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Neue Vorwürfe in der Chemnitzer Turnaffäre

Außer Gabriele Frehse soll auch ein Trainer entlassen werden, doch der Präsident des Vereins wehrt sich und stellt die Behauptungen infrage.

Trainerin Gabriele Frehse und Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer – seit 2018 arbeiten sie nicht mehr zusammen.
Trainerin Gabriele Frehse und Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer – seit 2018 arbeiten sie nicht mehr zusammen. © christoph busse / visum

Chemnitz. Direkt nach der Videoschalte will Frank Munzer nichts sagen, er sei emotional zu sehr aufgewühlt, lässt der Präsident des TuS Chemnitz-Altendorf wissen. Seine Empörung über das, was am vorigen Freitag passiert ist, will der 67 Jahre alte Oberfranke aber auch nach einem Glas Frankenwein und dem unruhigen Wochenende nicht verbergen. Sein Verein, jahrelang ein Aushängeschild für das deutsche Turnen, steht am Pranger, soll gleich zwei Trainer vom Hof jagen, wie es Munzer nennt.

Außer Gabriele Frehse soll Gerrit Beltmann entlassen werden. Der Niederländer hat einst eingeräumt, bis 2010 als Nationaltrainer in seiner Heimat Turnerinnen geschlagen und gedemütigt zu haben, „um eine Spitzensport-Mentalität zu entwickeln“, wie er jetzt noch mal der Zeitung Noordhollands Dagblad sagte: „Heute schäme ich zutiefst dafür.“ Trotzdem ist der 64-Jährige seit August vorigen Jahres beim TuS in Chemnitz erneut angestellt, nachdem er bereits von 2014 bis 2016 dort tätig war.

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Damals hat der Deutsche Turnerbund (DTB) offenbar daran keinen Anstoß genommen, vielmehr durfte Beltmann 2015 im Verbandsauftrag einen Vortrag vor den Kader-Trainern halten. Jetzt heißt es vom Verband, er sehe „wie schon seit Bekanntwerden seiner Einstellung“ keine Basis für die Zusammenarbeit und fordere den TuS auf, Herrn Beltmann zu entlassen. „Mit welcher Begründung?“, fragt Munzer. „Auf der Grundlage eines Gutachtens, das in meinen Augen keinerlei rechtliche Wirkung hat? Dagegen braucht er nur eine Kündigungsschutzklage einzureichen.“

Beltmann darf weiterarbeiten, auch, weil es die Turnerinnen ausdrücklich wollen, wie Munzer betont. „Ich bin im intensiven Austausch mit den Eltern, sie haben mich gebeten, dass die Mädels weiter mit ihm trainieren dürfen.“ Beltmanns Verfehlungen sind beinahe so lange bekannt, wie sie zurückliegen: ein Jahrzehnt. „Ich weiß, was er getan hat, und ich wäre der Erste, der ihn aus der Halle jagen würde, wenn so etwas hier vorkommt“, sagt Munzer, „aber es ist nichts in der Art vorgekommen.“

Präsident kündigt rechtliche Schritte an

Er versteht vor allem nicht, warum vonseiten des DTB die „Fälle“ – er betont die Anführungsstrichchen – Frehse und Beltmann miteinander verknüpft werden. Ursprünglich sollte es darum gehen, die Vorwürfe aufzuklären, die insgesamt 14 Turnerinnen in zwei Artikeln des Nachrichtenmagazins Der Spiegel gegen ihre ehemalige Trainerin erhoben hatten. Sie seien von ihr beleidigt und erniedrigt worden, sie habe ihnen in einzelnen Fällen Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht.

Frank Munzer engagiert sich seit 17 Jahren für den TuS Chemnitz-Altendorf, seit sieben Jahren ist er Präsident.
Frank Munzer engagiert sich seit 17 Jahren für den TuS Chemnitz-Altendorf, seit sieben Jahren ist er Präsident. © privat

Frehse hat diese Behauptungen auch in der Befragung durch die vom DTB am 1. Dezember 2020 beauftragte Anwaltskanzlei Rettenmaier aus Frankfurt/Main zurückgewiesen. Laut Gutachten wurden 32 Interviews geführt, die im Durchschnitt dreieinhalb Stunden dauerten. Demnach wurden ca. 800 Seiten Protokoll erstellt und 100 Seiten Unterlagen zusammengetragen. Eine Vielzahl der Auskunftspersonen habe über Verhalten der Trainerin berichtet, das den – von der Kanzlei aufgestellten, aber rechtlich bislang in Deutschland nicht fixierten – Kriterien für psychische Gewalt entspreche.

