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Ihr schwieriger Kampf um das Olympia-Ticket

Nach Verletzungen und dem Streit um ihre Chemnitzer Trainerin: Wie sich Turnerin Sophie Scheder trotzdem für die Spiele in Tokio qualifizieren will.

Die Anspannung vor dem Wettkampf: Für Sophie Scheder geht es jetzt um ihre zweite Olympia-Teilnahme.
Die Anspannung vor dem Wettkampf: Für Sophie Scheder geht es jetzt um ihre zweite Olympia-Teilnahme. © Jan Huebner/Peters

Chemnitz. Aufzugeben ist keine Option. Sophie Scheder will es auf jeden Fall versuchen, es sich selber zeigen, wie sie sagt. Die Chemnitzer Turnerin kämpft seit Monaten mit Beschwerden in Knie und Schulter. „Ich muss schauen, wie ich das händeln kann“, meint die 24-Jährige. Ihr Ziel ist die zweite Olympia-Teilnahme, nachdem sie bei den Spielen in Rio de Janeiro 2016 sensationell die Bronzemedaille am Stufenbarren gewonnen hat. Doch um in diesem Sommer in Tokio dabei zu sein, muss sie sich in zwei Wettkämpfen gegen die nationalen Konkurrentinnen durchsetzen.

Das wird schwer genug, weil die erstens ein hohes Niveau und zweitens einen Trainingsvorsprung haben. „Natürlich ist es mein Ziel, dafür kämpfe ich“, betont Scheder, „aber wenn ich es schaffen sollte, wäre das sehr, sehr krass, weil keiner damit rechnet – ich am wenigsten.“ Die erste Qualifikation ist der Mehrkampf bei der deutschen Meisterschaft in Dortmund am Donnerstag. Der zweite Wettkampf folgt am 12. Juni in München. „Ich habe so viele Verletzungen hinter mir und war danach in kürzester Zeit fit. Deshalb hoffe ich einfach, dass mir meine Erfahrung ein wenig in die Karten spielt.“

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Scheder ist im besten Sinne eine Stehauffrau, auf besonders dramatische Weise zeigte sie das 2019. Erst kurz vor der Weltmeisterschaft in Stuttgart hatte sie einen Muskelfaserriss im Oberschenkel auskuriert und den Sprung ins Team geschafft. Doch nur einen Tag vor dem Auftakt der Titelkämpfe streikte der große Rückenmuskel, die Schmerzen strahlten bis in die Schulter aus. Sie musste ihrer Teamkollegin Pauline Schäfer den Startplatz überlassen. „Im ersten Moment habe ich daran gedacht, aufzuhören“, sagt Scheder. Doch nach einer Woche hatte sie die Enttäuschung überwunden und sagte sich: „Okay, hier soll es nicht enden.“

Seit November 2019 kein Wettkampf mehr

Wenig später schaffte sie es beim international top besetzten Turnier der Meister in Cottbus ins Finale am Balken, kurz darauf hatte sie beim Bundesliga-Finale ihren bis heute letzten Wettkampf. Seitdem musste sie einiges verkraften: Die Absagen wegen der Corona-Pandemie, ihre körperlichen Probleme, der Wirbel um ihre Trainerin Gabriele Frehse in Chemnitz, die seit Ende vorigen Jahres suspendiert und seit dem 1. Mai durch den Olympiastützpunkt Sachsen gekündigt ist. Scheder hat sich von Anfang an deutlich positioniert.

Sie waren ein Erfolgsduo – und sind es immer noch. Turnerin Sophie Scheder sucht weiter Rat bei Trainerin Gabriele Frehse.
Sie waren ein Erfolgsduo – und sind es immer noch. Turnerin Sophie Scheder sucht weiter Rat bei Trainerin Gabriele Frehse. © Foto: Matthias Rietschel

Die Vorwürfe, die ihre einstige Trainingsgefährtin Pauline Schäfer und andere ehemalige Schützlinge gegen Frehse erhoben hatten, kann sie aus ihrer Erfahrung und Wahrnehmung nicht bestätigen. „Es gibt nicht nur diese eine Sicht, sondern auch viele Turnerinnen, einschließlich mir, die dazu eine andere Meinung haben und sagen: Hey, das gehört im Leistungssport dazu“, erklärte Scheder in einem Interview für Sächsische.de. „Wir wollen damit niemanden in die Enge treiben und behaupten: Was du gesagt hast, stimmt so nicht. Nur: Wir haben es anders empfunden.“

