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Stresstest für Stangengrün

Bundesweit ringen 33 Orte um den Titel „Unser Dorf hat Zukunft“ – auch die 600-Seelen-Gemeinde am Rande des Erzgebirges. Ein Besuch mit der Jury.

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© Thomas Kretschel

Von Thomas Schade

Die Bürgermeisterin verpasst den Bus – den wichtigsten, der 2016 nach Stangengrün kommt. Den Bus, der seit dem 14. Juni eine vielköpfige Jury durch 13 Bundesländer kutschiert. Mehr als 5 000 Kilometer hat das Gremium schon zurückgelegt auf der Suche nach dem Dorf mit Zukunft. An diesem Mittwoch kommen sie aus dem thüringischen Braunichwalde bei Greiz in das sächsische Hügelland, wo das Westerzgebirge auf das Vogtland trifft.

In Stangengrün, Ortsteil von Kirchberg, hatte sich Bürgermeisterin Obst extra am Ortseingang postiert, um die Gäste durch die Baustelle zu lotsen, die sich auf der schmalen Hauptstraße durch den Ort zieht. Doch der Busfahrer hatte die weiträumige Umleitung gewählt und auch ohne Lotse zur Firma Ebert & Weichsel gefunden, dem größten Arbeitgeber im Ort.

Beim Aussteigen machen die Architekten und Ortsplaner unter den Juroren einen etwas erschrockenen Eindruck. Das futuristische Firmengebäude mit der Fassade aus Aluminium und Holz erinnert eher an eine Herberge auf dem Mars, als an den Traditionsbetrieb, in dem Familie Weichsel seit fast einhundert Jahren Bürsten herstellt. Früher waren es Haushaltbürsten für den Waschtrog. Heute produzieren 33 Mitarbeiter, die meisten von hier, technische Bürsten. Mit ihnen werden die Oberflächen verschiedenster Materialien bearbeitet.

Vorm Betriebstor warten Michael Reichardt und sein Ortschaftsrat auf die Jury. „Wir haben keine Show vorbereitet, wir zeigen den Leuten den Alltag in unserem Dorf“, sagt der 66-jährige Ortsvorsteher. Ein Filmchen wurde dennoch gedreht, natürlich von zwei Jungen aus dem Dorf. Der Streifen zeigt die idyllische Lage und den typischen Charakter des Waldhufendorfes. Bis heute reihen sich an beiden Ufern des Dorfbaches die Höfe aneinander, verbunden durch die Dorfstraße, die sich hinauf zum Eisenberg schlängelt.

Doch von der Stangengrüner Ortsidylle dürfte sich die Jury kaum blenden lassen. Bunt zusammengewürfelt aus Architekten, Landschaftsgestaltern, Vertretern von Kommunalverbänden, großen Heimatvereinen und sozialen Trägern interessiert die Juroren vielmehr: Welche Perspektiven hat der Ort? Wie funktioniert der soziale Zusammenhalt zwischen den Familien. Gibt es einen kulturellen Alltag. Siedeln hier Menschen? Wie ist die Gemeinde mit ihren 600 Einwohnern in der Region vernetzt?

Stangengrün muss quasi einen dörflichen Stresstest in Sachen Zukunftssicherheit bestehen. Diesen Wettbewerb hat der Bund vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Schirmherr ist der Bundespräsident. Allein im aktuellen Zyklus haben 2 400 Orte teilgenommen, von denen sich 33 über Kreis- und Landeswettbewerbe für den Bundesentscheid qualifizierten. Stangengrün hatte 2015 den Landeswettbewerb gewonnen.

„Wir sind hier, weil Sie so gut sind“, sagt denn auch Jurychef Elmar Henke und lässt mit einem gewinnenden Lächeln das Eis schmelzen. Der 53-Jährige ist Winzer und ehrenamtlicher Bürgermeister im fränkischen Sommerach am Main. Nachdem sein Weindorf den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gewonnen hatte, wechselte Henke die Seite. So weiß er, wie den Stangengrünern gerade zumute ist.

Wie alle Bewerber haben sie lediglich drei Stunden Zeit, um die Jury davon zu überzeugen, dass ihr Dorf auch künftig eine attraktive Heimat für junge Leute ist. Ortschaftsrätin Katja Müller rast denn auch durch die Ortsgeschichte, berichtet, dass bis heute viele Stangengrüner von der Landwirtschaft leben, dass aber auch junge Handwerker hier ihre Existenzen gründeten und mit der Bürstenfabrik und der Mühlenbäckerei zwei mittelständische Betriebe ansässig sind. Im ehemaligen Schulgebäude werde gerade der Kindergarten erweitert, weil er den Nachwuchs nicht mehr aufnehmen kann. 29 Kinder besuchen ihn derzeit – alle aus dem Ort.

Mittlerweile, so berichtet Katja Müller, würden junge Leute in das Dorf zurückkehren, die in den 90er-Jahren auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive in die Welt gezogen waren. Sie erzählt von Ines aus Stangengrün, die ihren Ehemann Joe in New York kennengelernt hat. In der US-Metropole betreiben beide eine Eventagentur, organisieren Talentshows und Musikawards am Broadway. Nun sei Ines zurückgekommen und habe ihren Mann mitgebracht. Joe sei von der Gegend begeistert. Beide bauen einen alten Hof um und wollen ihre Events im Big Apple künftig von Stangengrün aus organisieren. „Ein Glück, dass wir Breitbandinternet haben“, sagt Katja Müller den staunenden Juroren.

