merken
PLUS Pirna

Auf den Spuren der Moderne in Tschechien

Hans Richters Gebäude stehen in Sachsen wie in Böhmen. Es gibt viel zu entdecken über den Dresdner Architekten.

Claudia Quiring und Martin Krsek taufen die neue Webseite mit Bier symbolisch am Geländer der von Hans Richter gebauten Villa Heller in Ústí nad Labem (Aussig).
Claudia Quiring und Martin Krsek taufen die neue Webseite mit Bier symbolisch am Geländer der von Hans Richter gebauten Villa Heller in Ústí nad Labem (Aussig). © Steffen Neumann

Darius weiß nichts von Hans Richter und moderner Architektur. Er ist in der nahen Kita Hausmeister und Chauffeur, eine Art Mädchen für alles. Und in dieser Funktion kehrt er nun den Hof der Villa am Hang nahe des Stadtzentrums von Ústí nad Labem (Aussig). „Dem Besitzer der Kita gehört auch diese Villa. Sie steht leer und zum Verkauf.“ Mehr weiß der Einwanderer aus Kuba, der schon über 30 Jahre in Ústí lebt, nicht. Er muss nun noch Rasen mähen.

Die ersten Flachdachbauten Nordböhmens

Doch an diesem sonnigen Wochentag kehrt nach langer Zeit mal wieder Leben in die verlassene Villa ein. Als der Garten noch nicht so von Bäumen überwachsen war und das rückseitige Tor nicht so blickdicht verschlossen, erregte der Bau mehr Aufmerksamkeit.1926 für den Kaffeehändler und Immobilienbesitzer Franz Heller erbaut, hatte ihr der Volksmund schnell Namen verliehen: rosa und chinesische Villa waren die eingängigsten, die sich teils bis heute gehalten haben. Rosa wegen der Farbe der Fassade und chinesisch wegen der überstehenden Dachkanten, ein charakteristisches Element für Hans Richters Bauwerke.

Anzeige
Erfrischung für jeden Geschmack
Erfrischung für jeden Geschmack

Mit Armaturen der Firma Quooker fließt das Wasser auf Wunsch heiß, kalt, mit Sprudel oder ohne. Im Küchenzentrum Dresden berät man gern dazu.

Der Architekt ist in Dresden ein Begriff, der vor allem mit der Wohnsiedlung in Trachau verbunden ist, die lange sogar seinen Namen trug. Weitere Wohnhäuser befinden sich in Pieschen. Nach Richters Entwurf wurde ein Wasserturm in Hellerau gebaut.

Richter ist ein wichtiger Vertreter der Moderne in Sachsen. Sein Stil trägt auch deutliche Züge der Neuen Sachlichkeit. In Tschechien ist er aber weitgehend unbekannt.

Jeden Abend die wichtigsten Nachrichten aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in Ihrem Postfach. Hier können Sie sich für unseren kostenlosen Newsletter SOE kompakt anmelden.

Das müsste eigentlich anders sein. Richter ist in Königswalde (heute Království, Stadtteil von Šluknov/Schluckenau) geboren, machte hier seine Ausbildung und sammelte Berufserfahrung, bevor er 1910 zum Architekturstudium nach Dresden ging. „Das Bewusstsein über das deutsche Leben ist mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen“, konstatiert Martin Krsek, Historiker am Stadtmuseum Ústí. Dabei ist Richter der entscheidende Vertreter der Moderne in Nordböhmen. „Die ersten Flachdachbauten setzte er durch, gegen den großen Widerstand der Kommunen“, sagt Krsek. Ein gemeinsames Projekt der Stadtmuseen in Ústí und Dresden hat nun viel Licht ins Leben von Hans Richter gebracht.

Die von Hans Richter gebaute Villa Heller in Ústí nad Labem (Aussig).
Die von Hans Richter gebaute Villa Heller in Ústí nad Labem (Aussig). © Martin Krsek

„Wir wussten bisher sehr wenig“, erklärt Claudia Quiring, Kustodin Baugeschichte und Stadtentwicklung am Stadtmuseum Dresden. Das lag vor allem daran, dass Richters Unterlagen 1945 im Bombenhagel verloren gingen und kein Nachlass existiert. Quiring hatte 2019 im Stadtmuseum die Ausstellung „Dresdner Moderne 1919 – 1933. Neue Ideen für Stadt, Architektur und Menschen“ kuratiert.

