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Tatort Autobahn-Rastplatz

© Uwe Soeder

Vor allem auf Computer, Autoteile und Kleidung haben sie es abgesehen: Straff organisierte „Planenschlitzer“-Banden gehen entlang der Autobahn auf Beutezug - und werden dabei immer brutaler.

Von Jana Ulbrich

Bautzen. Martin Hottinger geht von Lkw zu Lkw. „Hier“, zeigt der Chef der Autobahnpolizei auf einen halbkreisförmigen Messerschnitt in der Plane eines Sattelaufliegers. „Und hier. Und hier auch.“ An fast jedem Auflieger, der an diesem Abend auf dem Rasthof Oberlausitz steht, finden sich diese „Gucklöcher“ der Planenschlitzer.

Ryszard Baran klettert aus seiner Fahrerkabine. „Es ist schlimm“, sagt der Pole resigniert. Kaum habe er einen Schnitt halbwegs zugeklebt, ist daneben schon wieder ein neuer. „Sehen Sie“, zeigt der polnische Fahrer dem Polizisten, „der hier ist erst von letzter Nacht.“ Er hat nichts gehört und nichts gemerkt, sagt er. Baran hat Paletten mit Türen und Fensterrahmen geladen. „So was suchen die nicht“, vermutet er. Martin Hottinger gibt ihm recht.

Die Planenschlitzer-Banden, die auf den Autobahnrastplätzen ihr Unwesen treiben, haben es vor allem auf teure Heimelektronik abgesehen, auf Computer, Autoteile, Kosmetikartikel, Fahrräder, Bekleidung, Genussmittel – auf alles, was sich gut und schnell verkaufen lässt. 220-mal haben Planenschlitzer-Banden im vorigen Jahr auf sächsischen Autobahnrastplätzen zugeschlagen. Deutschlandweit haben sie nach Angaben der Versicherungsbranche einen wirtschaftlichen Schaden von mehr als zwei Milliarden Euro verursacht.

Gut organisiert und brutal

Die Banden kommen hauptsächlich aus Polen, sind professionell organisiert und gehen brutal und skrupellos vor, weiß Ralf Schaffelke vom Landeskriminalamt Sachsen. „Die Täter gehen immer nach derselben Masche vor“, erklärt der Ermittler: Zuerst kommen die Schlitzer. Sie fahren bevorzugt an dunkle Rastplätze und schneiden alle Planen auf, die sie aufschneiden können. Durch die Gucklöcher spähen sie die Ladung aus. Halten sie die für brauchbar, informieren sie den nächsten Trupp, der dann kommt, um die Auflieger abzuräumen. Oft werden die Diebe auch von bewaffneten Schutztruppen begleitet, sagt Schaffelke. Die können den Lkw-Fahrern sehr gefährlich werden.

Es sei denn, die Fahrer sind involviert und machen mit den Banden gegen gutes Geld gemeinsame Sache. Auch das will man beim LKA nicht ausschließen. Allen anderen aber rät die Polizei, sich den Tätern lieber nicht entgegenzustellen. Auch bei den Speditionen im Landkreis sieht man das so.

„Wir haben unsere Fahrer angewiesen, einfach loszufahren, wenn sie merken, dass sich da am Auflieger jemand zu schaffen macht“, sagt Jürgen Saring, Dispatcher bei der Spedition Kleiner. Wie die meisten anderen ist auch das Fuhrunternehmen aus Jenkwitz regelmäßig von der Planenschlitzerei betroffen. „Weil wir aber meistens Holz und Bauteile oder Maschinenteile fahren, bleibt es in der Regel bei den Schlitzen“, sagt er. Aber auch das sei ärgerlich genug. „Immer wieder müssen die Planen repariert werden. Das nervt und wird auf Dauer auch teuer.“

Tätergruppe aus Polen zerschlagen

Das Problem ist inzwischen so groß, dass das Landeskriminalamt eine Koordinierungsstelle „Plane“ eingerichtet hat, bei der alle Informationen zusammenlaufen und die Fahndung koordiniert wird. Die Ermittler arbeiten mit den Kollegen der anderen Bundesländer und des Bundeskriminalamts zusammen. Und auch mit den polnischen Kollegen aus Breslau. Gemeinsam ist es den Ermittlern aus Sachsen und Polen erst kürzlich gelungen, eine Tätergruppe aus Niederschlesien zu verhaften. Das hat dazu geführt, dass die Fallzahlen vorübergehend gesunken sind. „Aber es dauert nicht lange, bis die kriminellen Strukturen wieder aufgebaut sind“, sagt LKA-Mitarbeiter Schaffelke.

Den Lkw-Fahrern hat das LKA ein Merkblatt ins Internet gestellt mit Hinweisen, wie sie sich und ihre Ladung besser schützen können. Manche, die an diesem Abend auf dem Rasthof Oberlausitz übernachten, winken ab. „Was sollen wir denn noch machen?“, fragt einer der Fahrer, die sich beim Fernfahrerstammtisch in der Raststätte gerade eine Currywurst gönnen. „Es gibt in Sachsen viel zu wenig gesicherte Parkplätze und zu viele, die nachts stockfinster sind“, bemängelt er. Der polnische Fahrer, der an diesem Abend neben ihm steht, macht es anders: Er hat gleich die Türen am Auflieger offenstehen gelassen. Da können die Schlitzer sehen, dass er eine Leerfahrt macht, ohne, dass sie erst die Plane kaputt schneiden müssen.