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Turnerin Scheder: „Ich fühle mich nicht verstanden“

Sie trainiert in Chemnitz, hat Olympia-Bronze gewonnen. Im exklusiven Interview spricht Sophie Scheder über die Vorwürfe gegen ihre Trainerin Gabriele Frehse.

Nach dem Gewinn der Bronzemedaille am Stufenbarren bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 wurde Sophie Scheder als Sachsens „Sportlerin des Jahres“ geehrt.
Nach dem Gewinn der Bronzemedaille am Stufenbarren bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 wurde Sophie Scheder als Sachsens „Sportlerin des Jahres“ geehrt. © Robert Michael

Frau Scheder, wie geht es Ihnen?
Das kann ich zurzeit nicht so einfach beantworten. Es könnte mir besser gehen. Ich bin ein Kopfmensch, und wenn mich etwas psychisch belastet, spiegelt sich das auch in meinem körperlichen Wohlbefinden wider. Ich fühle mich zurzeit nicht so fit, da ich sehr viel Energie in meine Gedanken stecken muss.

Ihre Trainerin Gabriele Frehse wurde nach Vorwürfen psychischer Gewalt freigestellt. Wie belastet Sie das?

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Natürlich ist die Situation am Stützpunkt in Chemnitz und mit meiner Trainerin ein wichtiger Punkt. Aber auch Corona spielt eine große Rolle. Man weiß nach wie vor nicht, ob die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Das ist nicht nur für die Psyche, sondern auch körperlich super anstrengend. Es kommen viele Aspekte zusammen, durch die ich mich nicht voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann.

Wie motivieren und konzentrieren Sie sich für die Vorbereitung auf Olympia?

Ich versuche mich so wenig wie möglich mit der Ungewissheit zu beschäftigen und alles auf eine Karte zu setzen. Ich sage mir also: Die Spiele finden statt, und ich bereite mich bestmöglich darauf vor. Die Zweifel bleiben trotzdem und auch der Gedanke: Selbst wenn sie stattfinden, werden sie anders sein als 2016 in Rio de Janeiro. Zum Beispiel das Zusammensein der Athleten verschiedener Sportarten im olympischen Dorf, die dieses Event gemeinsam feiern, wird so nicht möglich sein. Wenn es so kommen sollte, dass wir Sportler nur teilnehmen dürfen, wenn wir uns impfen lassen, möchte ich auch nicht dabei sein.

Wollen Sie sich nicht impfen lassen?

Vor allem möchte ich niemandem, der vor mir dran sein würde und den Schutz dringender braucht, den Impfstoff wegnehmen. Das Thema ist sowieso schwierig, denn ich habe viele Impfungen hinter mir. Für die Spiele in Brasilien brauchten wir zum Beispiel eine Impfung gegen Gelbfieber. Bei Corona bin ich aber hin und her gerissen. Klar, Wissenschaftler haben weltweit rund um die Uhr daran gearbeitet, diesen Impfstoff zu entwickeln. Wenn er in Deutschland zugelassen ist, vertraue ich dem auch. Normalerweise dauert so eine Entwicklung aber doch ein wenig länger.

Der bislang emotionalste Moment ihrer Karriere als Turnerin: Sophie Scheder, die aus Wolfsburg stammt und seit 13 Jahren in Chemnitz trainiert, gewinnt 2016 in Rio Olympia-Bronze und grüßt ihre Eltern auf der Zuschauer-Tribüne.
Der bislang emotionalste Moment ihrer Karriere als Turnerin: Sophie Scheder, die aus Wolfsburg stammt und seit 13 Jahren in Chemnitz trainiert, gewinnt 2016 in Rio Olympia-Bronze und grüßt ihre Eltern auf der Zuschauer-Tribüne. © dpa/epa/Tatjana Zenkovic

Sie haben in Rio 2016 großartige Spiele erlebt und die Bronzemedaille am Stufenbarren gewonnen, in Tokio wird es den Rahmen so nicht geben, der Olympia ausmacht. Wären es für Sie Spiele zweiter Klasse?

Rio war unglaublich, durch meinen Erfolg, den ich feiern durfte, war es für mich noch mal schöner und krasser. Ich dachte: Tokio wird unfassbar. Japaner sind Perfektionisten, sie werden alles super organisieren, mit allem, was dazugehört. Wie viel davon umgesetzt werden wird, kann man jetzt nicht beurteilen.

