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Warum nur eine deutsche Turnerin bei der WM startet

Pauline Schäfer-Betz soll am Balken eine Chance aufs Finale haben, die Chemnitzer Talente fehlen dagegen. Was das mit dem „Fall Frehse“ zu tun hat.

Gemeinsam zur WM nach Japan: Pauline Schäfer-Betz und Andreas Bretschneider trainieren beim KTV Chemnitz und bieten selbst Turn-Camps an.
Gemeinsam zur WM nach Japan: Pauline Schäfer-Betz und Andreas Bretschneider trainieren beim KTV Chemnitz und bieten selbst Turn-Camps an. © dpa/Hendrik Schmidt

Chemnitz. In gut einer Woche beginnt in der japanischen Großstadt Kitakyüshü die Weltmeisterschaft im Turnen. Im Olympia-Jahr haben die Titelkämpfe nicht die gleiche Bedeutung wie sonst, die deutschen Vorturner um Lukas Dauser, der bei den Spielen in Tokio Silber am Barren gewonnen hat, verzichten deshalb auf eine Teilnahme. Auch die Frauen um die Rekordmeisterin Elisabeth Seitz sind nicht dabei. Das könnte eine Chance sein für jüngere Athleten.

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) nimmt diese wahr – zumindest bei den Männern. Von vier Nominierten sind drei 23 und einer 21 Jahre alt, dazu der Routinier Andreas Bretschneider. Der Berliner, der in Chemnitz trainiert, ist 32, für Olympia konnte er sich nicht qualifizieren.

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Die Titelkämpfe könnten für ihn nun so etwas wie ein Karriereabschluss sein, möglicherweise auch für seine Partnerin Pauline Schäfer-Betz. Schon jetzt hat das Paar eine Geschäftsidee für die berufliche Entwicklung danach: Sie bieten Turn-Camps an, bei denen es „um die Freude am Turnen geht“, wie es auf der Internetseite heißt.

Bei Olympia ohne Medaillenchance geblieben

Die 24-jährige Schäfer-Betz, die seit der Adoption durch ihren Stiefvater einen Doppelnamen trägt, ist vom DTB als einzige Turnerin nominiert worden. Sie habe sich „in den beiden Qualifikationswettkämpfen vor allem am Balken gut präsentiert und dürfte hier eine realistische Finalchance bei der WM haben“, teilte der Verband mit. Schäfer hatte einmal nur an ihrem Paradegerät geturnt, einmal zudem eine Bodenübung gezeigt. Bei Olympia war die Balken-Weltmeisterin von 2017 im Vorkampf auf Rang 36 gelandet, fern jeder Final- oder gar Medaillenchance.

In die Schlagzeilen geriet sie bereits Ende 2020, fern vom Wettkampf: Damals hatte Schäfer-Betz ihre frühere Trainerin Gabriele Frehse, die sich nach der EM 2018 von ihr getrennt hatte, mit Aussagen im Magazin Der Spiegel schwer belastet. Frehse habe sie unter anderem mit Anspielungen auf ihr Gewicht täglich erniedrigt. Die 61-Jährige hatte die Vorwürfe im Interview mit Sächsische.de zurückgewiesen.

Während Schäfer-Betz seitdem bei den Männern des KTV Chemnitz trainiert, ist für die Frauen am Bundesstützpunkt nichts mehr wie bisher. Frehse wurde freigestellt und erhielt zum 30. April eine außerordentliche Kündigung. Diese erklärte das Arbeitsgericht jetzt für unwirksam, die Stadt Chemnitz hob ein Hallenverbot auf. Oberbürgermeister Sven Schulze fürchtet offenbar um die Zukunft des Standortes. „Aus Sicht der Stadt ist es nun am DTB, sportfachlich zu klären, wie es am Bundesstützpunkt weitergehen wird, damit die Turnerinnen dort dauerhaft adäquat betreut werden“, ließ der SPD-Politiker mitteilen.