In 17 Fällen sollen „hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte“ vorliegen, in einem Fall habe die Trainerin das Opioid Tilidin an eine Turnerin zur Einnahme bei Wettkämpfen abgegeben, diese sei unter Einfluss des Medikaments gestürzt. Munzer stellt das infrage: „Frau Frehse hat nichts gemacht, was vorher nicht abgestimmt war. Sie hatte permanent Kontakt zu Ärzten und Eltern.“ Der TuS-Präsident kündigt rechtliche Schritte an gegen diesen und weitere Vorwürfe, die in den Artikeln erhoben worden sind, „um zu zeigen, was die Wahrheit ist“.

Munzer engagiert sich seit 17 Jahren für den Verein, seit sieben Jahren ist er Präsident, seine Enkelin hat hier mit drei Jahren angefangen zu turnen, gehörte zur Bundesliga-Riege. „Wenn in irgendeiner Weise etwas vorgefallen wäre, wie es geschildert wird, hätte sie mich sofort informiert“, ist er überzeugt, räumt aber auch ein: „Dass Druck herrscht, ja, Leistungssport ist in gewisser Weise gnadenlos.“

Trotzdem denkt er darüber nach, wieso nur ehemalige Turnerinnen von Übergriffen berichten und wieso jetzt. „Es ist doch erstaunlich, dass die Eltern, deren Kinder jetzt bei uns trainieren, sich für Frau Frehse stark machen“, meint Munzer. „Der Vorwurf mit dem Opioid stammt von 2018 und wurde damals ausgewertet“, erklärt er. Die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer, die es erst jetzt über den Spiegel öffentlich gemacht hat, sei damals älter als 18 gewesen. „Ich habe sie als selbstständige, selbstbewusste junge Frau kennengelernt, die in diversen Sitzungen ihre Meinung sehr bestimmt vorgetragen hat.“ Schäfer hat dazu erklärt, erst jetzt in die Öffentlichkeit gegangen zu sein, weil nichts passiert ist.

Turnerinnen erfahren es bei Videoschalte

Frehse hatte sich 2018 von ihrer einstigen Vorturnerin getrennt. Die Trainerin ist beim Olympiastützpunkt Sachsen angestellt, der sie seit der Veröffentlichung im Spiegel freigestellt hat. Nach Informationen der SZ soll am Mittwoch über ihre Zukunft entschieden werden, wobei das Ergebnis vom Verband quasi vorgegeben ist. Der DTB wolle mit „einem Bauernopfer Frehse für Ruhe im Laden sorgen“, meint Munzer: „Dies wird so nicht passieren.“

Das Gutachten kenne er bisher nicht, es habe aber den Anschein, dass „die entlastenden Angaben der Eltern jetziger Leistungskader kaum oder gar nicht berücksichtigt“ wurden. In der Stellungnahme wird zitiert, „dass einige der befragten Personen hauptsächlich positiv über die betroffene Trainerin berichtet haben … So wurde häufig das große Engagement genannt, mit dem sich die Trainerin für ihre Turnerinnen eingesetzt und um Problemstellungen des täglichen Lebens gekümmert habe“.

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Trotzdem haben DTB-Vizepräsident Sylvio Kroll und Sportdirektor Wolfgang Willam den Turnerinnen bei jener Videoschalte am Freitag mitgeteilt, dass Frehse und Beltmann entlassen werden sollen. Die Art und Weise hat Munzer aufgewühlt. Er war nicht mal eingeladen, hat sich den Zugang über eine Trainerin verschafft. „Teils zwölf-, dreizehnjährige Mädchen mussten ohne Beistand ihrer Eltern am Bildschirm erfahren, dass ihre Trainerin nicht mehr wiederkommen darf“, sagt der TuS-Präsident – und attackiert den Verband: „In meinen Augen ist auch das ein psychischer Missbrauch von Schutzbefohlenen.“

Munzer hat den Olympiastützpunkt aufgefordert, den Kindern die Möglichkeit zu geben, dieses Schock-Erlebnis mit einer Psychologin aufzuarbeiten.

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