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Trendforscher warnt vor Folgen von „Skandalisierungs-Kultur“

Matthias Horx vermisst in der Medienlandschaft mehr Arbeit mit Augenmaß. Skandale würden so lange aufgeblasen, bis der Bürger genervt abschaltet.

© dpa

Von Jörn Perske

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Frankfurt/Main. Der Publizist und Zukunftsforscher Matthias Horx (58) warnt vor dem Trend einer immer aufgeregteren Medien-Berichterstattung. „Gerade in den letzten Jahren haben wir eine Eskalation der Erregungs- und Skandalisierungs-Kultur erlebt“, sagte der Leiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Herr Horx, Sie sind Zukunftsforscher und befassen sich mit den Trends von morgen. Welche gesellschaftlichen Phänomene werden die Menschen in Deutschland 2014 verstärkt beschäftigen?

Antwort: Ein wichtiges Thema wird unser Verhältnis zu den Medien. Immer mehr Menschen verstehen, dass die Medien die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern massiv verzerren. Gerade in den letzten Jahren haben wir eine Eskalation der Erregungs- und Skandalisierungs-Kultur erlebt. Die „demografische Katastrophe“, der „Untergang Europas“, die „schlimmste Krise der Weltwirtschaft“, aber auch die Hatz auf einzelne Politiker wie den ehemaligen Bundespräsidenten - alles Anzeichen für eine gefährliche mediale Hysterisierung unserer Kultur.

Frage: Was sind die Folgen?

Antwort: Immer mehr Menschen werden sich aus diesen Erregungskaskaden verabschieden und einfach abschalten. Damit zusammen hängt auch der Trend zur „Digitalen Revision“. Wir werden in den nächsten Jahren die Segnungen des digitalen Zeitalters zunehmend kritisch hinterfragen. Müssen wir wirklich ständig online und erreichbar sein? Muss jeder seinen Meinungssenf ins Netz kippen?

Frage: Welche Themen sehen Sie darüber hinaus?

Antwort: „Uralte neue“ Themen werden uns wieder beschäftigen. Die Frauenfrage etwa. Die Emanzipation in Deutschland ist auf halbem Wege steckengeblieben. Jetzt kommt die Frauenquote, und Ursula von der Leyen wird Verteidigungsministerin. Das wird spannend.

Frage: Was steht uns noch bevor?

Antwort: Turbulenzen in der Weltpolitik. Es wird eine Art Wiederkehr des Kalten Krieges geben. Spannungen mit Russland, Spannungen zwischen China und Japan, aber auch überraschende neue Konstellationen wie jetzt die Zusammenarbeit von Westen und Russland in der Iran-Frage. Wir kommen von einer „bipolaren“ Welt in eine „polyzentrische“. Wir werden überraschende Allianzen erleben. Ähnliches gilt auch für die deutsche Politik, wo sich interessante Koalitionen in allen Farbschattierungen ankündigen.

Frage: Naturkatastrophen scheinen sich zu häufen. Doch Lehren werden daraus selten gezogen. Stumpft die Gesellschaft zunehmend ab?

Antwort: Die These, dass sich Umwelt- und Naturkatastrophen häufen, möchte ich bestreiten. Sie werden nur ganz anders medial inszeniert und dramatisiert. Das hat aber auch einen positiven Effekt: Die Empathie mit Menschen in Katastrophengebieten steigt, und damit wird auch die lokale und internationale Hilfe effektiver.

Frage: Leben wir wirklich in einer Welt permanenter Katastrophen?

Antworten: Nein, die Welt ist friedlicher, kontinuierlicher, wohlhabender, sogar stabiler geworden, auch wenn wir das anders wahrnehmen. Unser Hirn kann solche graduellen Verbesserungsprozesse aber nicht verarbeiten. Wir sind Bilder- und Angstwesen. Wenn wir auf einem Bildschirm eine riesige Welle sehen, die auf uns zukommt, dann haben wir immer das Gefühl, es könne uns auch treffen. In Hollywood wurden allein 2013 sechs Weltuntergangs-Blockbuster gedreht.

