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De Maizière lehnt Vermittlung im Fall Frehse ab

In der Affäre um die Chemnitzer Turn-Trainerin sollte die Ethikkommission des DOSB eine Mediation moderieren. Der Vorsitzende lehnt ab - die Hintergründe.

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière sollte in der Chemnitzer Turn-Affäre vermitteln. Doch er fühlt sich nicht zuständig.
Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière sollte in der Chemnitzer Turn-Affäre vermitteln. Doch er fühlt sich nicht zuständig. © kairospress

Chemnitz. Verständnis für die Anfrage, trotzdem eine deutliche Absage: Eine im Zusammenhang mit dem Fall der Chemnitzer Turn-Trainerin Gabriele Frehse angestrebte Mediation durch die Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ist abgelehnt worden. Das unabhängige Gremium erklärte sich in einem Schreiben für nicht zuständig und verwies stattdessen auf die Ethik-Beauftragte des Deutschen Turner-Bundes (DTB).

"Die Vorwürfe und die öffentlichen Debatten belasten alle Beteiligten persönlich. Sie schaden der Reputation des Spitzensports im Turnen und sind insbesondere vor dem Hintergrund der bevorstehenden Olympischen Spiele besorgniserregend", erklärt der Kommissionsvorsitzende Thomas de Maizière in einem Schreiben vom 20. Mai. Zuvor hatten sich unter anderen die beiden Chemnitzer Olympia-Kandidatinnen Sophie Scheder und Lisa Zimmermann sowie zahlreiche Eltern und Unterstützer in einem Schreiben an den sächsischen CDU-Politiker und früheren Bundesminister mit der Bitte um Moderation einer Mediation gewandt.

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"Die aktiven Turnerinnen, die zuletzt von Gabriele Frehse betreut wurden, wünschen sich ihre Erfolgstrainerin zurück und können nicht verstehen, warum sie nicht mehr von ihrer jahrelangen Vertrauensperson trainiert werden dürfen", heißt es in dem Brief. "Alle Unterzeichner dieses Briefes nehmen die Verantwortung, Athletinnen und Athleten vor Gewalt und Machtmissbrauch im Sport zu schützen, sehr ernst. Es ist ihr gemeinsames Ziel, dass der Spitzensport regelkonform und gewaltfrei ausgeübt wird."

Schwere Vorwürfe und große Unterstützung

Es ist der Widerspruch in der Diskussion um Frehse: Rund ein Dutzend früherer Schützlinge um die Ex-Balken-Weltmeisterin Pauline Schäfer werfen der 60-Jährigen vor, sie schikaniert, verbal erniedrigt und ihnen unerlaubt Medikamente verabreicht zu haben. Dagegen erklärte unter anderem Sophie Scheder, die 2016 bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille am Stufenbarren gewonnen hat, solche Dinge nicht wahrgenommen zu haben. Wie die anderen derzeit am Stützpunkt in Chemnitz aktiven Turnerinnen und deren Eltern beklagt die 24 Jahre alte Scheder, dass ihre Wahrnehmung bei der Untersuchung nicht wirklich gefragt gewesen sei.

Eine Frankfurter Anwaltskanzlei hatte nach eigenen Angaben 32 Interviews geführt, die durchschnittlich dreieinhalb Stunden dauerten. In einem Abschlussbericht vom 21. Januar kommt sie zu dem Schluss, dass "in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen". Frehse hatte die Vorwürfe jedoch unter anderem in einem Interview für Sächsische.de zurückgewiesen, nachdem diese Ende November 2020 erstmals in einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel öffentlich geworden waren.

Die Eltern haben den Vorsitzenden der DOSB-Ethikkommission auf die Vorgeschichte hingewiesen. Demnach wurden die Vorwürfe bereits Ende 2018 erstmals erhoben und konnten damals in einer vom Deutschen Turner-Bund (DTB) initiierten Untersuchung nicht bestätigt werden. Für die Weitergabe eines Medikamentes in einem Fall sei Frehse sowohl durch ihren Arbeitgeber, den Olympiastützpunkt Sachsen, durch eine Abmahnung als auch durch den DTB durch den vorübergehenden Ausschluss von Lehrgängen des Auswahlkaders sanktioniert worden. Seit Dezember laufen dazu gegen Frehse staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen des Verdachts der Körperverletzung.