Die Feuerwehr, Züchter, Sportler und Heimatfreunde würden das Vereinsleben bestimmen und die Dorffeste gestalten, wie das Pyramidenanschieben in der Vorweihnachtszeit. Mit den Stangengrüner Lausbu’m hat der kleine Ort auch eine eigene Volksmusikkapelle, und das Ärzteehepaar Weichsel hat in der Scheune des elterlichen Bauernhofes bereits so viele historische Gerätschaften aus dem bäuerlichen und handwerklichen Leben des Dorfes zusammengetragen, dass die Stangengrüner von „ihrem“ Museum sprechen.

Der Rundgang durch den Ort führt die Juroren zum Hakenhof, einem alten Bauernhof, der 20 Jahre lang leer gestanden hatte, ehe ihn die Familie Wirker übernommen hat. Nur ein paar Minuten bleiben Mario Wirker, um von den Mühen des Umbaus zu erzählen. Kurz skizziert er, wie Altes und Modernes auf dem Hof zueinanderfanden. Heute beherbergt er ein Café und einem Blumenladen. Auf dem Dach fangen Solarzellen Sonnenenergie ein, am Hoftor steht die Ladestation für E-Bikes und Elektroautos. Dann muss der junge Mann weiter. „Das Verbrechen ruht nicht“, sagt Wirker beim Gehen, er arbeitet in Zwickau bei der Kripo. Mutter und Ehefrau führen auf dem Hof die Geschäfte.

Auf dem Weg zur Marienkirche winken die Einheimischen einer alten Frau zu und rufen: „Alles Gute!“ Die Wünsche gelten Maria Müller, die an diesem Tag 75 wird und mit Gästen von ihrer Terrasse aus den Rundgang beobachtet. Die Jubilarin führt eine ungewöhnlich wertvolle Chronik fort: das genealogische Stammbuch von Stangengrün. „Über mehrere Jahrhunderte gibt es Auskunft darüber, wie der Ort besiedelt wurde, wer wie lange auf welchem Hof gelebt hat“, erklärt Ortschaftsrätin Müller.

Chefjuror Elmar Henke ist begeistert, hier eine romanische Kirche zu finden. Er erfährt: Es ist eine der ältesten im Erzgebirge, deren Verjüngungskur seit Jahren im Gange ist. So sind das innere Kirchenschiff und die Kanzel schon restauriert, auch der Altar aus dem Jahr 1509, ein kleines Meisterwerk spätgotischer Schnitzkunst von Peter Breuer, einem Schüler Tilmann Riemenschneiders. Bei dem Namen wird Juror Henke sofort hellhörig, denn mit der Madonna im Rosenkranz hinterließ Riemenschneider auch in seiner Heimat Spuren.

Fast andächtig lauscht der Franke den Mädchen und Jungen von der Kurrende. Ihr Extraauftritt soll der Jury einen Eindruck vom Gemeindeleben vermitteln, an dem bis zu 60 Prozent der Einwohner teilnehmen, so Jonas Großmann. Der Pfarrer der Mariengemeinde berichtet, dass das kleine Dorf 44  000 Euro aufgebracht hat, um seinen Anteil für drei neue Kirchenglocken beizutragen. Mehr als 50 Stangengrüner hatten sich im Frühjahr auf den Weg nach Innsbruck gemacht, um das Gießen der Glocken mitzuerleben. Im Advent, so hoffen sie, wird es wieder läuten im Ort.

Auch die Frau von Konrad Panzert war mit in Innsbruck. Mit Sohn und Enkel betreiben die Panzerts das romantische Gasthaus „Zur Talmühle“. Die Familie könne die Bewohner des Hauses bis ins Jahr 1460 nachweisen, sagt der Senior. Zu DDR-Zeiten hätten viele Musiker der Dresdner Philharmonie bei ihm Urlaub gemacht. Aber nun würden alle Zimmer als Wohnräume gebraucht. Enkel Erik serviert der Jury am Abend eine hausgemachte Wurst aus dem Fleisch schottischer Hochlandrinder, die die Familie auf ihren Wiesen züchtet.

Fast auf die Minute hat die Jury die Talmühle erreicht, und Elmar Henke wählt wohl den Standardsatz, den er allen Bewerbern am Ende des Besuches sagt: Ein „typisches Dorf“ hätten sie gesehen, das zu Recht Landessieger geworden sei. Mehr lässt er nicht durchblicken. Die Jurymitglieder dürften eh erschlagen sein von der Flut der Eindrücke aus all den Orten, die sie quasi im Drei-Stunden-Takt inspizieren. Vergessen ist da der verpasste Bus bei der Ankunft. Chefjuror Henke spricht am Ende sogar von Stangenrot, statt von Stangengrün.

In Erinnerung bleibt ihm vielleicht, dass er und die Leute hier die gleichen Vorfahren haben. Denn Franken und Oberpfälzer hatten die Gegend einst besiedelt. Im 12. Jahrhundert soll das gewesen sein. Vielleicht verbindet das noch immer. Aber das wird Stangengrün erst am 8. Juli erfahren, wenn feststeht, wer 2016 gewonnen hat im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“.