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Dresden hat jetzt wieder einen Top-Sprinter

Radprofi Max Kanter stammt aus der Lausitz, trainiert im Seeland sowie auf den Nebenstraßen hoch nach Altenberg und überzeugt bei der Vuelta. Ein Gespräch.

Max Kanter gehört zu den Sprintern, die es auch bergig mögen.
Max Kanter gehört zu den Sprintern, die es auch bergig mögen. © Augenklick/Roth

Dresden. Der in Dresden lebende Radprofi Max Kanter hat sich bei der Spanien-Rundfahrt mit starken Ergebnissen in die Spitze der Top-Sprinter katapultiert. Im Interview spricht der 23-Jährige aus dem deutschen Sunweb-Team über seine erste Grand Tour, die Anfänge seiner Karriere in Cottbus und seine Lieblingsstrecken in der Region.

Herr Kanter, vor gut zwei Wochen haben Sie die erste Grand Tour überhaupt beendet. Auf der Schlussetappe der Vuelta belegten Sie hinter Landsmann Pascal Ackermann und dem Iren Sam Bennett den dritten Platz. Wie oft haben Sie sich den Schlussspurt seitdem schon als Video angesehen?

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...und lassen Sie sich elektrisieren.

Wie oft, weiß ich nicht so genau, aber es waren schon einige Male. Ich habe vor allem darauf geachtet, was ich im Zielsprint verbessern kann, damit es in Zukunft vielleicht noch für mehr reicht. Ich bin halt sehr ambitioniert und schaue immer mit einem kritischen Auge auf meine Rennen. Man kann immer Sachen verbessern, auch wenn man oben steht.

Bennett als Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France 2020 und Ackermann als Sieger der Sprint-Wertung des Giro d’Italia 2019 sind zurzeit der Gold-Standard in der Sprinter-Szene. Wie weit sind Sie davon entfernt?

Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, dass ich dieses Jahr gezeigt habe, dass ich gute Schritte nach vorn gemacht habe. Wo die beiden sind, da möchte ich natürlich auch hin. Ich mache mir aber keinen Druck. Wenn ich weiter Schritt für Schritt denke, wird der Abstand sicher kleiner.

Was fehlt Ihnen im Vergleich zu Ackermann und Bennett?

Da spielen mehrere Faktoren zusammen: Rennkilometer und -härte, Erfahrung, die richtige Unterstützung durch das Team, aber auch mal das Quäntchen Glück – von jedem ein bisschen. Es muss schon alles zusammenkommen, um auf World-Tour-Niveau eine Etappe im Sprint zu gewinnen.

Was hat Ihre Analyse der Vuelta-Schlussetappe ergeben?

Ich habe einen kleinen Fehler im Finale gemacht. Etwa 600 Meter vor dem Ziel fuhr mein Teamkollege Jasha Sütterlin bei etwa 65 km/h neben mich. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich direkt das Hinterrad von Pascal Ackermann. Ich habe dann gewechselt. Dadurch habe ich wohl in der letzten Kurve ein, zwei Positionen verloren, die mir sicher geholfen hätten. Aber es war meine Entscheidung.

Sie sind 2008 beim RSC Cottbus zum Radsport gekommen. Wie waren die Anfänge?

Ich habe erst beim SV Kahren Fußball gespielt, einem Ortsteil von Cottbus. Damals sind die Sichtungstrainer Achim Kreuz und Olaf Fröhlich vom Brandenburgischen Radsportverein in die Schulen gekommen und haben Scoutings gemacht. Bei einem dieser Sechs-Sekunden-Tests habe ich ganz gut abgeschnitten. Irgendwann sind mein Cousin Tom Müller und ich dann zu einem Probetraining beim RSC gefahren, und uns hat es sofort Spaß gemacht.

Wann zeichnet sich für einen jungen Radsportler ab, ob er mal Allrounder, Bergfahrer oder Sprinter wird?

