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Schwere Vorwürfe gegen Chemnitzer Trainerin

Turnerin Pauline Schäfer war Weltmeisterin. Nun erklärt sie im Magazin Der Spiegel, erniedrigt worden zu sein. Die Reaktionen nach ihrem brisanten Bericht.

Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse.
Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse. © Foto: Toni Söll

Von Andreas Frank

Der Bericht steckt voller brisanter Vorwürfe, die arbeits-, möglicherweise sogar strafrechtliche Konsequenzen für die Trainerin haben könnten. Kunstturnerin Pauline Schäfer, Weltmeisterin am Schwebebalken von 2017, wirft Gabriele Frehse vor, sie täglich beleidigt und erniedrigt zu haben. Darüber hinaus erzählen sie und weitere frühere Sportlerinnen des Stützpunktes in Chemnitz-Altendorf, ihnen seien ohne ärztliche Verordnung Medikamente verabreicht worden, damit sie über ihre Schmerzen hinaus trainieren oder in Wettkämpfen durchhalten.

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Darüber schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Demnach war Schäfer von der Trainerin jahrelang schikaniert worden. Besonders schlimm sei es jedoch geworden, als sie „nicht mehr der kleine Turnroboter“ sein wollte. Die 23-Jährige sagt nun, sie habe es satt zu schweigen – auch im Interesse der Mädchen, die jetzt bei Frehse trainieren. Mit ihr äußern sich fünf weitere Ex-Turnerinnen sowie ehemalige Übungsleiterinnen. Ein Anwalt von Frehse hatte laut Spiegel auf einen Fragenkatalog geantwortet. Die darin enthaltenden Äußerungen Dritter enthielten eine „Vielzahl von Unwahrheiten und haltlosen Vorwürfen“.

Auf eine Anfrage der SZ reagierte sie, bittet aber um Verständnis, sich nicht über das Statement hinaus äußern zu wollen, das sie dem MDR gegeben hatte. „Die Vorwürfe sind haltlos, und es stecken viele Verleumdungen drin. Ich bin sehr traurig darüber und hätte damit nicht gerechnet. Ich muss das alles erst einmal durcharbeiten“, sagte die Beschuldigte demnach dem Fernsehsender.

Derweil ist in Chemnitz ein Meinungsstreit mit noch unabsehbaren Folgen entbrannt. So hat sich mit Sophie Scheder, Olympia-Dritte am Stufenbarren von 2016, eine weitere Turnerin geäußert. In ihrem Instagram-Profil schrieb sie von „Momenten, bei denen ich mit meiner Trainerin nicht immer auf einen Nenner kam. Doch solche Differenzen gibt es in allen Lebensbereichen und sind meiner Meinung nach ganz normal. Jede Athletin nimmt das Gesagte anders wahr, und dass der Ton bei Trainern auch mal schärfer ist, sollte kein Vorwurf sein, sondern ist einfach nur menschlich.“

Olympia-Dritte steht zur Trainerin

Scheder, die aus Wolfsburg stammt, war 2008 mit elf Jahren nach Chemnitz gekommen. In ihrem öffentlichen Bekenntnis zur Trainerin wird sie sehr persönlich: „Gabi – du hast mich getrieben, mir Mut gemacht, bist mit mir durch Höhen und Tiefen gegangen, hast mich mit groß gezogen und zu dem erfolgreichen Menschen gemacht, der ich heute bin! Ich stehe an deiner Seite! Bleib stark!“

Sophie Scheder ist glücklich nach ihrer Übung am Stufenbarren bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro - da weiß sie noch nicht, dass sie die Bronzemedaille gewonnen hat.
Sophie Scheder ist glücklich nach ihrer Übung am Stufenbarren bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro - da weiß sie noch nicht, dass sie die Bronzemedaille gewonnen hat. ©  Foto: dpa

Schäfer hingegen empfand den Umgangston und das Verhalten ihrer langjährigen Betreuerin als unmenschlich, bereits im Herbst 2018 trennten sie sich im Streit. „Täglich erniedrigt zu werden – das hinterlässt irgendwann Spuren“, sagte die 23-Jährige. Immer wieder, so Schäfer weiter, sei sie auch wegen ihres angeblich zu hohen Körpergewichts verbal massiv beleidigt worden. Eine Szene ist der Einstieg in die Spiegel-Geschichte: eine offenbar gelungene Schwebebalken-Übung. Die Sportlerin erwartet Lob, doch die Trainerin soll sinngemäß gesagt haben: „Wenn ich dich sehe, könnte ich nur noch heulen.“

