merken
PLUS Leben und Stil

"Ihr Sohn lernt absolut nichts Sinnvolles fürs Leben"

Darf ein 12-Jähriger schon Fortnite spielen, fragen seine Eltern. Ein Dresdner Kinderpsychiater sagt, warum das Zocken am PC verplemperte Zeit ist.

Die offizielle Altersfreigabe für die „Save the World“-Variante von Fortnite liegt bei zwölf Jahren. Risiken, die durch die Kommunikation mit den Mitspielern über den In-Game-Sprachchat entstehen, werden dabei jedoch vernachlässigt.
Die offizielle Altersfreigabe für die „Save the World“-Variante von Fortnite liegt bei zwölf Jahren. Risiken, die durch die Kommunikation mit den Mitspielern über den In-Game-Sprachchat entstehen, werden dabei jedoch vernachlässigt. © Herwin Bahar/ZUMA Wire/dpa

Von Prof. Veit Rößner

Unser Sohn ist zwölf Jahre alt und spielt derzeit mit großer Begeisterung das Computerspiel Fortnite. Ist dieses Spiel für sein Alter eigentlich schon zu empfehlen?

Familien aufgepasst
Familien aufgepasst

Hier finden Sie alle Ergebnisse des Familienkompass 2020.

Das Computerspiel Fortnite erfreut sich gerade großer Beliebtheit. Wegen der kindlich anmutenden Comic-Grafik scheint es zunächst vergleichsweise harmlos. Wer aber genau hinschaut, wird erkennen, dass es insbesondere für jüngere Kinder nicht geeignet ist.

Derzeit existieren drei Spielvarianten. In der kostenpflichtigen Version „Save the World“ wird gemeinsam mit anderen Teilnehmern eine Festung errichtet, um die verbliebenen, überlebenden Menschen vor Zombies zu bewahren. Sehr viel beliebter ist dagegen die kostenlose Online-Variante „Fortnite Battle Royale“. Zusammen mit 99 anderen Spielern muss man auf einer einsamen Insel Waffen und Ressourcen finden, um möglichst lange zu überleben. Die Spieler töten sich dabei gegenseitig, der letzte Überlebende gewinnt die Runde. Waffengewalt ist die einzige Handlungsoption, detailreiche Gewaltszenen fehlen im Spiel allerdings. Neu ist eine Kreativmodus-Variante, bei der das Bauen im Vordergrund steht.

Mediennutzung in der Familie hinterfragen

Die offizielle Altersfreigabe für die Inhalte der „Save the World“-Variante liegt bei zwölf Jahren. Risiken, die durch die Kommunikation mit den Mitspielern über den In-Game-Sprachchat entstehen, werden dabei jedoch vernachlässigt. Die Altersempfehlung für die „Battle Royale“-Variante liegt bei 16 Jahren. Schauen Sie zunächst, welche Variante Ihr Sohn spielt. Machen Sie sich selbst ein Bild von dem Spiel und prüfen Sie Ihre eigene Haltung dazu.

Was mir aber noch viel wichtiger erscheint: Unabhängig von dem aktuellen Trubel um Fortnite sollten Eltern auch immer mal wieder eine familieninterne Grundsatzdiskussion zum Thema Mediennutzung und -umfang führen – und dies möglichst, bevor ein neuer Schritt bereits gegangen ist. In der Öffentlichkeit hören wir immer wieder Argumente wie: „Das gehört bereits zum Alltag der Kinder.“ „Die Kinder dürfen nicht zurückbleiben.“ „Das Computerspielen vermittelt Medienkompetenz.“

Kinder verpassen wichtige Entwicklungsschritte

In solchen Sprüchen liegt eine große Gefahr. Denn seien wir mal ehrlich: Ihr Sohn lernt absolut nichts Sinnvolles fürs Leben, indem er lange Zeit am Computer spielt. Aus den heranwachsenden Zockern werden nicht automatisch IT-Profis oder Menschen, die digitale Medien sinnvoll nutzen können. Der Grund: Jugendliche setzen sich längst nicht mehr mit der komplexen Technik der Computer oder dem Programmieren schwieriger Anwendungen auseinander. Die allermeisten konsumieren fertig aufbereitete und zeitintensive Fluchten aus der Alltagswelt. Ihr Sohn verpasst – wie Millionen andere Jugendliche – gerade in der täglich „verplemperten Zeit“ wichtige Entwicklungsschritte der psychischen, sozialen und intellektuellen Entwicklung, die zur gleichen Zeit im wahren Leben stattfinden (könnten).

Weiterführende Artikel

"Smartphones verdummen unsere Kinder"

"Smartphones verdummen unsere Kinder"

Seit Corona ist die Handynutzung massiv gestiegen. Das hat dramatische Folgen, sagt eine Ärztin. Ein Screening soll helfen.

Absurderweise wird mitunter sogar das gemeinsame „Zocken“ und das Interesse von Eltern an den Onlinespielen ihrer Jüngsten als neue „Quality-time“ gelobt. Dabei wäre gerade heute fast jede andere alternative Beschäftigung mit Blickkontakt so wichtig für unsere Heranwachsenden: ein gutes Gespräch, gemeinsamer Sport oder gelebter Alltag. Zugespitzt könnte man sagen: Eigentlich wären nur gemeinsames Rauchen oder Kiffen im Kreise der Familie noch weniger zu empfehlen als die stundenlangen gemeinsamen „Zocksessions“.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

Mehr zum Thema Leben und Stil