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Eigentor für Tschechien beim Gendern

Das -ová kann dann mal weg. Tschechien strebt die "Vermännlichung" der Frauen an, zumindest ihrer Namen. Das bringt die Ämter mächtig ins Schwitzen.

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz geht über die Prager Karlsbrücke.
Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz geht über die Prager Karlsbrücke. © Vít Šimánek/CTK/dpa (Archiv)

Der Schmidt schreibt gern lustige Stücke, heißt es in Leserbriefen zur Post aus Prag. Der Schmidt kann aber auch schwere Kost liefern wie diese. Es geht ums heiß diskutierte „Gendern". Mehr Selbstbestimmung und Gleichberechtigung erhofft man sich davon in Deutschland. Durch Sternchen und abenteuerliche Atempausen beim Reden.

In Tschechien „gendert“ man auch, will die Frauen mit einer „Revolution der Sprache“ von der Herrschaft der Männer „befreien“. Tschechische Frauen können sich jetzt offiziell ihres auch in anderen slawischen Sprachen gängigen Suffixes -ová beim Nachnamen entledigen. Womit sie aber dem Geschlecht nach im Vergleich zu bisher leider unkenntlich werden. Das wird vor allem Ämter beim Schriftverkehr ins Schwitzen bringen, weil die nicht mehr wissen, ob sie es mit einer Frau oder einem Mann zu tun haben.

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Meine Nachbarin etwa, paní Horáková, könnte sich künftig wie ihr Mann einfach Horák nennen. Dieses Privileg war bislang nur tschechischen Frauen zugestanden, die einen Ausländer ehelichten.

Das Suffix -ová geht auf die Nachkriegszeit zurück. Nach 1945 wurde es bei weiblichen Namen zu einer Art nationaler Pflicht erhoben. In erster Linie, um alles im Deutschen Übliche auszumerzen. Nicht wenige Deutsche, die nicht aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, tschechisierten danach vorsichtshalber ihre Namen. Aus Herrn Schmidt wurde da pan Šmíd, aus dessen Frau paní Šmídová.

Die Tschechen ihrerseits tschechisieren auch die Namen von Ausländerinnen, was Nicht-Tschechen verwirrt. Die Bundeskanzlerin beispielsweise heißt hier Merkelová, die bis heute bewunderte Ex-Eiskönigin Katarina Witt Wittová. Das wird sich nicht ändern, steckt so in den Köpfen drin. Wie das ganze Gesetz, das dieser Tage von Präsident Miloš Zeman unterzeichnet wurde, umstritten ist.

Nur adjektivische Form, die männliches Substantiv ergänzt

Als einstige Fans von Schul-Grammatik werden Sie den folgenden Erklärungen locker folgen können. Alle anderen atmen jetzt noch einmal tief durch: Also, allein schon das Hauptargument der Befürworter der neuen Namen ist Unfug. Die behaupten nämlich, die Frauen würden durch das -ová zum „Besitz“ ihres Ehemannes „degradiert“. Doch das ist ein Irrtum: Das -ová war nur in einer früheren Form als -ova besitzanzeigend. Diese - jetzt wird es heftig - adjektivische Form zur Ergänzung eines männlichen Substantivs, ohne den Längestrich über dem letzten Buchstaben a, ist bei Namen aber seit ewig nicht mehr üblich. Nur auf alten Friedhöfen findet man diese diskriminierende Form von Frauennamen noch.

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Schlimmer noch: Der jetzt mögliche neue Name meiner Nachbarin - paní Horák - lässt sich de facto nicht deklinieren. Das ist in einer Sprache, die sieben (!) Fälle jeweils in der Einzahl und in der Mehrzahl kennt, keine Kleinigkeit. Die Gegner des neuen Gesetzes, die das Tschechische in seiner jetzigen Form gern bewahren wollen, sind dementsprechend auch entsetzt. Die große Mehrheit der Tschechen lehnt die Neuregelung ab.

Was heißt das für mich? Logisch: Gendern hin oder her: Paní Horáková bleibt für mich paní Horáková.

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