Vereinschef: Stützpunkt wird zu einer leeren Hülle

Frank Munzer, Präsident des TuS Chemnitz-Altendorf als Trägerverein, möchte nicht aussprechen, wie er die Trainersituation derzeit einschätzt. „Fängt mit ,be‘ an, geht mit ,sch‘ weiter – dann kommen ein paar Punkte“, sagt er. Der DTB habe zwar schon im Januar vollmundig angekündigt, er werde Stellen ausschreiben, passiert sei bisher nichts. Nachwuchsbundestrainerin Claudia Schunk ist punktuell in Chemnitz, kann aber die große Lücke nicht schließen, die durch Frehses Fehlen sowie die Elternzeit einer weiteren Trainerin und den Weggang eines Trainers seit Monaten extrem groß ist. Munzer berichtet von einer Situation, in der 18 Turnerinnen mit einem Trainer in der Halle waren.

Ein individuell betreutes Training mit leistungssportlichem Anspruch ist so unmöglich. „Wenn es so weitergeht, wird der Stützpunkt zu einer leeren Hülle“, sagt der Vereinschef – und er betont: „Ich sehe die große Gefahr, dass keine Talente von außerhalb mehr nach Chemnitz kommen. Sie kamen bisher wegen der idealen Verbindung von Schule und Sport, die wir bieten können, aber auch, weil hier eine Weltklasse-Trainerin wie Gabi Frehse tätig ist.“

Schäfer-Betz kam mit 15 Jahren nach Chemnitz, nachdem sie sich zuvor in Saarbrücken mit ihrem Trainer überworfen und sich zwischenzeitlich im Stabhochsprung versucht hatte. Sophie Scheder, die bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro Bronze am Stufenbarren gewann, war aus Wolfsburg nach Sachsen gewechselt. Sie setzt sich unvermindert für Frehse ein – wie alle derzeit in Chemnitz aktiven Turnerinnen und ihre Eltern. Das hatte der Richter am Arbeitsgericht für seine Entscheidung in Betracht gezogen.

Keine der Olympia-Kandidatinnen zur WM

Mit Scheder stellte der TuS Chemnitz-Altendorf zuletzt sechs von 16 Olympia-Kandidatinnen auf einer DTB-Liste. Emma Malewski, 17 Jahre, gab bei der EM im April ihren internationalen Einstand, Lisa Zimmermann, 18, turnte im vorigen Jahr einen Weltcup. Für die WM in Japan ist aber nun lediglich Schäfer-Betz nominiert.

Lea Marie Quaas, 16, ebenfalls von der Chemnitzer Trainingsgruppe, die weiterhin hinter Frehse steht, hatte die erste Qualifikation gewonnen, allerdings bei der zweiten die geforderte Punkte-Norm deutlich verfehlt. Zimmermann verzichtete auch wegen der mental belastenden Situation am Stützpunkt und konzentriert sich auf ihr Abitur, Scheder fällt nach einem Mittelfußbruch erneut lange aus.

Für einige junge Athletinnen würde die WM noch zu früh kommen, heißt es vom DTB, „sie sollen zunächst bei anderen internationalen Wettkämpfen Erfahrung sammeln“. Darauf müssten sie allerdings im Training vorbereitet werden – das in Chemnitz seit mehr als einem Dreivierteljahr nur eingeschränkt möglich ist. Der DTB bleibt trotz des Arbeitsgerichtsurteils und der Entscheidung der Stadt bei seiner Haltung, dass Frehse „keine Bundesstützpunkt-Athletinnen in Chemnitz im Turnen trainieren wird“, heißt es auf Anfrage von Sächsische.de.

Gespräche mit international etablierten Trainer

Daran würde auch die Idee scheitern, sie über Hallenzeiten für den Verein mit den Turnerinnen arbeiten zu lassen, die sich von ihr betreuen lassen wollen. Der Vorstand des Olympiastützpunktes Sachsen berät heute zur Situation und einer möglichen Berufung im Arbeitsgerichtsprozess. Wahrscheinlicher ist eine Trennung, die nach außen wohl im gegenseitigen Einvernehmen erfolgen würde.

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Wie es am Bundesstützpunkt weitergeht, bliebe dennoch offen. Die vom DTB ausgeschriebene Trainerstelle ist nach wie vor nicht besetzt. Munzer vermutet, der Kandidat, der zurzeit in Norwegen tätig ist, werde sich aus familiären Gründen gegen Chemnitz entscheiden. Das sei nicht korrekt, entgegnet der Verband. Man befinde sich „weiterhin in Verhandlung mit einem international etablierten Trainer“ und arbeite „weiterhin intensiv an einer Lösung“.

Mit dem unmissverständlichen Nachsatz: „Diese wird bei geklärten Verhältnissen leichter zu erreichen sein.“

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