
Malaika Mihambo gibt auch auf dem roten Teppich eine gute Figur ab. © dpa/Patrick Seeger

Der Glückliche kann sich von der Operation erholen

Es war für Niklas Kaul tatsächlich Glück im Unglück. Der bislang jüngste Zehnkampf-Weltmeister musste sich neun Monate nach dem WM-Triumph einer Ellenbogen-Operation unterziehen. Die Ärzte diagnostizierten ein angerissenes Innenband. Die Olympia-Verlegung kam dem 22-Jährigen demnach sehr gelegen. „Nachdem Olympia abgesagt wurde, war der richtige Zeitpunkt für die OP gekommen. Ich bin ganz froh, dass sich das Zeitfenster so ergeben hat. Das eine Jahr hilft mir mehr, als es mir schadet“, sagt Kaul. Anfang Januar will er richtig ins Training einsteigen, und Kaul hat bei Olympia wieder Großes vor. „Ich habe noch nicht das Maximum erreicht. Da geht noch mehr“, betont der Mainzer.

Niklas Kaul ist seit 2019 jüngster Zehnkampf-Weltmeister. „Da geht noch mehr“, sagt er.
Niklas Kaul ist seit 2019 jüngster Zehnkampf-Weltmeister. „Da geht noch mehr“, sagt er. © dpa/Michael Kappeler

Die Zwillingsmutter hat trotz aller Probleme immer noch Spaß

Fünf Wochen lang hat Kugelstoßerin Christina Schwanitz „super“ trainieren können. Jetzt ist erst mal wieder Kinderbetreuung und Krafttraining im hauseigenen Fitnessraum angesagt. Zurzeit ist die Kita von Schwanitz’ dreieinhalbjährigen Zwillingen wegen Corona-Fällen geschlossen. Diese Saison konnte die Weltmeisterin von 2015 und WM-Dritte von 2019 wegen eines Bandscheibenvorfalls an der Halswirbelsäule keinen Wettkampf bestreiten („Zeitweise so schlimm, dass ich die Finger nicht mehr ansteuern konnte“), spürt nun aber nur noch minimale Einschränkungen.

Als Bundeswehrsoldatin fühlt sich die 34-Jährige vom LV 90 Erzgebirge abgesichert, obwohl sie ihre drei Sponsoren verloren hat. „Alle abgesprungen – bis auf die Bundeswehr. Ich habe Glück, dass ich Sportsoldatin bin. Wer weiß, was da noch so kommt“, sagt die gebürtige Dresdnerin, hat aber angesichts der wirtschaftlichen Lage Verständnis für die bisherigen Förderer. „Das muss man auch unter dem menschlichen Aspekt sehen“, sagt sie. Wann Schwanitz wieder in den Ring steigt? „Ich habe mich auf Februar, März eingeschossen“, sagt sie. Das große Ziel bleibt Olympia. Das Karriereende ist trotz schwieriger Zeiten kein Thema. „Weil ich noch immer Spaß am Training habe und leistungsfähig bin.“

Arne Gabius hat auf das nächste Jahr große Lust und macht anschließend Schluss.
Arne Gabius hat auf das nächste Jahr große Lust und macht anschließend Schluss. © dpa

Der Marathonmediziner denkt ans Karriereende

Das Laufen und die Medizin sind immer Passion und Profession für Arne Gabius gewesen. Doch nicht zuletzt das Corona-Jahr hat den deutschen Marathon-Rekordhalter zum Nachdenken bewegt: Im März 2021 wird er 40 Jahre alt, will sich dann mehr der Familie widmen und die Arzt-Karriere vorantreiben. „Auf das nächste Jahr habe ich große Lust, aber dann war es das – sonst kann ich meinen Allgemeinmediziner-Facharzt im Rentenalter machen“, sagt Gabius, der zurzeit am Klinikum Ludwigsburg als Assistenzarzt in der Kardiologie tätig ist. Später möchte er als Hausarzt arbeiten. Um sich den Olympia-Traum zu erfüllen, muss Gabius jedoch die zuletzt beim Elite-Marathon in London verpasste Normzeit nun im Frühjahr noch mal angreifen.

Karl Bebendorf peilt nach der WM 2019 die Sommerspiele 2021 an.
Karl Bebendorf peilt nach der WM 2019 die Sommerspiele 2021 an. © Ronald Bonß

Der Lokalmatador peilt Tokio im nächsten Jahr an

Die Laufszene in Sachsen, speziell im traditionsreichen Dresden, macht längst mobil. Mit Karl Bebendorf gibt es nun auch wieder einen Topläufer von mindestens nationaler Klasse. Den deutschen Meistertitel über 3.000 Meter Hindernis von 2018, den auch im Verband mancher als Eintagsfliege abtat, hat der 24-Jährige vom Dresdner SC in diesem Jahr eindrucksvoll verteidigt.

Zudem hat er sein Umfeld weiter professionalisiert, gehört nun der Bundeswehr-Sportfördergruppe an und kann noch effektiver trainieren. „Das ist eine Grundlage, die mir kein anderer Arbeitgeber ermöglichen kann. Ich will alles in den Sport investieren“, sagt Bebendorf. Nach dem WM-Start 2019 peilt er jetzt Olympia an.

Gesa Felicitas Krause gewann bei der WM 2019 in Katar die Bronzemedaille über 3.000 Meter Hindernis.
Gesa Felicitas Krause gewann bei der WM 2019 in Katar die Bronzemedaille über 3.000 Meter Hindernis. © dpa/Michael Kappeler

Die Kämpferin braucht eine Pause

Nach kräftezehrenden Trainingslagern hat Gesa Felicitas Krause bei der deutschen Meisterschaft im August erschöpft aufgeben müssen. Daraufhin brach die Europameisterin und zweimalige WM-Dritte über 3.000 Meter Hindernis die Saison ab: „Ich habe mir zum ersten Mal eingestanden, dass mein Körper eine Pause braucht.“

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Die genoss sie in ihrem neuen Haus bei Dillenburg sowie im Urlaub unter anderem mit dem Roller an der Amalfi-Küste. „Ich will auch den nächsten Olympia-Zyklus bis zu den Spielen 2024 als Läuferin bestreiten“, sagt die 28-Jährige – und flog dieser Tage zum 20. Mal in ihrer Karriere ins Höhentrainingslager nach Kenia. (dpa mit SZ)

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