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Studenten bangen um Unterrichtsfach

Ab dem neuen Schuljahr soll es an Oberschulen keine Vertiefungskurse für Wirtschaft, Technik und Soziales mehr geben. Studenten und Elternrat laufen Sturm.

© Jürgen Lösel

Von Carola Lauterbach

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Dass Studierende ins Schwärmen geraten, wenn sie über ihr Studienfach reden, kommt nicht allzu häufig vor. Spannend sei es, vielfältig, richtig am Leben dran. Und überhaupt, die Atmosphäre: bei gerade 100 Studierenden beinahe familiär, tolle Dozenten. Die Rede ist von „WTH“ – Wirtschaft, Technik, Haushalt. Ein Studienfach fürs Lehramt, das es an der Technischen Universität Dresden erst seit 2012 gibt. Von Enthusiasten erkämpft, mit viel Engagement aufgebaut.

Doch jetzt sind die Studierenden wütend. Auf das Kultusministerium. Viele von ihnen machen sich in Kommentaren zu einem Kultus-Blogeintrag entsprechend Luft. Die mit drei Wochenstunden angesetzten Vertiefungskurse in Wirtschaft, Technik, Gesundheit, Soziales sowie Kunst und Kultur in den Klassenstufen 10 der Oberschulen, heißt es dort, werden mit Beginn des kommenden Schuljahres gestrichen. „Für mehr Gesellschaftswissenschaften“, erklärt das Kultusministerium.

Die Vorgeschichte: Nach den fremdenfeindlichen Vorfällen in Sachsen zu Jahresbeginn hat Sachsens Staatsregierung im März ein Maßnahmepaket „Für ein starkes Sachsen“ beschlossen. Ein Hauptpunkt darin: Stärkung der politischen Bildung. Infolgedessen soll die jahrelang in Sachsen praktizierte Abwahlmöglichkeit von Geschichte oder Geografie in den Klassenstufen 10 der Oberschulen abgeschafft werden. Das bedeutet, dass die Zehntklässler zwei Wochenstunden mehr absolvieren müssten. Um das zu verhindern, wurde Einsparpotenzial gesucht – und bei besagten Vertiefungskursen gefunden.

„Im Handstreich“, sagen Lehrer und Studenten, „über die Köpfe hinweg. Ohne mit den Praktikern zu reden.“ Im Kultusministerium selbst soll es dem Vernehmen nach Zweifel geben, ob das der richtige Weg ist. Auch Eltern und Schüler sind wenig begeistert. Die Vertiefungskurse vermittelten lebenspraktische Inhalte, formuliert der Landesschülerrat, das gelte insbesondere auch für die Berufsvorbereitung oder für die Vorbereitung der Oberschüler auf das berufliche Gymnasium. „Echte Möglichkeiten der Berufsorientierung“, erkennt auch der Landeselternrat in den Kursen. Zudem könnten die Schüler hier Neigungen nachgehen sowie soziale Komponenten erwerben, erproben und festigen, sagt Peter Lorenz, Vorsitzender des Landeselternrates.

„So gewinnen die keine Lehrer“

Dass Schülern mehr Gelegenheit gegeben werden muss, sich mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen, stellt niemand infrage. Doch auch das Fach WTH und die Vertiefungskurse böten dazu gute Gelegenheit. Praxisnah und handlungsorientiert sei der Unterricht. Hier geht es um komplexe Zusammenhänge der Lebens- und Arbeitswelt. Hier stehen etwa Geld- und Güterströme ebenso auf dem Lehrplan wie die Währungsstabilität oder die Globalisierung des Wettbewerbs und weltweite Konflikte.

Das Fach sei ein Schlüsselfach der sächsischen Oberschule, sagt Martin Hartmann, Professor für berufliche Didaktik an der TU, der die angehenden WTH-Lehrer dort ausbildet. Mit Wegfall der Vertiefungskurse in Klasse 10 werde das Fach geschwächt. Und damit auch die Oberschule. Vor dem Hintergrund der angestrebten Inklusion sei das fatal, so der Hochschullehrer.

Ein Schnellschuss des Kultusministeriums sei das, ein fahrlässiger dazu. So urteilt Prof. Lothar Ungerer. Der parteilose Bürgermeister von Meerane ist seit 2013 Vorsitzender des Landesbildungsrates (LBR), dem beratenden Gremium des Kultusministeriums „bei Angelegenheiten von grundlegender Bedeutung für die Gestaltung des Bildungswesens.“ Er moniert zunächst, dass das Gremium in dieser Frage nicht konsultiert wurde.

Auf seiner Sitzung am 20. Juni werde sich der LBR ausführlich damit befassen. Die Reaktionen der Mitglieder zeigten ihm bereits, sagte er der SZ, es sei keine Zustimmung zum Vorgehen des Ministeriums zu erwarten. Zum einen habe das Gremium stets die berufsorientierende Profilierung der Oberschule unterstützt. Zum anderen halte er die Begründung zur Streichung des Vertiefungskurses fachlich für nicht gerechtfertigt. Es gebe durchaus ein Fach, das hervorragend für mehr politische Bildung der Schüler geeignet sei: Gemeinschaftskunde.

Nur werde das erst ab Klasse 9 unterrichtet. Ungerer: „Warum nicht ab Klasse 8 oder sogar schon ab der Klasse 7?“ Exakt diese Position hat auch die SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friedel, die den Wegfall des Vertiefungskurses „eine schlechte Lösung“ nennt.

Und die Studierenden? Viele meinen, dass das Vorgehen dem Lehrermangel geschuldet ist. Und sie beklagen fehlende Wertschätzung. „So“, sagt eine junge Frau, „gewinnen die keine jungen Lehrer.“ Die WTH-Studenten erfreuten sich an der Uni hier einer erstklassigen Ausbildung – das wüsste man auch in anderen Bundesländern. „Die nehmen uns mit Kusshand.“