Zuletzt hatte sie gemeinsam mit Lisa Zimmermann und Emma Malewski über die Crowdfunding-Seite GoFundMe im Internet einen Spendenaufruf gestartet, um die Trainerin zu finanzieren. Der TuS Chemnitz-Altendorf als Trägerverein des Bundesstützpunktes wollte Frehse ehrenamtlich beschäftigen. Doch diesen Plan hat Oberbürgermeister Sven Schulze durchkreuzt, indem er ihr verbot, die Turnhalle zu betreten. Die Sportlerinnen waren davon überrascht. „Ein paar Wochen vorher hörte sich das ganz anders an“, berichtet Scheder. „Da hieß es noch, er würde Gabi nie ein Hallenverbot aussprechen. Deshalb haben wir die Aktion gestartet in der Hoffnung, es so regeln zu können. Umso schlimmer war es für uns, diese Nachricht zu hören. Wir Turnerinnen waren dabei leider mal wieder außen vor.“

Spendenaktion durch Hallenverbot ausgebremst

In Chemnitz werden sie auch auf Drängen der Stadt bis zu Olympia von Bundesnachwuchstrainerin Claudia Schunk betreut. Trotzdem hält Scheder den Kontakt zu Frehse, die für sie eine Vertrauensperson ist. „Wir tauschen uns mindestens jeden zweiten Tag aus. Ich frage sie, wie sie meine Trainingsgestaltung planen würde, werte Fortschritte und Rückschläge mit ihr aus“, erzählt Scheder. Wie sie die Spendengelder einsetzen, ist derzeit offen. Die Unterstützung war überwältigend, mehr als 32.000 Euro kamen zusammen. So wurde das Ziel, 20.000 Euro, zwar weit übertroffen, der Zweck ist dennoch nicht erfüllt.

Auch gemeinsam waren sie stark, jetzt bewerten die beiden Chemnitzer Turnerinnen ihre Erfahrungen gegensätzlich: Pauline Schäfer (l.) erhebt schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse, Sophie Scheder verteidigt die Trainerin.
Auch gemeinsam waren sie stark, jetzt bewerten die beiden Chemnitzer Turnerinnen ihre Erfahrungen gegensätzlich: Pauline Schäfer (l.) erhebt schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse, Sophie Scheder verteidigt die Trainerin. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

„An der Situation wird sich erst einmal nichts ändern“, sagt Scheder. „Ich kann mich noch zehnmal darüber aufregen und dagegen sein, aber ich muss es jetzt so annehmen und das Beste daraus machen, auch wenn es mir nicht gefällt.“ Schließlich darf sie nicht noch mehr Energie verlieren, wenn sie sportlich wieder auf Top-Niveau kommen will.
Bei den Lehrgängen der Auswahlkader in Frankfurt am Main hat sie die anderen nur aus dem Augenwinkel beobachtet. „Ich habe versucht, allein auf mich selbst zu achten, weil ich weiß: Wenn ich auf sie schaue, macht mich das nur nervöser, weil ich sehe, wie weit sie sind und was mir fehlt.“

Einen Motivationsschub von außen braucht sie sowieso nicht, sondern „eher jemanden, der mich unterstützt, den Druck zu lindern, den ich mir selbst mache“, erklärt Scheder. Dafür arbeitet sie mit dem Chemnitzer Mentaltrainer René Edelmann zusammen. „Ich habe meine Familie, meine Freunde, auch Gabi und Claudia Schunk helfen mir, mich in meinen Erwartungen ein Stück weit zu bremsen.“

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Seit April studiert Scheder an der Sporthochschule in Köln, kann sich eine Trainerlaufbahn vorstellen. „Ich werde dem Sport auf jeden Fall treu bleiben, mit welcher Aufgabe, wird sich zeigen.“ Ihr Plan ist darauf angelegt, nach Olympia zu entscheiden, ob sie weitermacht. „Es war immer mein Traum, bei einem großen internationalen Event in der Heimat turnen zu können, aber ich musste mich 2019 nur 24 Stunden vor dem ersten Wettkampf der WM rausnehmen. Jetzt gäbe es die Chance bei der Europameisterschaft 2022 in München“, sagt sie – und fügt an: „Das wäre ein schöner Abschluss.“

Bis dahin hat sie noch einiges vor.

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