Damals sei sie 17 gewesen. Mit 15 war Schäfer von Saarbrücken nach Chemnitz gewechselt. Zuvor hatte sie sogar schon mal mit dem Turnen aufgehört und Stabhochsprung probiert, weil Schäfer sich mit ihrem Übungsleiter überworfen hatte. „Ich habe darunter sehr gelitten“, sagte sie dazu in einem Gespräch mit der SZ – und Frehse: „Es war für sie am Anfang schwer zu akzeptieren, dass ich als Trainer denke, das Richtige für sie vorzubereiten, ihr die richtigen Pläne zu geben.“ Das war im Herbst 2015, als Schäfer mit WM-Bronze aus Glasgow zurückgekehrt war.

Damals schilderte auch sie die Zusammenarbeit anders als jetzt. Frehse war beim Wettkampf nicht vor Ort. Die Athletin patzte im Training ausgerechnet bei dem von ihr entwickelten Schäfer-Salto. Bundestrainerin Ulla Koch strich daraufhin das Element aus der Übung – für Schäfer wohl ein mentaler Tiefpunkt. „Ich hatte eine weinende Pauline am Telefon“, berichtete Frehse damals – und Schäfer erzählte: „Gabi hat mir zugeredet, dass ich auch ohne das Element eine richtig gute Wertung kriegen kann.“

Aufbauhilfe aus der Ferne

Die Aufbauhilfe aus der Ferne funktionierte. Zwei Jahre später wurde Schäfer sogar Weltmeisterin. Der Erfolg gab Frehse recht, aber er rechtfertigt keinesfalls alle Methoden. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dürfte es für die 60-Jährige, die als Schwimmerin leistungssportlich aktiv war, kaum eine Zukunft als Trainerin geben. Sie hat sich mal als „ehrgeizig, konsequent, hart und liebevoll“ charakterisiert, aber gemeint: „Früher war ich härter.“ Ihr Schlüsselerlebnis sei gewesen, als ein Sportpsychologe nach dem Training feststellte: „Ihr kritisiert die Kinder den ganzen Tag. Lobt doch mal!“ Das habe sie beherzigt und gemerkt, wie sie zufriedener geworden sei, meinte Frehse.

Das sind Freudentränen: Pauline Schäfer freut sich am 8. Oktober 2017 über ihre Goldmedaille. Die Turnerin gewinnt überraschend bei der Weltmeisterschaft in Montreal am Schwebebalken.
Das sind Freudentränen: Pauline Schäfer freut sich am 8. Oktober 2017 über ihre Goldmedaille. Die Turnerin gewinnt überraschend bei der Weltmeisterschaft in Montreal am Schwebebalken. ©  Foto: dpa

Nun stehen schwere Anschuldigungen gegen sie im Raum – am schlimmsten wohl die, sie habe Schäfers Schwester Helene ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel ohne ärztliche Indikation verabreicht. Unstrittig ist, dass der Deutsche Turner-Bund (DTB) daraufhin die beim Olympiastützpunkt Chemnitz angestellte Übungsleiterin von DTB-Trainings- und Wettkampfmaßnahmen für das Jahr 2019 ausschloss.

Der Verband kündigte nun in einer Stellungnahme an, die Sachverhalte unverzüglich und unabhängig aufklären zu lassen. „Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würde dies in keiner Weise den Werten des DTB und den Rahmenbedingungen für ein verantwortungsvolles Training entsprechen“, stand in der Mitteilung. Im Januar 2019 hatte der DTB die Kölner Sportwissenschaftlerin Britt Dahmen als Ombudsperson bezüglich physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt berufen. In der jüngeren Vergangenheit waren besonders in den USA, Großbritannien, Neuseeland, den Niederlanden sowie zuletzt in der Schweiz mehrfach Trainer von zumeist ehemaligen Aktiven beschuldigt worden, sie seelischer und verbaler Gewalt ausgesetzt zu haben.

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