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Todschick in Seide und Dederon

Wie modisch die Neustädter sind, damit beschäftigt sich eine neue Schau im Stadtmuseum. Dabei wird es auch schlüpfrig.

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© Dirk Zschiedrich

Von Katarina Gust

Neustadt. Was trug die Damenwelt in Neustadt um die Jahrhundertwende? Untenrum auf jeden Fall eng taillierte Kleider. Obenrum auf jeden Fall Hut. Verziert mit bunten Blumen und breiter Krempe ist der Hut um 1900 herum unverzichtbar im Kleiderschrank einer Frau. Genau wie die Dederonschürze ein paar Jahrzehnte später. Auch sie war einmal in. Und erlebt gerade eine Renaissance. Das Stadtmuseum in Neustadt hat etliche Dederonschürzen herausgekramt und darum eine neue Sonderausstellung gebastelt. „Gut behütet – die Mode der Neustädter“ heißt der Titel der Sonderschau, die nicht nur auf die Klamotten schaut, sondern auch einen Blick darunter wagt.

Eine eigene Unterwäsche-Ecke gibt es nämlich auch. An einer Leine baumeln lange Unterhemden, die sich die Frauen früher salopp zwischen die Beine geklemmt haben. Denn Schlüpfer kamen erst später in Mode. Der Vorläufer war eine Art Body. Ein langes Baumwollhemd, das im Schritt mit Knöpfen versehen war. Hinter Glas ist zudem ein Korsett zu sehen, mit dem sich manche Frau eine schmalere Taille gezaubert hat. Lange Metallstäbe und derbes Leinen sorgten für den nötigen Halt. Die Beine steckten die Frauen schon vor über 100 Jahren in feine Seidenstrümpfe. Das Exemplar, das Museumsleiterin Ulrike Hentzschel im Magazin gefunden hat, war wohl etliche Jahre im Einsatz. Das verraten die vielen Stopfmuster an der Ferse.

„Wir haben vor zwei Jahren unser Magazin umgeräumt. Dabei sind wir auf extrem viele historische Kleidungsstücke gestoßen“, erzählt die Museumschefin. Manche Sachen lagen lieblos in Bananenkisten. Und waren dennoch so gut erhalten, dass Ulrike Hentzschel die Idee für eine Sonderausstellung kam. Alles, was im Museum gezeigt wird, stammt aus dem Bestand des Museums. Zum Beispiel ein dunkelgrünes Chiffonkleid von 1900, das aus dem Nachlass der Unternehmerfamilie Clauß stammt. Sie besaß einst eine Kunstblumenfabrik an der Dr.-Wilhelm-Külz-Straße in Neustadt. Auch Fotos gehören zum Fundus. Zum Beispiel ein Bild vom Kaufhaus Moeck, das sich bis 1945 an der Böhmischen Straße befand. Auf zwei Etagen konnten sich die Neustädter hier einkleiden und auch Haushaltwaren kaufen.

Da viele der Klamotten nicht datiert wurden, konnten die Museumsmitarbeiter nur anhand von Schnitt und Material entscheiden, in welchem Jahrzehnt das Kleid oder der Anzug getragen wurden. „Die normale Bevölkerung hat ihre Sachen viel länger behalten als gut Betuchte“, sagt Hentzschel. Sie konnten sich eher neue Kleider leisten. Schneider und Hutmacher gab es zuhauf. 1930 waren in Neustadt 26 Schneider und 19 Schneiderinnen tätig, zudem zwei Hutmacher. Heute lässt sich die Zahl der Modegeschäfte an einer einzigen Hand abzählen.

Der größte Schatz des Museums sind jedoch weder Kleid noch Hut. Es sind ein paar Schuhe. Sie wurden um 1780 gefertigt und stammen damit aus dem Spätbarock beziehungsweise Rokoko. Die flachen Schuhe mit der spitzen Kappe ähneln heutigen Ballerinas. Sie sind mit blauer Seide bezogen. „Damals hat man noch nicht zwischen linkem und rechtem Schuh unterschieden“, erklärt Ulrike Hentzschel. Sie sind identisch.

Die Sonderausstellung „Gut behütet – Die Mode der Neustädter“ läuft bis zum 31. Juli.