Frage: In Ihrem Trend Report 2014 sprechen Sie von „Y-Events - Die positiven Überraschungen unserer Zukunft“ - was ist damit gemeint?

Antwort: Y-Events sind positive Katastrophen, also Ereignisse oder Ergebnisse, die uns positiv überraschen. Sie sind die Gegen-These zu den sogenannten „X-Events“, den Mega-Katastrophen: Die globale Hungerkatastrophe, das extreme Steigen der Meeresspiegel, die Killer-Seuche, der Zusammenbruch der Demokratie, der Weltkrieg.... Das Ypsilon kann man auch mit „Yes we can“ übersetzen.

Frage: Können Sie Beispiele nennen?

Antwort: Was wäre, wenn trotz des Scheiterns der Klima-Konferenzen der weltweite CO2-Ausstoß ab 2025 wieder sinkt, weil China eine Energiewende hinbekommt und Erneuerbare Energien immer preiswerter und effektiver werden? Was wäre, wenn wir es schaffen würden, den Hunger weltweit immer weiter zurückzudrängen? Das Erstaunliche ist, dass diese Entwicklungen viel wahrscheinlicher sind, als wir denken.

Frage: Zuweilen werden Katastrophen auch ausgeschlachtet...

Antwort: Untergang ist einfach ein klasse Geschäftsmodell, man kann die Ängste der Menschen ausnutzen. Unter dem Motto „Retten Sie ihr Geld vor den kommenden Krisen!“ lässt sich jeder Betrug veranstalten. Wer mit der Angst arbeitet, verdient sich eine goldene Nase. Je sicherer wir leben, desto mehr fürchten wir uns. Wir nennen das auch den „Fahrstuhl-Effekt“- beim Nach-Oben-Fahren wird uns schwindelig.

Frage: Schwindelig wird womöglich auch manch einem beim Gedanken an soziale Netzwerke. Wie entwickelt sich der Hype um Facebook, Twitter und Co. in naher Zukunft? Welche Probleme können daraus erwachsen?

Antwort: Die Nutzungszahlen bei Facebook gehen in vielen westlichen Ländern deutlich zurück, weil dieses Medium massive Schattenseiten hat. In den USA gilt Facebook heute bei vielen Jugendlichen schon wieder als uncool. Und die bizarren Exzesse, die aus dem ständigen Posting-Zwang entstanden sind, werden offen diskutiert. Twitter hat seinen Zenit erreicht und ist heute eher ein Medium für die „Boris-Becker-Krankheit“, für einen narzisstischen Mitteilungswahn.

Frage: Sehen Sie einen Trend zur Abkehr?

Antwort: Wir treten in eine Phase der „Digitalen Revision“ ein. Wir fragen uns: Ist das wirklich alles so toll? Ist es sozial, 1000 Freunde zu haben, die man nicht kennt? Muss jeder wissen, was wir auf dem Klo tun? Ich sehe, dass immer mehr Menschen auf „digitaler Diät“ sind. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus Selbsterhaltung.

Frage: Bei welcher Entwicklung haben Sie sich zuletzt getäuscht? Ein gesehener Trend, der dann doch nicht so markant in Erscheinung trat.

Antwort: Nach 20 Jahren Zukunftsforschung hat man einen guten Wissensstand. Den Riecher für das Kommende, versuche ich, stetig zu trainieren - auch durch Irrtümer. Viele der Untergangs-Gerüchte habe ich früher selbst geglaubt und vertreten. Wenn man das Schlimmste behauptet, hört jeder zu - auch wenn es kompletter Unsinn ist.

Zur Person: Horx (58) ist einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der studierte Soziologe arbeitete zunächst als Journalist und eröffnete 1993 mit Peter Wippermann das Trendbüro in Hamburg. Fünf Jahre später gründete er sein Zukunftsinstitut, das mittlerweile in Frankfurt am Main angesiedelt ist. Das rein privatwirtschaftlich organisierte Institut hat 35 Mitarbeiter - mit wachsender Tendenz. Seit 2007 hat Horx auch einen Lehrauftrag zur Trend- und Zukunftsforschung an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee. (dpa)