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Das ewige Warten im Dresdner Steyer-Stadion

Seit Ewigkeiten schon soll das Stadion modernisiert werden, das sich nur noch als DDR-Filmkulisse eignet. Wird jetzt alles neu? Start einer neuen Sportstätten-Serie.

Marode Tribüne, grüner Rasen: Der Blick ins Heinz-Steyer-Stadion ist immer noch ein trostloser, auch wenn auf einer Seite die Tribüne inzwischen schon erneuert wurde. Das Bild datiert aus dem Jahr 2006 - so lang ist das noch gar nicht her.
Marode Tribüne, grüner Rasen: Der Blick ins Heinz-Steyer-Stadion ist immer noch ein trostloser, auch wenn auf einer Seite die Tribüne inzwischen schon erneuert wurde. Das Bild datiert aus dem Jahr 2006 - so lang ist das noch gar nicht her. © Steffen Füssel

Dresden. Hundertjährige dürfen alt aussehen. Das trifft auch auf Sportanlagen zu, wenn sie ewig auf eine umfassende Frischzellenkur warten müssen wie das Heinz-Steyer-Stadion in Dresden. Das sieht so aus, als habe es sich noch nicht entschieden, in welche Zeit es gehören will. Flutschutzmauern und eine neue Tribüne stehen für den guten Willen zur Erneuerung. Doch marode Steintribüne, altersschwache Sitzbänke, eine an vielen Stellen geflickte Tartanbahn und die aus der Zeit gefallene Anzeigetafel erinnern an Zeiten, die seit mehr als drei Jahrzehnten Geschichte sind. Verfall und Rost, Bruchstellen und Unkraut sind nicht zu übersehen.

Der Reiz des Maroden war es, der tschechische Filmemacher bewog, das Stadion 2012 zur Kulisse zu machen. Der Spielfilm „Fair Play“ vermischt einen Drehbuch-Mix aus dem Nachbarland mit einstigen Leistungssport- und Polit-Zwängen, Doping und Stasi, West-Flucht und Familiendrama im Vorfeld von Olympia 1984. Dafür sollte laut Drehbuch eine Qualifikation bei einem fiktiven Länderkampf in Karl-Marx-Stadt nötig sein. Drehort für die Szenen auf der Bahn war das Steyer-Stadion, das kurzerhand zum Ernst-Thälmann-Stadion umbenannt worden war. „Das wirkte noch stilecht wie zu DDR-Zeiten“, sagt Dietmar Jarosch. Der Dresdner Leichtathletik-Trainer stand der Filmcrew als Berater zur Seite.

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Außerdem agierte er im Film als Starter und Stadionsprecher. Seine damaligen Athletinnen rannten in DDR-Dressen und „mussten aber die tschechoslowakische Filmheldin Anna Geislerova gewinnen lassen. Der Regisseur wollte es so“, erzählt Jarosch lächelnd und fügt hinzu: „Viel verändern brauchten die Filmleute im Stadion nicht. Ein paar Werbetafeln aus DDR-Zeiten kamen als Bande dazu. Die Glühlampen der Anzeigetafel verkündeten noch mal ein 200-Meter-Ergebnis. Und schon wirkte alles zeitgemäß für damalige Verhältnisse, sah alles echt aus – also sehr alt. Vieles ist heute noch so. Die im Film gewollte einstige Alltags-Tristesse passte zum altersschwachen Stadion.“

Große, alte, schnelle Zeiten: Am 1. Juli 1977 stellte Marlies Göhr hier über 100 Meter einen Weltrekord auf. Insgesamt 17 gab es bis zur Wende, nicht nur in der Leichtathletik.
Große, alte, schnelle Zeiten: Am 1. Juli 1977 stellte Marlies Göhr hier über 100 Meter einen Weltrekord auf. Insgesamt 17 gab es bis zur Wende, nicht nur in der Leichtathletik. © Jürgen Männel

Die heutige Sportstätte steht auf sporthistorischem Boden. Am 12. Oktober 1919 war das Stadion auf dem Gelände des ehemaligen Ostravorwerks eröffnet worden. Nach mehreren Umbauten war es die größte Sportanlage Dresdens für 65.000 Zuschauer, in der es ab 1921 Fußball-Länderspiele gab, wo 1949 die erste deutsche Flutlichtanlage stand, DSC-Nachfolger Friedrichstadt 1950 die DDR-Fußballmeisterschaft verwehrt wurde – und wo zweimal Pokal-Endspiele im DDR-Fußball die Fans anlockten.