Verhärtete Fronten zwischen Verein und Verband

Inzwischen sind im "Fall Frehse" die Fronten zwischen dem TuS Chemnitz-Altendorf, dem Trägerverein des Stützpunktes, einerseits und dem DTB andererseits verhärtet. Auf Druck des Verbandes wurde Frehse zum 30. April vom Olympiastützpunkt gekündigt, nachdem die Trainerin zuvor fünf Monate freigestellt war. Der Verein wollte sie daraufhin ehrenamtlich beschäftigen, drei Turnerinnen starteten über die Crowdfunding-Seite GoFundMe im Internet einen Spendenaufruf, um sich mit Frehse auf die internen Olympia-Qualifikationen vorbereiten zu können.

Diesem Ansinnen schob die Stadt Chemnitz jedoch einen Riegel vor und verhängte ein Hallenverbot für Frehse, "mit der Absicht, zum einen die juristische Klärung des Falls abzuwarten und zum anderen, um nicht weiteres Konfliktpotential vor Ort zu schüren", wie es hieß. Diese Maßnahmen lösten jedoch einen erneuten Proteststurm, sodass es ein Gespräch zwischen Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) mit Vereinspräsident Frank Munzer sowie Harald Scheder und Norman Zimmermann als Elternvertreter gab.

Das Ergebnis: Das Hallenverbot wird aufrechterhalten, der DTB sichert eine leistungssportgerechte Betreuung der Chemnitzer Kaderathletinnen ab - und die Stadt unterstützt den Vorschlag von Verein, Stadtsportbund und Eltern, die Ethikkommission des DOSB zu bitten, ein Mediationsverfahren in der Angelegenheit zu moderieren.

Vom DOSB heißt es nun in der von de Maizière unterschriebenen Antwort, man sei nicht zuständig. Vielmehr verfüge der DTB selbst mit Bundesministerin a. D. Brigitte Zypries über "eine erfahrene und hoch qualifizierte Ethikbeauftragte" sowie eine Ombudsperson. Der DTB habe die Strukturen im Bereich von Good Governance selbst geschaffen. Das sei auch deshalb sinnvoll, "weil jede Sportart natürlich ihre jeweils eigenen Besonderheiten aufweist, die eine Ethikkommission des DOSB nicht vollumfänglich nachvollziehen kann". Diese sei für Angelegenheiten zuständig, die den DOSB selbst betreffen.

Ethikkommission im Turnerbund zuständig

"Wir stehen hinter dem rechtsstaatlichen Grundsatz der Unschuldsvermutung und lehnen jedwede Vorverurteilung durch Medien und andere beteiligte Akteure ab", erläutern die Initiatoren. "Es ist nicht an der Zeit, voreilig Fakten zu schaffen und einer Bewertung durch die Justiz vorzugreifen. Stattdessen müssen alle Beteiligten endlich miteinander ins Gespräch kommen."

Dabei hatten die Initiatoren Bezug genommen auf einen Vorschlag, den zuvor Beate Lohmann, Abteilungsleiterin Sport im Bundesministerium des Innern, in einem Schreiben an den DTB unterbreitet hatte, um die "geringe Gesprächsbereitschaft zu überwinden". Dieser sei aber vom nicht aufgenommen, sondern stattdessen der Druck auf die regionalen Akteure in Chemnitz und Sachsen erhöht worden, heißt es.

Nun werden sich die Chemnitzer sehr wahrscheinlich direkt an die Ethikbeauftragte des Verbandes wenden. Denn mit dem Schreiben von de Maizière liegt die Verantwortung für eine Vermittlung in der Affäre beim DTB. Der hatte mit dem Untersuchungsbericht zunächst die "vollständige Beendigung des Arbeitsverhältnisses" mit Frehse verlangt und anschließend den Olympiastützpunkt und die Stadt Chemnitz aufgefordert, jede andere Tätigkeit der Trainerin am Stützpunkt zu unterbinden.

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Frehse geht gegen ihre Entlassung juristisch vor. "Ich bin davon überzeugt, dass diese Kündigung einer gerichtlichen Prüfung nicht standhalten wird und ich wieder eingestellt werden muss. Das letzte Wort darüber wird also nicht der DTB oder der OSP, sondern das Arbeitsgericht haben", sagte sie dem Online-Portal gymmedia.de. Sie sei "zuversichtlich, dass nach Abschluss all dieser Dinge für jedermann klar sein wird, dass ich mir nichts zuschulden kommen lassen habe".

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