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SS-Kultstätte war auf dem Burgberg geplant

Der Stadthistoriker Gerhard Steinecke hat jetzt erste Belege für diese These veröffentlicht.

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Peter Anderson

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler wollte Meißens Burgberg als Weihestätte und Ort für seinen König-Heinrich-Kult benutzen. Mit dieser These ist jetzt Stadthistoriker Gehrhard Steinecke an die Öffentlichkeit getreten. Am Dienstagabend hielt er dazu einen Vortrag vor dem Dombau-Verein und dem Freundeskreis Albrechtsburg im Dompropsteikeller.

Seit Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte Himmler ein breites Netz von Kult-Stätten übers Reich gezogen. Angefangen von der Wewelsburg bis hin zum Quedlinburger Dom. Die historischen Gemäuer dienten als inspirierende Umgebung für Konferenzen und Kulisse für Vereidigungen, Fahnenweihen oder neuheidnische Rituale. Ähnlich sollte das Ensemble von Albrechtsburg und Dom wirken, tat dies allerdings nur teilweise.

Himmler gründete Stiftung

Wichtigster Beleg für Steineckes These von den Plänen für einen Meißner Kultberg ist die Absetzung der Burgfestspiele nach nur zwei Spielzeiten 1938. Das schnelle Ende erscheint um so verwunderlicher, als bereits ein Stück mit dem Titel "Flammen an der Grenze" existierte. Autor war der spätere Leiter der schlesischen Kulturkammer Hans-Christoph Kaergel.

In seinem Vortrag verwies Steinecke darauf, dass parallel zur geplanten Uraufführung des Kaergel-Stücks am 2. Juli 1938 in Quedlinburg eine König-Heinrich-I.-Gedächtnisstiftung gegründet wurden. Der Kult um Heinrich habe die Festspiele verdrängt, folgert er.

Initiator der Heinrich-Stiftung war Heinrich Himmler. Der Reichsführer SS hatte den Sachsen-König (876 bis 936) aus verschiedenen Gründen zum Vorbild erwählt. Heinrich I. unterwarf die rund um Meißen ansässigen slawischen Daleminzier. Kurz vor seinem Tod gelang ihm ein entscheidender Sieg über die Ungarn. Himmler zog von diesen Taten Parallelen zu der von den Nazis propagierten Gefahr eines sowjetischen Überfalls.

Die Heinrich-Stiftung sollte die Herleitung des Kampfes gegen den Feind im Osten vertiefen. In diesem Rahmen rief Himmler zudem einen Bund der Heinrich-Städte ins Leben, dem auch Meißen angehörte.

HJ-Fahnen wurden geweiht

Für Steinecke liegt der Zusammenhang zwischen dem verstärkten Heinrich-Kult der Schutz Staffel und der Absetzung der Meißner Burgfestspiele auf der Hand. "Das lässt den Schluss zu, dass im mystischen Sinne Himmlers dem Meißner Burgberg vorrangig die Bedeutung einer Weihestätte zufiel, die eine Nutzung als Spielstätte nicht zuließ." So formuliert es der Meißner Stadthistoriker in der neusten Ausgabe der Monumenta Misnensia.

Geforscht hat Steinecke auch, was nach 1938 aus Himmlers Plänen für Meißen geworden ist. Das Ensemble aus Dom und Albrechtsburg erreichte demnach nicht annähernd die Bedeutung als Kult-Stätte wie etwa der Braunschweiger Dom, der von den Nationalsozialisten umgebaut und ausgeschlachtet wurde. Der Kult-Funktion des Meißner Burgbergs erschöpfte sich weitgehend in seiner Nutzung als Aufmarschplatz für Fahnenweihen der Hitlerjugend, wie beispielsweise am 27. April 1944 durch Reichsjugendführer Arthur Axmann.

Superintendent Andreas Stempel lieferte zum Vortrag Steineckes am Dienstagabend einen Erklärungsansatz, weshalb dies so gewesen sein könnte. Demnach sollten die Besitzverhältnisse die Nazis gehindert haben, den Dom massiv für ihren Kult zu nutzen. Im Gegensatz zum Braunschweiger Dom, der in Staatsbesitz war, habe der Meißner Dom der Kirche gehört, so Stempel.

Nachzulesen ist der vollständige Beitrag Gerhard Steineckes zur Geschichte des Burgbergs im Dritten Reich in dem Jahrbuch für Dom und Albrechtsburg zu Meißen 2007/2009.

Die Monumenta Misnensia können für 14,50 Euro über das Hochstift Meißen, Domplatz 7, 01662 Meißen bezogen werden.