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Ein gefährdetes Paradies in Tharandt

Der Forstbotanische Garten erlebt in diesen Herbstwochen eine Besucher-Hoch-Zeit - und bleibt länger geöffnet. Trotzdem plagen den Kustos Sorgen.

Von Gabriele Fleischer
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Fast täglich nutzt Ulrich Pietzarka die Treppe in den Altbestand des Forstbotanischen Gartens Tharandt. Der Kustos freut sich am Artenreichtum und macht sich Sorgen um den Erhalt.
Fast täglich nutzt Ulrich Pietzarka die Treppe in den Altbestand des Forstbotanischen Gartens Tharandt. Der Kustos freut sich am Artenreichtum und macht sich Sorgen um den Erhalt. © Daniel Schäfer

Der Wind rauscht durch die Blätter, die sich immer noch zur Wehr setzen. Überall leuchten sie an den Hängen des Forstbotanischen Gartens Tharandt in Gelb- und Rottönen.

Ulrich Pietzarka, der wissenschaftliche Leiter des 35 Hektar großen Areals, freut sich über die Herbstsonne und die zahlreichen Besucher, die die steilen Wege zu den Pflanzen, Bäumen und Büschen hinaufsteigen.

Selbst die Pandemie hätte kaum Rückgänge gebracht, da der Garten im Winter ohnehin geschlossen ist. Zwei Monate später sei in diesem Jahr geöffnet worden, anstatt im April also erst im Juni. Pietzarka spricht von 100.000 Besuchern zum Saisonschluss und 83 angemeldeten Führungen, etwa 20.000 Besucher weniger als 2020. Für ihn kein Grund zur Klage.

3.200 winterharte Gehölze werden gehütet

Gerade jetzt in den Herbstferien würden viele im Altbestand und im Nordamerika-Teil spazieren gehen – zu einer schönen Aussicht ins Weißeritztal – und, um die Pappeln, Eichen, Esskastanien, Tulpenbäume und all die anderen Pflanzen zu bewundern.

Auch wenn Blüten um diese Jahreszeit kaum noch zu finden sind, die Herbstfärbung versöhnt und lohnt einen Rundgang durch diese Anlage der TU Dresden, die gleichzeitig sächsisches Landesarboretum ist, also eine Sammlung seltener, zum Teil exotischer Pflanzen. Kustos Pietzarka spricht von 3.200 sogenannter verschiedener Sippen winterharter Gehölze. Grund zur Freude über einen solchen Reichtum.

Trotzdem hat der Wissenschaftler, der auch an der Fakultät Umweltwissenschaften der TU lehrt, mit großen Problemen zu kämpfen. Pietzarka zeigt auf braune Tannenspitzen, abgestorbene Äste und Schäden an der Rinde. Hier am Oberhang nahe des Zeisigsteins erwischte es Buchen und Kiefern. Der jüngste Sturm hat mit einem abgestorbenen Ast leichtes Spiel gehabt.

200 Bäume mussten 2020 gefällt werden

„Drei Trocken- und Hitzejahre haben vor allem den älteren Beständen zugesetzt. Dazu kommt der Borkenkäferbefall“, sagt der promovierte Forstwissenschaftler. Weniger betroffen ist der Nordamerika-Bereich auf der anderen Seite des Tales, der erst 2003 angelegt wurde.

Gerade die Buchen sind für Sonnenbrand sehr empfänglich. „Sind die Bäume geschädigt, dringen Pilze schnell in die Rinde ein", sagt der Kustos. Selbst dieses bei den Niederschlägen ausgeglichene Jahr konnte gerade ältere Pflanzen nicht mehr retten. An die 200 Bäume hätten im vergangenen Jahr gefällt werden müssen, und in der nächsten Wintersaison kämen wieder einige hinzu. Und wie ist es mit dem Ersatz?

„Schwierig“, sagt Pietzarka. Denn die Pflanzen, die aus der ganzen Welt hier zusammengetragen sind, seien nicht einfach so ersetzbar. Hinzu kämen strengere Regeln der Europäischen Union für Saatgutimporte, die dadurch fast unmöglich werden.

Die große Vielfalt ist ein Plus für die Sammlung

Der Kustos der Sammlung möchte trotzdem die Vielfalt erhalten, mit anderen Botanischen Gärten eine Lockerung bei den Importen durchsetzen und weiter überall nach Saatgut forschen.

Denn die große Auswahl an Pflanzen zeichnet den Garten seit seiner Gründung 1811 durch Johann Heinrich Cotta, dem wohl bedeutendsten Forstmann der Region, aus.