Über diese Zeit sprach der 87-jährige Peter Grundmann im Januar, wenige Wochen vor seinem Tod. Er gehörte 1953 zu den Geburtshelfern der SG Dynamo im Filmtheater „Schauburg“ und war als SG-Sekretär in die im wahren Wortsinn wechselvolle Geschichte des Dresdner Sports einbezogen. Dazu gehörten Standort-Rochaden. So zogen die Fußballer vom Steyer- ins Harbig-Stadion. Die Leichtathleten gingen den entgegengesetzten Weg.

„Das war eine zentrale Order nach der Gründung der Sportclubs in der DDR“, erzählte Grundmann. „Sie sollten die jeweils größten und besten Sportstätten in ihren Städten nutzen.“ Grundmann betreute danach weiter die Dynamo-Leichtathleten und war begeistert, was sich im Steyer-Stadion alles tat. „Ich erlebte dort Länderspiele im Feldhandball auf dem großen Spielfeld oder die Weltmeisterschaften im Sportangeln oder Radrennen auf der Aschenbahn und Etappenankünfte bei der Friedensfahrt. Sternstunden waren aber für mich die Weltrekorde in meiner Sportart, der Leichtathletik“, sagte Grundmann.

DDR-Frauen erzielten nach der Modernisierung und dem Einbau einer Tartanbahn ab 1973 insgesamt 13 Welthöchstmarken. Länderkämpfe, sechs DDR-Meisterschaften, Goldene Ovale und Olympische Tage zogen Zehntausende Zuschauer an. „Dass hier mal Massen auf den Rängen gestanden und gesessen haben, kann ich mir einfach nicht vorstellen“, sagt Karl Bebendorf vergangene Woche einigermaßen ungläubig in dem Stadion – und meint das nicht mal auf den baulichen Zustand bezogen.

Der zweifache deutsche Meister im Hindernislauf muss wegen der Corona-Pandemie gerade das zweite Jahr vor komplett leeren Tribünen laufen, wenn es überhaupt Wettkämpfe gibt. Vergangenes Jahr waren es lediglich drei unter freiem Himmel. Jetzt hofft der 24-Jährige trotz des ausgedünnten Terminkalenders noch auf die Olympianorm.

Hürden und Hoffnungen: Karl Bebendorf (r.) träumt davon, 2024 im Steyer-Stadion über 3.000 Meter Hindernis deutscher Meister zu werden. Sein Trainer Dietmar Jarosch (l.) ist skeptisch.
Hürden und Hoffnungen: Karl Bebendorf (r.) träumt davon, 2024 im Steyer-Stadion über 3.000 Meter Hindernis deutscher Meister zu werden. Sein Trainer Dietmar Jarosch (l.) ist skeptisch. © kairospress

Mit leuchtenden Augen erzählt Bebendorf, wie es sich anfühlt, vor Publikum zu rennen. „Als ich vor zwei Jahren deutscher Meister im Berliner Olympiastadion wurde vor mehr als 40.000 Zuschauern – das war großes Kino für mich“, erzählt der DSC-Läufer und stellt fest: „So etwas würde ich gern in Dresden mal erleben. Dafür müsste sich aber noch sehr viel ändern.“ Die Anfänge sind gemacht mit der neuen Gegentribüne. Der weitere Umbau soll im Sommer beginnen. „Ich habe mir die Pläne angesehen. Die sehen gut aus“, meint Bebendorf.

Bei der Projektierung waren Läufer wie er nicht einbezogen, und dennoch hat er einen großen Wunsch: „Moderne Anlagen haben heute eine LED-Anzeige auf der Innenkante der Bahn. Da kann ein Lichtimpuls im Rennen mitwandern und eine Zeitorientierung geben – für Aktive und Zuschauer. Das wäre eine zeitgemäße und attraktive Neuerung.“ Klingt nach Vorfreude, und Bebendorf schwärmt davon, wie sich schon jetzt das altehrwürdige Ostragehege zum modernen Sport-Treff wandelt.

