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Südafrikas stiller Held

Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft.

© AFP

Von Frank Grubitzsch

Sie hofften, sie bangten, sie beteten. Schon im Frühsommer waren Millionen Südafrikaner in Gedanken bei Nelson Mandela, ihrem großen, stillen Helden. Damals lag er wegen einer Lungenentzündung mehrere Wochen im Medi-Clinic-Heart-Krankenhaus in Pretoria. Vor der Klinik sangen Kinderchöre; Frauen legten Blumen nieder, Männer kamen mit Plakaten. „Madiba, werde bald wieder gesund.“ Noch einmal flackerte Hoffnung auf, als er Anfang September die Klinik verließ. Doch es half alles nichts. Nelson Mandela starb am Donnerstag im Alter von 95 Jahren.

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Gastgeber der Fußball-WM Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. An diese Botschaft glaubte auch Mandela. Als Gastgeber der Fußball-WM 2010 präsentierte sich Südafrika als modernes, weltoffenes Land. Das Turnier brachte Südafrika neues Selbstbewusstse
Gastgeber der Fußball-WM Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. An diese Botschaft glaubte auch Mandela. Als Gastgeber der Fußball-WM 2010 präsentierte sich Südafrika als modernes, weltoffenes Land. Das Turnier brachte Südafrika neues Selbstbewusstse © AFP
Gefangen auf Robben Island Nelson Mandela (l.) spricht im Hof des Zuchthauses mit Walter Sisulu, mit dem er 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Auf der einst berüchtigten Gefängnisinsel vor der Küste Südafrikas befindet sich heute eine Gedenk
Gefangen auf Robben Island Nelson Mandela (l.) spricht im Hof des Zuchthauses mit Walter Sisulu, mit dem er 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Auf der einst berüchtigten Gefängnisinsel vor der Küste Südafrikas befindet sich heute eine Gedenk © ullstein bild
Freilassung aus der Haft Wieder ein freier Mann. Am 11. Februar 1990 wird Nelson Mandela aus dem Victor-Verster-Gefängnis in der Nähe von Kapstadt freigelassen. Seine Ehefrau Winnie und Anhänger feiern ihren Helden, der insgesamt 27 Jahre in Haft war.Foto
Freilassung aus der Haft Wieder ein freier Mann. Am 11. Februar 1990 wird Nelson Mandela aus dem Victor-Verster-Gefängnis in der Nähe von Kapstadt freigelassen. Seine Ehefrau Winnie und Anhänger feiern ihren Helden, der insgesamt 27 Jahre in Haft war.Foto © Reuters
Er dachte immer positiv: „Es gibt keinen besseren Ort als die Gefängniszelle, um sich selbst kennenzulernen“, schrieb er 1975 an seine Ehefrau Winnie. Foto: Reuters
Er dachte immer positiv: „Es gibt keinen besseren Ort als die Gefängniszelle, um sich selbst kennenzulernen“, schrieb er 1975 an seine Ehefrau Winnie. Foto: Reuters © Reuters

Mandela hat dazu beigetragen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Das Lob stammt von Barack Obama, dem US-Präsidenten. Viel geredet hat Mandela nie. Er war kein großer Redner. Doch er hat sein großes Lebensziel erreicht. Mit ihm ist Südafrika ein anderes Land geworden. Auch wenn es noch sehr weit davon entfernt ist, ein schöner Platz für alle Südafrikaner zu sein.

Mandelas Traum war ein Land, in dem alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben sollen. „Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft“, schrieb er in seinen „Bekenntnissen“. Diesem Prinzip blieb Mandela treu, als er 1994 als erster Schwarzer zum Staatspräsidenten Südafrikas gewählt wurde. Dabei wollte er das Amt anfangs gar nicht übernehmen, wie er später einmal zugab. Seine Getreuen mussten ihn erst mühsam überreden.

Der Gedanke der Vergeltung für jahrzehntelanges Leiden war Mandela vollkommen fremd. Dass er dem Land einen blutigen Rachefeldzug erspart hat, ist wahrscheinlich sein größtes Verdienst. Allein das macht Mandela zu einem der bedeutendsten Politiker unserer Zeit. Er ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in Südafrika und erhielt dafür 1993 den Friedensnobelpreis – gemeinsam mit dem südafrikanischen Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Zeichen der Zeit erkannt hatte. Das System der Rassentrennung ließ sich nicht mehr aufrechterhalten, auch nicht mit brutaler Gewalt.

Zeit seines Lebens kämpfte „Madiba“ – der Clanname Mandelas – für die Rechte der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Doch bei der Suche nach dem richtigen Weg hatte der junge Rechtsanwalt mit inneren Zweifeln gerungen. Soll man den Kampf gegen die Apartheid mit der Waffe in der Hand führen oder nicht? Über diese Frage hat der Afrikanische Nationalkongress (ANC) lange gestritten. Vertrat Mandela zunächst den gewaltlosen Widerstand, änderte er unter dem Eindruck des Blutbads von Sharpeville seine Ansicht radikal. 1960 erschossen Polizisten in dem Township Dutzende wehrlose Demonstranten. Es war ein Fanal. Seitdem sah Mandela keine andere Möglichkeit, als zu den Mitteln der Gewalt zu greifen. So entstand Anfang der 60er-Jahre „Umkhonto we Sizwe“ (Speer der Nation) als bewaffneter Arm des ANC.

Für die weiße Regierung war Mandela nichts anderes als ein Terrorist. Sie ließ ihn zum Staatsfeind Nummer 1 erklären. 1964 wurde er verurteilt – wegen Sabotage und Planung des bewaffneten Kampfes. Anfangs war er inhaftiert auf Robben Island, der berüchtigten Gefängnisinsel vor der Küste Südafrikas. Erbarmungslose Wächter reduzierten den prominenten Gefangenen auf eine Nummer: 46664.