Ein Vorteil bei Schäden, von denen nur einige Baumarten befallen sind. „Dann gibt es zumindest nicht solche Kahlschläge, wie sie in sächsischen Waldgebieten zu sehen sind, weil immer nur bestimmte Arten von Schädlingen befallen sind“, so Pietzarka.

Gemeinsam mit seinen sieben Gärtnern wird er allerdings bei Nachpflanzungen auf eine andere Lage achten, um Sträuchern und Bäumen etwas den Hitzestress zu nehmen. Manche würden besser im Schatten gedeihen, andere brauchen mehr Sonne. Da hätte man in den letzten 200 Jahren schon dazugelernt. Forstbotanische Untersuchungen würden auch immer neue Erkenntnisse bringen.

Klimaentwicklung schadet Nordmanntanne

Und so ist nach den Worten von Ulrich Pietzarka inzwischen klar, dass unter den Tharandter Beständen die Colorado-Tanne und die Kalifornische Flußzeder, aber auch die zweifarbige Eiche aus den USA besonders anpassungsfähig sind.

Weniger geeignet für die Klimaentwicklung der vergangenen Jahre in den hiesigen Breiten sind dagegen die Nikko-Tanne aus Japan, die Nordmanntanne und wegen des Borkenkäferbefalls die Fichten.

Aber solche Forschungsergebnisse lasse eben nur ein artenreicher Garten zu. Pietzarka zeigt auf eine Baumreihe, um die er sich besondere Sorgen macht. „Etwa 20 Bäume hegen und pflegen wir hier, die einst zu Cottas Zeiten gepflanzt wurden: Esskastanien, Eichen, Tulpenbaum. Es ist wie bei den Menschen, Ältere sind gegenüber Krankheiten und Stresssituationen besonders anfällig.“

Die ältesten Schätze im Forstbotanischen Garten von Tharandt. Sie stammen noch aus der Gründungszeit von 1811 und werden besonders gehegt. Regelmäßig werden sie auf Schäden untersucht.
Die ältesten Schätze im Forstbotanischen Garten von Tharandt. Sie stammen noch aus der Gründungszeit von 1811 und werden besonders gehegt. Regelmäßig werden sie auf Schäden untersucht. © Daniel Schäfer

200 Jahre alte Bäume stehen unter besonderem Schutz

Und so würden die Bäume regelmäßig untersucht. Pietzarka zeigt auf blaue Punkte an einer Esskastanie. „Hier haben wir die Standfestigkeit mittels Schalltomografie untersuchen lassen.“ Die gebe Aufschluss darüber, ob ein Baum hohl und wie der innere Zustand insgesamt sei. Noch halten die Altersveteranen, aber Pietzarka und seine Mitarbeiter sind wachsam.

Vielfältige Studien können hier im Forstbotanischen Garten auch Studenten betreiben, an Zuwachs, Frucht- und Blütenständen oder auch zum Wasserbedarf und zur Baumpflege forschen. Und auf eines ist Ulrich Pietzarka, der seit 1995 die Geschicke des Forstbotanischen Gartens leitet, besonders stolz. Im nächsten Jahr werden hier 25 Jahre Umweltbildung gefeiert. Dafür soll es am 1. Juni zum Internationalen Kindertag ein besonderes Fest geben. Viele Schulklassen würden hier im Schweizer Haus, wo sich einst der erste Hörsaal für die Forstbotanische Ausbildung in Tharandt befand, und natürlich an der frischen Luft überall im Garten Projekttage verbringen.

Bäume an einer exponierten Stelle im Forstbotanischen Garten sind den Gefahren durch Hitze und Trockenheit besonders ausgesetzt.
Bäume an einer exponierten Stelle im Forstbotanischen Garten sind den Gefahren durch Hitze und Trockenheit besonders ausgesetzt. © Daniel Schäfer

Um den Nachwuchs für die Umwelt sensibel zu machen, werde die Einrichtung an diesen Angeboten und Führungen festhalten. Auf dem Weg zu seinem Büro am Rand des Forstbotanischen Gartens, zu dem sich übrigens nicht nur in Tharandt, sondern auch im Kurort Hartha und im Tharandter Wald Zugänge befinden, hat der Kustos dann noch eine freudige Nachricht. Aufgrund des anhaltend schönen Herbstwetters hätte man sich entschieden, den Forstbotanischen Garten bis zum 7. November und damit eine Woche länger offen zu halten, täglich 8 bis 17 Uhr.