Der Standort liegt ideal in Zentrum- und Elbe-Nähe, hat viele Freiflächen. Die sind gerade in Zeiten geschlossener Fitnessstudios stark bevölkert. „Das wird langsam ein richtiger Sportpark“, sagt Bebendorf und blickt voraus. Der Umbau des Steyer-Stadions soll die deutsche Leichtathletik-Meisterschaft 2024 nach Dresden bringen. „Es wäre ein Traum: Titelkämpfe in meiner Heimatstadt und dann vielleicht sogar Meister hier werden“, erklärt er.

Sein Trainer Dietmar Jarosch schmunzelt bei solchen Ansagen. Doch das Lächeln hat auch bittere Züge. Zu oft hat der 68-Jährige seit der Wende gehört, dass Dresden ein Meisterschaftsort sein soll. Doch die letzte DDR-Leichtathletik-Meisterschaft war auch die letzte überhaupt im Steyer-Stadion. Viele Pläne gab es seitdem. Jarosch, der erfolgreiche Sprinterinnen und Hürdenläuferinnen wie Gabi Löwe, Petra Krug, Heike Meißner und Claudia Marx trainiert hat, nimmt sie inzwischen nicht mehr so ernst wie anfangs.

So vermeldete der Deutsche Leichtathletik-Verband 1991, dass es für 1994 mit Dresden und Erfurt zwei Bewerber für die nationale Meisterschaft gibt. Voraussetzung: Stadion-Renovierung. Erfurt legte los, sicherte sich die Beteiligung des Landes und die Unterstützung der Stadt. Im November 1992 war dann die Entscheidung für die Thüringer gefallen. Inzwischen haben dort drei weitere deutsche Meisterschaften stattgefunden.

Neue Pläne, feste Absichten: So soll das Stadion aussehen, wenn der Umbau 2023 abgeschlossen ist – und dann wieder regelmäßig Wettkämpfe stattfinden.
Neue Pläne, feste Absichten: So soll das Stadion aussehen, wenn der Umbau 2023 abgeschlossen ist – und dann wieder regelmäßig Wettkämpfe stattfinden. © ARGE BAM SPORTS GMBH/ Phase 10, O+M ARCHITEKTEN

„Das ist der große Unterschied zu Dresden“, sagt Jarosch und zeigt Zeitungsartikel, die er aufbewahrt hat. Darin ist immer wieder von Projekten die Rede, die es dann meist nie gab. „Es gab immer wieder Gründe, die gegen den Sport sprachen“, beklagt Jarosch. „Aber wen macht man in der Demokratie dafür verantwortlich? Ich habe das Gefühl, da sind immer wieder manche in der Stadt- und Landesverwaltung weit weg vom Sport gewesen.“

Andererseits will er nicht klagen: Jarosch kann mit Bebendorf hier trainieren. Wenn er den Hindernisgraben braucht, wird der hergerichtet. Die Duschen funktionieren. Und Jarosch weiß, dass selbst zu den Weltrekordtagen das Steyer-Stadion kein Sportpalast war. „Das Niveau in Erfurt, Jena oder Chemnitz war überall ähnlich zu DDR-Zeiten. Nach der Wende haben wir dann gesehen, dass es andere Stadien gibt.“

Nun könnte sich auch in Dresden endlich etwas tun. Ende Januar hat der Stadtrat den Umbau beschlossen. Der Abriss der Steintribüne soll im Sommer erfolgen, das Projekt 2023 abgeschlossen sein. Geplant ist eine multifunktionale Sport- und Veranstaltungsstätte, in der neben den Leichtathleten auch die American Footballer der Dresden Monarchs, Fechter und Squash-Spieler bessere Bedingungen bekommen.

„Das höre ich gern“, meint Jarosch. Und vielsagend lächelnd ergänzt er: „Vielleicht ist es ja diesmal wirklich ganz anders. Was wären wir ohne Hoffnung?“ Die Vorstellung, dass Bebendorf 2024 hier tatsächlich um den Titel rennt, die gefällt ihm.

Mythos & Legende, unsere Sportstätten-Serie

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