Es ist typisch für Mandela, dass er den Torturen etwas Positives abgewinnen konnte. „Es gibt keinen besseren Ort als die Gefängniszelle, um sich selbst kennenzulernen. Sie schafft die Möglichkeit, sein Verhalten täglich zu prüfen“, schrieb er 1975 an seine Ehefrau Winnie.

Schon damals war Mandela längst ein Mythos: Freiheitskämpfer, Versöhner, Visionär. Er gab Millionen Hoffnung auf ein Leben in Würde – ohne Entrechtung und Drangsalierung. Für die schwarzen Südafrikaner ist er ein Held, für manche gar ein Heiliger. Die Aura, die ihn umgab, kannte die Welt nur von Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Mandela strahlte gütige Wärme und gelassene Weisheit aus.

Er war ein stiller Held, der sich selbst nie so sah wie seine Anhänger. Alle Loblieder erschienen ihm maßlos übertrieben. „Ein Thema, das mir im Gefängnis große Sorgen bereitete, war  das falsche Bild, das ich unabsichtlich der Außenwelt vermittelte; dass man mich als Heiligen betrachtete. Das war ich nie“, schrieb Mandela in seinen „Bekenntnissen“. Aber eben auch kein „mittelmäßiger Mensch“, wie er 1971 in einem Brief aus dem Gefängnis befürchtete.

Die lange Haft machte aus ihm keinen gebrochenen Mann – trotz unzähliger Schikanen und Demütigungen. Dass ihm die Gefängnisleitung 1969 verweigerte, an den Beisetzungen seiner Mutter und seines Sohnes Thembekile teilzunehmen, traf ihn tief. „Ich fühle mich, als wäre ich in Galle eingeweicht worden, jede Faser meines Körpers, mein Fleisch, mein Blut, meine Knochen und meine Seele, so verbittert bin ich über meine völlige Macht- und Hilflosigkeit…“ So muss sich Mandela auch gefühlt haben, als er sich zur Trennung von seiner Frau Winnie durchrang. Immerhin war er 38 Jahre mit ihr verheiratet. Doch die lange Trennung hatte beide entfremdet – auch politisch. Den gemeinsamen Traum von einem neuen Südafrika versuchte sie mit radikalen Methoden zu verwirklichen.

Mandela fand ein spätes Glück mit Graca Machel, der Witwe des mocambiquanischen Präsidenten. Harte private Schicksalsschläge blieben ihm nicht erspart. Seine Urenkelin Zenani kam 2010 bei einem Autounfall ums Leben – ausgerechnet bei der Fußball-WM, die dem neuen Südafrika einen Schub nationalen Selbstbewusstseins brachte.

Wie ein Schlag ins Gesicht musste Mandela die Klage empfunden haben, die zwei seiner Töchter vor Gericht anstrengten. Sie verlangten den Zugriff auf Kunstwerke und Vermögenswerte. Und zu allem Überfluss plante sein Enkel Mandla, ein Hotel und ein Thermalbad in Mvezo zu errichten. Er spekulierte damit, dass das Heimatdorf Mandelas nach seinem Tod Zehntausende Menschen anziehen wird – als eine Art Pilgerstätte für den Mythos Südafrikas.

Der umtriebige Geschäftsmann soll die Übertragungsrechte für die Trauerfeierlichkeiten für einen sechsstelligen Betrag an das südafrikanische Fernsehen verhökert haben. Zudem hatte der umtriebige Enkel dafür gesorgt, dass die sterblichen Überreste von drei verstorbenen Kindern Mandelas dorthin umgebettet werden. Nach dem Einspruch anderer Familienangehöriger ordneten die Behörden an, sie wieder in den früheren Gräbern zu bestatten. Der Familienstreit hat ganz Südafrika entsetzt.

Ohnmächtig musste Mandela in den letzten Jahren zusehen, wie seine politischen Erben leichtfertig Kredit verspielten. Gerangel um Macht und Pfründe im ANC, der sorglose Umgang mit der Immunschwächekrankheit Aids, die zunehmende politische Radikalisierung – all das registrierte der Ex-Präsident nur noch aus der Ferne. Er hatte sich nach dem Ausstieg aus der aktiven Politik in sein Heimatdorf in der Provinz Ostkap zurückgezogen. In der Öffentlichkeit sah man den greisen Helden nur noch selten, obwohl sein Name und seine Fotos überall im Land präsent sind. Straßen sind nach ihm benannt, Brücken und Plätze.

Ehrgeizigen Politikern diente der todkranke Mann zuletzt nur als eine Art Projektionsfläche. Präsident Jacob Zuma hatte kürzlich nichts Besseres zu tun, als ihn für einen Fototermin vor die Kamera zu zerren. Der Staatschef kämpft gegen Korruptionsvorwürfe und braucht dringend gute Schlagzeilen. Ein Bild mit Mandela – das kommt beim Wähler gut an.

Nun trauert Südafrika um seinen größten Sohn. Das Land muss ohne ihn auskommen. Seine größte Sorge war es immer, ob es Südafrika gelingt, auf friedliche Weise einen Ausgleich zwischen Schwarz und Weiß zu finden. Noch leidet die Bevölkerungsmehrheit unter wirtschaftlicher Benachteiligung und sozialer Not. Die Ungeduld wächst und auch der Zorn. Ob Mandelas Erbe in den richtigen Händen liegt? Kritiker zweifeln. Denen, die jetzt das Sagen haben in der Regierung und im ANC geht es nicht mehr um die hehren Ideale. Sie haben Banales im Sinn: Macht und Geld.