Das Gute in Cottbus war stets, dass am Anfang immer auf die allgemeine Entwicklung des Sportlers geschaut und man nicht in eine bestimmte Richtung gedrückt wurde. Wir sind zu der Zeit sowohl Straße als auch Bahn gefahren. Auf der Bahn habe ich viel gelernt, was das Positionieren und das Timing angeht. Das hilft mir jetzt auf der Straße ungemein. Irgendwann kristallisiert sich eine Spezialität heraus. Vielseitigkeit ist aber auch jetzt als Profi wichtig. Ich achte weiterhin darauf, das Gute zu verbessern und die Schwächen auszugleichen. Ein Sprinter hat bei einer Rundfahrt auch mal Aufgaben für den Gesamtklassement-Fahrer. Eine allgemeine, gute Ausbildung hilft.

Sie haben in Cottbus das komplette Fördersystem durchlaufen mit dem Sprung im Jahr 2016 in das LKT-Team Brandenburg. Ab 2021 gibt es dort kein Continental-Team mehr. Was bedeutet das für die nachrückenden Talente?

Für die Region und den Standort ist es sehr schade. Das Team hat sehr geholfen, die Talente in den U-23-Bereich zu überführen und in Richtung Profi-Bereich zu entwickeln. Der Radsport hat sich aber in den vergangenen Jahren sehr verändert. Immer mehr World-Tour-Teams unterhalten eigene Nachwuchs-Mannschaften und schauen immer früher auf die Talente.

Sie sind 2017 von LKT in das Nachwuchs-Team von Sunweb gewechselt, wurden 2017 und 2018 jeweils deutscher U-23-Meister. Wie wichtig war dieser Schritt?

Für mich war es ein guter Schritt, im zweiten Jahr der Klasse U 23 zu Sunweb zu gehen – auch auf der persönlichen Ebene. Mein Englisch ist seitdem viel besser geworden. Sportlich haben wir viel mehr Rennen in Frankreich, Belgien und Niederlande gefahren, die einen auf ein anderes Niveau heben.

Seit Anfang des Jahres haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt in Dresden. Wieso?

Meine Familie ist mir wichtig, und Dresden ist nicht so weit weg von der Lausitz wie zum Beispiel Köln. Ich trainiere gern ein bisschen wellig oder hügelig. Das habe ich vor der Haustür. Dann habe ich nach einem Flughafen in der Nähe geschaut. Meine Freundin hat auch gleich einen Job gefunden. Da hat sich Dresden angeboten.

Was sind Ihre bevorzugten Trainingsstrecken?

Das Lausitzer Seenland ist bei Sonnenschein einfach wunderschön. Die Radwege sind super ausgebaut. Es gibt auch wenig Straßenverkehr. Wenn ich es ein bisschen bergiger haben möchte, nutze ich gern die Nebenstraßen hoch nach Altenberg.

Momentan sind Sie in der Saisonpause. Was macht da ein Radprofi?

Ich mache einfach mal Dinge, für die mir sonst die Zeit fehlt, Netflix schauen zum Beispiel. Vergangene Woche war ich auch mal wandern. Wegen Corona haben wir auf eine Reise ins Warme verzichtet.

Wann geht es für Sie wieder los?

Ich mache noch eine Woche komplett frei ohne Rad. Dann beginne ich langsam mit leichtem Ausdauertraining, mal Laufen, Wandern. Schwimmen geht leider wegen Corona nicht. Erst danach geht es zurück auf das Rad, in der Region.

Wie sehr belastet Sie die Situation mit Corona?

Die Situation ist für jeden von uns schwierig. Aber so ist nun mal: Man muss sich so gut wie möglich daran anpassen und hoffen, dass wir so schnell wie möglich unser normales Leben zurückbekommen. Ich will mich aber als Radprofi nicht zu sehr beklagen. Wir haben in den vergangenen Monaten noch einige Rennen bekommen, die wir fahren konnten.

Eine Tageszeitung schrieb nach Ihrem letzten Saisonrennen: „Kanter bei der Vuelta auf Top-Niveau“. Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für 2021?

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Oh, gute Frage – und eine schwierige Frage. Nach der komplizierten Saison 2019 genieße ich gerade, wieder mal ein bisschen im Gespräch zu sein. Deshalb will ich mich für nächstes Jahr nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Ich werde einfach versuchen, mich Schritt für Schritt zu verbessern.

Das Interview führte Thomas Juschus.

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