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Traum vom Zittauer Wohngebiet für Jung und Alt

Christine Schneiders will vorsorgen und barrierefrei bauen. Wenn sich Mitstreiter finden, dann nicht nur für sich.

© www.foto-sampedro.de

Von Mario Heinke

Zittau. Christine Schneider lebt im eigenen Haus, das auf einem großen Grundstück in Oybin steht. Die 59-Jährige ist fit, gesund und führt ein selbstbestimmtes Leben. Immer öfter denkt sie jedoch über die Zukunft nach. „Hilfe, ich werde alt, das Haus ist zu groß und die Kinder sind weg“, so bringt die Oybinerin ihre Sorgen auf den Punkt. Vor sieben Jahren verstarb ihr Mann. Sie erinnert sich noch genau daran, wie er krankheitsbedingt von einem Tag auf den anderen nicht mehr ohne Hilfe in das Obergeschoss des Hauses gelangte. Gefangen im eigenen Haus – ein Schicksal, von dem viele ältere Menschen betroffen sind, weil die Wohnung nicht mit einem Fahrstuhl erreichbar, ist. „Welche Wahl habe ich, wenn ich mich nicht mehr selbst versorgen kann“, fragt die Oybinerin.

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Ausreichend barrierefreie Wohnmöglichkeiten sollen künftig die stationäre Unterbringung in Alten- und Pflegeheimen weitestgehend vermeiden, so lautet die Zielstellung des wohnpolitischen Konzeptes „Wohnen in Sachsen bis 2020“. Sucht man jedoch nach barrierefreien oder -armen Wohnformen in der Region, sieht die Lage düster aus. Die hiesigen Großvermieter können nicht genügend Fahrstühle in ihren Mietshäusern nachrüsten, weil die finanziellen Aufwendungen sie nach eigenen Angaben überfordern und die Fördermittelpolitik des Freistaats die Spezifik der Region nicht genügend berücksichtigt. Der demografische Wandel, von dem der Landkreis noch härter betroffen ist als andere, wird die Problematik noch verschärfen, sagt die promovierte Ökonomin und ergänzt: „Schon jetzt vereinsamen alte Menschen in ihren vier Wänden.“

Aus den Gesprächen mit Leuten, die im Zittauer Gebirge wohnen, weiß Christine Schneider inzwischen, dass viele Menschen dieselben Probleme haben, wie sie selbst: Haus zu groß, Kindern weggezogen. „Es werden immer mehr“, sagt die Oybinerin und fügt entschlossen hinzu: „Da bleibt nur die Eigeninitiative.“ Deshalb will sie das viel zu große Haus in Oybin jetzt verkaufen. Kleiner soll das neue Heim sein, weniger Räume, ohne Treppen, an einem zentral gelegenen Ort, von dem aus sie alles Notwendige zu Fuß erreichen kann, denn irgendwann wird sie auch nicht mehr Auto fahren können.

Ein kleines Grundstück, mitten in Zittau in der zweiten Reihe der Dornspachstraße, ist bereits gefunden. Dort will Frau Schneider ein Modulhaus in Fertigbauweise innerhalb weniger Tage errichten lassen. Äußerst kostengünstig, energieeffizient und ökologisch. Das schnörkellose Modulhaus fand sie im Internet, der Grundriss kann individuell auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Das Musterhaus des deutschen Anbieters in Berlin, der die Häuser in Polen fertigen lässt, überzeugte die Oybinerin vollends. Das Haus ist die ideale Lösung, um bis ins hohe Alter in den eigenen vier Wänden leben zu können, davon ist Christine Schneider überzeugt und sagt: „Ich kann so sicher noch zehn, 20 oder mehr Jahre selbstbestimmt leben.“

Inzwischen träumt sie von einem ganzen Wohngebiet, in dem Familien mit Kindern und alte Menschen nebeneinander leben und einander helfen. Findet sich geeignetes Bauland für so ein Projekt in Zittau, würde sie ihren Neubau als Musterhaus für Interessenten öffnen. Erste Gespräche mit einem Immobilienentwickler und der Stadtverwaltung sind geführt, sagt Christine Schneider. Sie möchte ähnlich denkende Bürger, Sachverständige, Mitstreiter auch aus den Ämtern um sich sammeln und zu einer Gesprächsrunde zum Thema generationsübergreifendes und barrierefreies Wohnen in Zittau einladen. Interessenten können per E-Mail Kontakt aufnehmen, sagt Frau Schneider.

Derzeit liegt eine Bauvoranfrage für das Modulfertighaus beim Bauamt der Stadtverwaltung Zittau vor. Frau Schneider befürchtet nach den ersten Gesprächen im Amt, dass es unter Umständen Probleme wegen des Haustyps geben könnte. Der Blick des Amtes sei konsequent ins Gesetzbuch gerichtet und vor lauter Paragrafen und retrospektiver Dienstbeflissenheit, sieht man gar nicht die Spielräume, die sich durch die Weiterentwicklung und die laufende Rechtssprechung eröffnen, merkt sie skeptisch an und wünscht sich mehr Zukunftsoffenheit und fortschrittliches Denken von der Verwaltung.

Wird die Bauvoranfrage positiv beschieden, will sie sofort loslegen und bauen. Sollte das Modulhaus nicht genehmigt werden, will sie in Widerspruch gehen und kämpfen und nach Kompromissen suchen. Als letztes aller Mittel bliebe wohl nur der Wegzug dahin, wo man die Zeichen der Zeit verstanden habe, den Kindern folgen und der Oberlausitz den Rücken kehren, sagt sie.

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