Damals zeigte sich die „herausragende Bedeutung Richters für die Region Böhmen/Sachsen“. Quiring entschloss sich, die Forschungen zu Richter fortzusetzen. Den Stein ins Rollen brachte eine Antwort aus dem Stadtmuseum Ústí, die damals just am Tage der Ausstellungseröffnung eintrudelte.

Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]ächsische.de oder [email protected]ächsische.de

Es war der Anfang einer intensiven Zusammenarbeit, für welche die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 20.000 Euro gab. Die Kooperation der beiden Museen funktionierte nach dem Prinzip, dass eine neue Information aus Tschechien auch neue Erkenntnisse auf sächsischer Seite beförderte und wieder andersrum. „Wie ein Ping-Pong-Spiel“, beschreibt es Martin Krsek vom Stadtmuseum Ústí. „Die Kollegen schickten mir die Zeichnung einer interessanten Villa, die in einer zeitgenössischen Zeitschrift abgedruckt war.“ Die Villa sollte in Vilémov (Wölmsdorf) im Schluckenauer Zipfel stehen. Am Ende des Tages, an dem Krsek sich auf den Weg machte, das Bauwerk zu finden, wussten die Forscher nicht um eine, sondern gleich drei Villen, die Richter in Vilémov baute. „Und nicht nur das, es waren auch die ersten.

In Dresden ausgebombt

Obwohl Richter in Sachsen schon etabliert war, griff er für seine ersten Aufträge auf seine böhmischen Kontakte zurück“, sagt Krsek. Es ist nur ein Puzzleteil, aus dem die Forscher das Leben von Richter zusammensetzten. Neu war auch der Fakt, dass Richter 1945 in Dresden ausgebombt, zu seiner Familie in den Schluckenauer Zipfel zurückkehrt. „Aus heutiger Sicht macht das Sinn, für uns weitete sich damit der Blick“, sagt Quiring. So war bekannt, dass Richter von der Gestapo inhaftiert wurde. Nur gab es darüber keine Belege. „Mit dem Wissen um seine Rückkehr nach Böhmen, suchten wir dort und wurden fündig“, sagt Quiring, die nicht nur einmal die gewünschte Info binnen eines Tages aus Ústí bekam. Als Belohnung für die Kleinarbeit fiel den Forschern zu guter Letzt noch ein von Richter verfasster Lebenslauf in die Hände.

Zwei Hans-Richter-Häuser werden noch vermisst

Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist die zweisprachige Webseite Hans Richter - Wegbereiter der Moderne in Sachsen und Böhmen (https://hans-richter.eu/). „Sie soll Richter nicht nur bekannter machen, sondern wir möchten auch zum Reisen anstiften“, sagt Claudia Quiring. Entdecken kann man in Böhmen auf diese Weise wahre Perlen der Industrie- und Wohnarchitektur, die beiden Hauptbetätigungsfelder Richters. Dazu gehört für Quiring unbestritten der sogenannte Glaspalast, die Seiden- und Wirkwarenfabrik Schindler in Krásná Lípa (Schönlinde). Mondäne Villen sind in Krásná Lípa, Varnsdorf (Warnsdorf) und Šluknov zu bewundern. Keine ist öffentlich zugänglich. Der Blick in die Villa Heller in Ústí ist nur eine Ausnahme.

Hans Richter im Frühjahr 1968 in Dresden.
Hans Richter im Frühjahr 1968 in Dresden. © Brigitte Lobers, Architektin (VD

Kustodin Quiring schließt nicht aus, dass in Zukunft weitere Häuser gefunden werden. „Es fehlt noch ein Haus Weber in S. und die Villa von August Klinger in Nixdorf. Vielleicht taucht ja aber auch eine Spur zum Neffen und seinen Nachfahren auf“, hofft Quiring, doch noch den Nachlass zu finden.

Mehr zum Thema Pirna