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Störmanöver vor den Wahlen

Israel. Der Terroranschlagauf ein Einkaufszentrum in Netanja sabotiert die Bemühungen um Friedenim Nahen Osten.

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Von Sara Lemel,Tel Aviv

Der junge Mann mit der großen, schweren Tasche weckte sofort das Misstrauen der Passanten. Sie riefen lauthals „Terrorist, Terrorist“, während der 21-jährige Palästinenser gestern geradewegs auf den Eingang des Einkaufszentrums in der israelischen Stadt Netanja zuging. „Zwei Wachmänner liefen auf ihn zu und hielten ihn fest“, erzählte ein Augenzeuge im israelischen Rundfunk. „Sie wollten ihn an der Hand zu Polizisten zerren, die in der Nähe standen, aber da ging die Bombe schon los.“

Überall weißer Rauch

Die Wucht der Explosion tötete mindestens fünf Menschen und verletzte mehr als 50 weitere, einige davon schwer. „Ich hörte einen lauten Knall, überall war weißer Rauch, Sachen flogen durch die Luft“, erzählte der 48-jährige Roni Friedmann der israelischen Zeitung „Jediot Achronot“. Auch die Gebäudefront des Einkaufszentrums wurde schwer beschädigt, zahlreiche Fenster gingen zu Bruch. Es war schon der dritte Anschlag vor dem Einkaufszentrum in der Küstenstadt nördlich von Tel Aviv, bei der letzten Bombenexplosion waren im Juli fast an der gleichen Stelle schon fünf Israelis ums Leben gekommen.

Die Stadt Netanja war seit Beginn der Intifada vor mehr als fünf Jahren immer wieder durch schwere Terroranschläge erschüttert worden. Am 27. März 2002 sprengte sich in einem Hotel der Stadt ein Palästinenser in die Luft. Mit ihm starben 29 Gäste einer Feier zum Beginn des Passah-Fests. Israel begann danach eine große Militär operation im Westjordanland.

Der jüngste Anschlag in Netanja ereignete sich nur einen Tag, nachdem Ministerpräsident Ariel Scharon und sein ehemaliger Stellvertreter Schimon Peres eine gemeinsame „Koalition für den Frieden“ angekündigt hatten. Scharon betont immer wieder, er sei zu weiteren Konzessionen und zur Umsetzung des internationalen Nahost- Friedensplans („Road Map“) bereit, nennt aber als Bedingung ein entschlossenes Vorgehen der Autonomiebehörde gegen die militanten Gruppierungen.

Drohung der Regierung

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte den neuen Selbstmordanschlag, zu dem sich die militante Organisation „Islamischer Dschihad“ bekannte, in deutlichen Worten als „terroristisch“ und schädlich. Scharons Berater Raanan Gissin wetterte jedoch nach dem Anschlag, die Palästinenserführung unternehme „absolut gar nichts“ gegen die Extremistenorganisationen und drohte den Verantwortlichen mit gezielter Tötung.

Nach Einschätzung beider Seiten handelt es sich bei dem Anschlag um ein Störmanöver vor den Parlamentswahlen am 25. Januar in den Palästinensergebieten und am 28. März in Israel. Eine harte israelische Militärreaktion würde Abbas weiter schwächen und die Vorbereitungen auf die Wahlen in den Palästinensergebieten erschweren. In Israel spielt der Anschlag den rechtsorientierten Parteien, darunter dem Likud, in die Hände. „Solche Anschläge dienen immer denen auf beiden Seiten, die eine ewige Fortsetzung des Konflikts anstreben und eine friedliche Lösung verhindern wollen“, meinte ein palästinensischer Journalist.

Im Namen der Bundesregierung verurteilte Außenminister Frank- Walter Steinmeier den Anschlag. Er stelle den Versuch dar, die Hoffnungen auf Fortschritte im Friedensprozess zunichte zu machen, die sich mit Israels Rückzug aus dem Gazastreifen und der Öffnung des Grenzübergangs in Rafah verbänden. „Diesen Versuchen muss entschlossen entgegengetreten werden“, erklärte Steinmeier. (dpa)