Womöglich ohne Zuschauer …

Ich habe gehört, dass 40 bis 60 Prozent der Zuschauerkapazität zugelassen werden soll. Dies sehe ich eben auch zwiespältig, ob das während einer Pandemie sein muss. Ich turne am liebsten vor Publikum, weil man anderen zeigen kann, wie viel Spaß man an der Sache hat. Ich präsentiere gerne, was ich jahrelang im Training erarbeitet habe. Man bekommt direkt Reaktionen durch Jubeln, Klatschen und andere Emotionen. Für mich war 2016 der schönste Moment, als ich auf dem Siegerpodest stand, die Bronzemedaille bekam und meine Eltern in der ersten Reihe auf der Tribüne gesehen habe.

Sie hatten lange keinen Wettkampf, können Sie einschätzen, wo Sie stehen?

Stimmt, ich hatte meinen bislang letzten Wettkampf im Dezember 2019. Ich musste verletzungsbedingt immer wieder zurückstecken, hatte im Oktober eine Operation an der Schulter. Ich bin jetzt drauf und dran, mich wieder zurückzukämpfen. Das ist nicht leicht, aber ich habe es bisher immer geschafft, mich auch nach schwierigen Verletzungen wieder für die Nationalmannschaft zu qualifizieren. Das Ding ist: Je mehr Wettkämpfe man turnt, umso sicherer wird man, desto mehr Selbstvertrauen baut man auf. Das ist eine Herausforderung, weil fraglich ist, ob die geplanten Wettkämpfe stattfinden können.

Sophie Scheder und ihre Trainerin Gabriele Frehse haben gemeinsam mit Olympia-Bronze bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro den größten Erfolg gefeiert.
Sophie Scheder und ihre Trainerin Gabriele Frehse haben gemeinsam mit Olympia-Bronze bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro den größten Erfolg gefeiert. © Robert Michael

Wie läuft Ihr Training in Chemnitz ohne Ihre Trainerin, Frau Frehse?

Mehr oder weniger. Ich bin sehr erfahren, weiß, wie ich mein Training gestalten kann. Bundesnachwuchstrainerin (Claudia Schunk/d. Red) ist punktuell für uns zuständig, aber nicht ständig in Chemnitz, sodass sie nicht weiß, wie die Trainingspläne, die sie uns schreibt, ankommen. Mit Gabi fehlen uns derzeit drei Trainer …

Weil Gerrit Beltman, der wegen früherer Vergehen erneut unter Druck geraten ist, gekündigt hat und Romy Nürnberger, die für Sie mit zuständig sein soll, in den Mutterschutz geht …

Ganz genau. Somit haben wir nur noch eine Trainerin plus zwei, die über die Schule angestellt sind und nicht immer dabei sein können – für ungefähr 30 Mädels. Das heißt, meine Teamkolleginnen und ich, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten, haben zwar jemanden dabei, der ab und zu mal drauf schaut und uns korrigiert und hilft, letztendlich sind wir aber doch auf uns alleine gestellt.

Sie haben direkt nach den Vorwürfen, die einige Ihrer früheren Vereinskolleginnen um Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer im Magazin Der Spiegel äußerten, gesagt, Sie hätten das so nicht erlebt. Wie beurteilen Sie das jetzt?

Mir ging und geht es darum, die andere Seite zu zeigen. Es gibt nicht nur diese eine Sicht, sondern auch viele Turnerinnen, einschließlich mir, die dazu eine andere Meinung haben und sagen: Hey, das gehört im Leistungssport dazu. Wir wollen damit niemanden in die Enge treiben und behaupten: Was du gesagt hast, stimmt so nicht. Nur: Wir haben es anders empfunden. Das ist mir wichtig, dass ich das persönlich öffentlich mache. Es ist meine Trainerin.

Wie haben Sie es denn empfunden?

Ich bin mit Gabi und der Art, wie wir zusammenarbeiten, so professionell, absolut im Grünen. Man muss im Leistungssport an Grenzen gehen, auch darüber hinaus. Natürlich haben wir unsere Differenzen, die gehören dazu. Es fällt auch mal ein Wort, das man lieber so nicht hören möchte. Es muss im Rahmen bleiben, und das war es für mich jederzeit. Ich kann aber – und das möchte ich noch mal betonen – nur von mir sprechen und die Gefühle anderer nicht beurteilen. In den 13 Jahren, die ich mit Gabi zusammenarbeite, gab es eine solche Situation, wie sie die anderen schildern, für mich nie. Das wollte ich mit meinem Statement erwähnen in der Hoffnung, dass diese Seite auch gehört wird.

