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Teuer, teurer, Griechenland

30 Millionen Urlauber werden in diesem Jahr am Peloponnes erwartet. Doch preiswert ist der Urlaub nicht. Dass Griechenland der Gewinner ist, liegt auch an Ägypten und Erdogan.

© picture alliance / dpa

Von Ferry Batzoglou, Piräus

Es ist Schlag sieben Uhr in der Früh, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln die Haut, das Meer ist ruhig, sanfte Wellen plätschern gegen den Kai, Möwen kreischen. Im Hafen von Piräus herrscht an diesem heißen Tag Mitte Juli schon Hochbetrieb. „Nach Tinos. Zwei Erwachsene, ein Kind. Mit der Blue-Star-Fähre. Um halb acht. One way, bitte.‘‘ Im Tickethäuschen tippt die junge Griechin, schwarze Augen, kastanienbraunes Haar, Pferdeschwanz, flink noch die Namen der Passagiere ein. Dann spuckt der alte Drucker die drei Tickets aus.

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„Das macht 87,50 Euro.‘‘ „Poso? Wie viel?‘‘ Die junge Frau wiederholt mit fester Stimme, ohne mit der Wimper zu zucken: „87,50 Euro.‘‘ „Ich habe One way gesagt, ohne Auto.‘‘ „Ich weiß. Das ist One way, ohne Auto. Und das macht 87,50 Euro. 35 Euro pro Erwachsenem, das Kind die Hälfte.‘‘ Man zahlt, mit mürrischer Miene. Man hat keine andere Wahl.

Die Fahrt von Piräus zur Kykladeninsel Tinos mit der konventionellen Fähre, will heißen: keine Hochgeschwindigkeit, sondern ein gemächliches Schippern durch die griechische Ägäis, dauert immerhin vier Stunden. Reichlich Zeit für einen Kaffee. Der Filterkaffee an Bord, keine Edelbohnen, kostet stolze vier Euro. Für den Kuchen, auch keine kulinarische Meisterleistung, zudem ein eher kleineres Stück, muss man sogar sechs Euro berappen. Und so weiter, und so weiter.

Wer glaubt, an Land werde es wieder günstiger, der irrt gewaltig. Zwei Sonnenliegen plus Sonnenschirm kosten in Tinos sechs Euro, Getränke oder Essen von der Beachbar natürlich extra, auch hier sind die Preise gepfeffert. Der Besuch in Tavernen ist ebenso etwas für dicke Geldbeutel: der Bauernsalat, das hellenische Nationalessen, ist für stattliche acht Euro zu haben. Mindestens. Ein Bier kostet vier Euro – die kleine Flasche wohlgemerkt.

Dabei gilt das beschauliche Tinos eher als ein Urlaubsziel in der griechischen Ägäis mit noch vergleichsweise moderaten Preisen. Keine Promis, keine Scheichs mit ihren Yachten, auch keine Schickeria aus München-Schwabing. Ob Mykonos, Paros, Naxos oder Santorin: Ein paar Seemeilen weiter wird der Gast richtig zur Kasse gebeten – erst recht in der Hochsaison.

Fakt ist jedenfalls: Griechenland ist der große Gewinner dieser Urlaubssaison. Ob der Terror in Ägypten oder die Eskapaden von Erdogan in der Türkei: Die Urlaubsdestination Hellas ist der Nutznießer. Griechenland erlebt den Super-Sommer. 30 Millionen Gäste aus aller Welt werden in diesem Jahr in Korfu, Kreta, auf den Kykladen, Rhodos oder auf dem Peloponnes erwartet. Dies wären fast zehn Prozent mehr als im vorigen Jahr – und zugleich eine neue historische Rekordmarke. Die Direkterlöse in der griechischen Reisebranche, dem ultimativen Wachstumsmotor im krisengeplagten Hellas, sollen sich in diesem Jahr auf mehr als 14 Milliarden Euro belaufen – gut eine Milliarde mehr als im Vorjahr.

Lange vor der Hochsaison suchte eine spürbare Teuerung das Land heim, vor allem im Gastgewerbe. Und Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Das belegen auch die offiziellen Daten des griechischen Statistikamtes Elstat. Im Juni 2017 verzeichnete die griechische Inflationsrate im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat zwar im Schnitt ein Plus von nur einem Prozent. Doch ausgerechnet alle für die Urlaubskasse relevanten Posten sind in die Höhe geschnellt.

Konkret stiegen die Preise in der Kategorie Restaurants, Konditoreien, Cafes, Hotels, Motels und Pensionen im Jahresvergleich um fast zwei Prozent, die Transporte in Hellas verteuerten sich um stattliche 6,9 Prozent, und in der Kategorie alkoholische Getränke und Tabakwaren stiegen sie sogar um sieben Prozent. Zieht man das Referenzjahr 2009 für die Entwicklung der Preise in Griechenland heran, und damit ausgerechnet jenes Jahr, als die desaströse Hellas-Krise ihren Anfang nahm, haben sie sich hierzulande bis zum Juni 2017 um bis zu 45,37 Prozent erhöht.

Der Urlaub in Griechenland ist zu einem teuren Vergnügen geworden, das sich viele Einheimische ohnehin schon lange nicht mehr leisten können. Eine Fahrt mit der Fähre von Piräus nach Lesbos und zurück für eine Familie mit Pkw kostet mittlerweile über 600 Euro. Unterkünfte in den beliebtesten Urlaubszielen sind für einen Durchschnittsverdiener besonders im Juli und August kaum noch bezahlbar. Unter 150 bis 200 Euro ist in Mykonos oder Santorin derzeit kaum eine anständige Bleibe zu haben, pro Nacht wohlgemerkt.

Für die Köche, Kellner, Rezeptionisten oder Zimmermädchen bleibt dennoch nicht viel übrig. Sie schuften in Griechenland in den Urlaubsmonaten für einen Monatslohn von 200, 300 oder allerhöchstens 900 Euro. Sieben Tage die Woche. Unzählige Überstunden sind völlig normal – unbezahlt natürlich. Erst vor wenigen Tagen standen die rund 340 000 Beschäftigten gegen das moderne Sklaventum in der boomenden Reisebranche auf. Die Tourismus- und Gastronomie-Gewerkschaften hatten zu einem landesweiten Streik aufgerufen, um auf die miserablen Zustände in der Branche aufmerksam zu machen.