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Tierisch umstritten

Der Höckendorfer Tiergarten ist ein Publikumsmagnet. Doch er kostet Klingenberg auch viel Geld. Daran entzündet sich nun Kritik.

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© Andreas Weihs

Von Jane Jannke

Höckendorf. Taufeuchte Koppeln und Panoramablick weit ins Erzgebirge hinein: Der Tiergarten auf dem Höckendorfer Schenkberg zieht längst nicht nur Gäste aus der Stadt an. An diesem Spätsommermorgen wandeln vor allem Muttis mit Kindern aus dem Dorf zwischen den Gehegen mit den Zebus, den Ponys und den Sattelschweinen. Ein Kleinod hat sich Höckendorf hier bewahrt – auch über die Fusion mit Pretzschendorf 2012 hinaus. Doch genau dieses Kleinod steht seit geraumer Zeit in der Diskussion. Anlass bieten vor allem der hohe Zuschussbedarf und das für viele Räte wenig durchschaubare Abrechnungsprozedere zwischen Gemeinde und Tiergartenverein. Geführt wird der seit gut drei Jahren von Lars Furkert, selbst Landwirt und noch viel länger Mitglied der „Tiergartenfamilie“, wie der 42-Jährige die rund 30 ständigen Vereinsmitglieder nennt. Den Hut auf in dieser Familie hat aber Mutter Gemeinde, vertreten durch Bürgermeister Torsten Schreckenbach, der im Vorstand sitzt. Ohne ihre großzügigen Zuwendungen wäre am Schenkberg vermutlich schon längst das letzte Tier verkauft. „Wir wollen nicht jammern, aber es ist hart, den Betrieb am Laufen zu halten“, bekennt Furkert.

„Wir verschweigen nichts“, sagt Tiergartenchef Lars Furkert.
„Wir verschweigen nichts“, sagt Tiergartenchef Lars Furkert. © Andreas Weihs

Selbst konnte sich der Tiergarten noch nie tragen. Stattdessen ist er angewiesen auf Spenden, Sponsoren und – die Gemeinde. Mit insgesamt rund 27 000 Euro Zuschuss plant die für 2016. Das Geld dafür stammt aus der 2015 neu aufgestellten Vereinsförderung. Der Hauptgrund für die hohe Summe steht in Arbeitsschuhen, von denen sich bereits die Sohle löst, am Gatter der Zebu-Weide und zeigt auf Gisbert. Das Kalb ist Tierpfleger Frank Stübs‘ erstes großes „Projekt“, als er im November 2015 die Stelle als Tierpfleger antritt. Heute ist Gisbert mit dem blütenweißen Fell sein ganzer Stolz. Mutter Gisela ist schon 17 und soll ihr Gnadenbrot im Tiergarten bekommen, als sich plötzlich Nachwuchs ankündigt. Stübs ist bei der Geburt dabei, leidet mit – und füttert Milch zu, die Lars Furkert vom eigenen Hof heranschafft. Gisbert kommt durch.

Vormittags und nachmittags steht Frank Stübs auf den Koppeln – manchmal sieben Tage in der Woche, ohne große Technik, in verschlissener Arbeitskleidung. Dazwischen versorgt er seinen eigenen Hof mit Enten, Gänsen, Schweinen und einer Kuh. Bei Frost muss er das Wasser für die Tiere auf der 4,5 Hektar großen Anlage in Eimern herantragen. Im Sommer macht er zusätzlich das Heu. Für all das bekommt Stübs den Mindestlohn – 1 500 Euro brutto im Monat. Wegen der Personalie soll sich am 18. Oktober auf Wunsch mehrerer Gemeinderäte der Verwaltungsausschuss mit dem Tiergarten und seinen Finanzen befassen. Dabei schloss man ausdrücklich die Frage nach dem künftigen Weg des Vereins mit ein. Wie er sich dabei fühlt? Tiere seien sein Leben, sagt Frank Stübs leise. „Ich bin aber kein Rentner. Nur von einem Minijob leben kann ich nicht.“

Das sieht wohl auch jeder in der Gemeinde ein – trotzdem gibt es immer wieder Gesprächsbedarf wegen der üppigen Unterstützung. Anderen Vereinen müsse man Rechenschaft ablegen, wenn man deren Förderanträge abweise, während man dem Tiergarten solche Summen zahle – ohne zu wissen, was davon tatsächlich wofür gebraucht werde, so die Kritik. „Verwirrend“ sei die Bilanz des Vereins, „undurchsichtig“ die Aufschlüsselung der erhaltenen Mittel und der tatsächlich angefallenen Kosten, heißt es. Für die größte Aufregung sorgte ein nachträglich gemeldeter Eingliederungszuschuss des Jobcenters für das Jahr 2015, der in einer früheren Aufstellung noch nicht aufgetaucht war.

„Wir sind alle keine Finanzer“, weist Lars Furkert die Kritik zurück. Dennoch mache man die Abrechnung so korrekt und transparent wie möglich. „Wir haben nichts verschwiegen.“ Natürlich könne man Mittel erst dann abrechnen, wenn sie tatsächlich geflossen seien. Das sei in der Regel nicht zum Jahresbeginn der Fall, wenn man die Förderung bei der Gemeinde beantrage. „Wir können alles mit Rechnungen belegen, die Gemeinde sitzt im Vorstand – welche Sicherheiten braucht es denn noch?“, so der 42-Jährige.

Zumal die Aufwände für den Tiergarten nicht erst mit Frank Stübs in die Höhe schnellten. Bereits sein Vorgänger Knuth Wenzel besetzte eine Vollzeitstelle. Die von der Gemeinde bewilligten Mittel für 2015 beliefen sich auf insgesamt 29 000 Euro. 20 000 davon benötigte der Verein tatsächlich, 9 000 flossen nach der Abrechnung zurück. Dennoch: Die Verunsicherung bei einigen Räten bleibt. „Deshalb wollen wir die Zahlen im Ausschuss noch einmal jedem verständlich aufschlüsseln“, so Carlo Schütze, Leiter Finanzen. Schon jetzt weiß Lars Furkert, dass die Lohnkosten für Frank Stübs zu Jahresbeginn mit dem Mindestlohn wieder steigen werden. „Aber Herr Stübs ist mehr wert als der Mindestlohn“, sagt er. Er sei sich im Klaren darüber, dass der Tiergarten eine freiwillige Aufgabe sei, dass die Mittel der Gemeinde seit der Fusion knapper seien. Da werde die Verteilung schwieriger. „Aber wir bieten auch viel dafür“, gibt sich Furkert selbstbewusst. Wenig Sinn mache es, die Vereine gegeneinander auszuspielen, von denen jeder einzelne wichtig für die Gemeinde sei.