Vor Olympia in Rio waren sie in Chemnitz zusammen stark: die Turnerinnen Pauline Schäfer (l.) und Sophie Scheder. Während Schäfer jetzt schwere Vorwürfe gegen die Trainerin erhebt, sagt Scheder, sie habe das nie so empfunden.
Vor Olympia in Rio waren sie in Chemnitz zusammen stark: die Turnerinnen Pauline Schäfer (l.) und Sophie Scheder. Während Schäfer jetzt schwere Vorwürfe gegen die Trainerin erhebt, sagt Scheder, sie habe das nie so empfunden. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

Sind Sie von der Anwaltskanzlei gehört worden?

Ganz ehrlich?

Bitte.

Ja, ich hatte auch ein Gespräch. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie meine Meinung wirklich hören wollten. Zum Schluss durfte ich mir anhören: Na ja, Frau Scheder, was Sie jetzt erzählt haben, könnte man meinen, alle anderen lügen. Darauf habe ich gefragt: Warum haben wir drei Stunden geredet? Ich konnte nur von meinen Erfahrungen, meinen Gefühlen sprechen, wie ich es erlebt habe. Aber ich hatte das Gefühl, mir wird nicht geglaubt. Deswegen weiß ich nicht, ob bei dieser Untersuchung wirklich beide Seiten einbezogen werden sollen oder ob es nur darum geht, die Vorwürfe gegen Gabi zu bestätigen. Damit fühle ich mich nicht verstanden.

Wie soll es Ihrer Meinung nach denn weitergehen?

Wir aktiven Turnerinnen in Chemnitz stehen hinter Gabi und möchten, dass sie zurückkommt. Wir alle sind wegen ihr und der perfekten Infrastruktur hierher gekommen. Es geht nicht um mich, ich wollte in diesem Jahr meine sportliche Zusammenarbeit mit ihr noch mal bei Olympia krönen. Mir tut es für die jüngeren Mädels leid, die erst international durchstarten möchten. Sie stehen am Anfang ihrer Karriere und gerade ohne Trainerin da: dreieinhalb Monate vor der ersten Qualifikation für die Olympischen Spiele. Und das in einem Verein, bei dem die meisten Bundeskaderathletinnen trainieren. Es gibt natürlich starke Konkurrenz in Stuttgart und Köln, aber in Chemnitz haben wir derzeit die meisten Mädels mit großem Potenzial für die nächsten Jahre. Dass dieser Verein über Gabi so in den Dreck gezogen wird, kann ich absolut nicht nachvollziehen.

Sie sind mit 24 Jahren die älteste Turnerin. Wie helfen Sie den Jüngeren?

Ich bin immer für die Kleinen da, ich denke, das macht mich aus. Ich möchte, dass es anderen gut geht, erst dann schaue ich auf mich selber. Ich mache das wirklich gerne, weil es für mich wie eine Familie ist. Aber das kostet gerade viel Energie, weil ich auch nicht weiß, woran wir sind. Ich spüre in der Halle: Die Motivation ist eher mäßig, alle sind mit den Gedanken woanders.

Wie sollte denn der DTB mit den Vorwürfen umgehen, die nun einmal im Raum stehen?

Das ist natürlich eine Zwickmühle. Es ist aber die Aufgabe des Verbandes, den richtigen Umgang damit zu finden. Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Wenn Sie das erleben: Würden Sie selbst Trainer werden wollen?

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Jetzt taucht ein brisantes Protokoll auf: Wurde die Trainerin Gabriele Frehse bereits 2019 bestraft, aber vom Vorwurf der psychischen Gewalt freigesprochen?

Ich habe bereits die A-Lizenz und fange im April mit dem Fernstudium an der Sporthochschule in Köln an. Der Gedanke ist schon lange da, und ich kann es mir nach wie vor vorstellen, mit meinem Wissen und meiner Erfahrung viel einbringen zu können. Die jüngeren Mädels fragen mich schon: Sophie, kannst du uns bitte trainieren? Was ich ihnen sage, nehmen sie sehr gerne an. Wenn ich dann das Strahlen in ihren Augen sehe, wenn ihnen ein Tipp von mir hilft, sage ich mir: Okay, Sophie, das ist etwas, was du richtig gut kannst. Das bestärkt mich natürlich. Warten wir mal ab, was in drei Jahren ist, aber ich werde dem Sport treu bleiben.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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