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Diener seiner Kirche

Schon seit 20 Jahren hilft Karl Stein bei der Sanierung eines Gotteshauses in Děčín. Für 2021 steht ein großes Projekt an.

Foto: Steffen Neumann
Foto: Steffen Neumann © Steffen Neumann

Für Karl Stein ist der Gang zur Kirche fast tägliches Ritual. Von seiner Wohnung im Pfarrhaus im Děčíner Vorort Bělá (Biela) in die benachbarte Franz-Xaver-Kirche sind es keine Hundert Meter. Dabei ist Stein nicht der Pfarrer. Den gibt es in der kleinen Kirche schon lange nicht mehr. „Dafür leben hier zu wenige Gläubige“, sagt Stein. „Die Kirche wird vom Pfarrer aus dem Stadtteil Podmokly (Bodenbach) mit verwaltet.“ Stein ist im Pfarrhaus offiziell nur Mieter. Aber eigentlich ist er viel mehr. Wenn er hier nicht leben würde, gäbe es das Pfarrhaus womöglich nicht mehr. Und die Kirche auch nicht.

Der letzte Putz, der sich noch an ihrer Fassade befindet, bröckelt schon bedenklich. Und doch sah das Gotteshaus, als Karl Stein ins benachbarte Pfarrhaus einzog, viel schlimmer aus. „Das Dach war undicht, Teile des Gewölbes drohten einzustürzen, die Bleiglasfenster waren alle eingeschlagen und im Holz steckte der Schwamm“, zählt Stein nur die schwersten Mängel auf. Nachdem die mehrheitlich deutsche Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg aus Děčín (Tetschen) vertrieben worden war, fehlte der Kirche die Gemeinde. Messen fanden keine mehr statt. Dafür diente die Kirche lange als Lager. „Hier wurde die Ausstattung aus anderen Kirchen untergebracht“, erklärt Otto Chmelík, der Leiter der Děčíner Außenstelle des Gebietsarchivs Litoměřice (Leitmeritz). Später stand die Kirche leer und drohte zu verfallen, bis Karl Stein ins Pfarrhaus einzog.

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„Ich sehe nach dem Rechten, läute die Glocken, lüfte und kümmere mich um kleinere Arbeiten“, fasst Stein seine ehrenamtliche Tätigkeit zusammen. Dass er sich um die Kirche kümmert, hat auch mit seiner Herkunft zu tun. Denn aufgewachsen ist er in Varnsdorf (Warnsdorf) in einer rein deutschstämmigen Familie, die als eine der wenigen nach 1945 in Tschechien bleiben durfte. Stein schrieb später die Geschichten Hunderter verbliebener Deutscher auf und sammelte deutschsprachige Flur- und Ortsnamen. Der Erhalt der Kirche in Bělá ist deshalb für ihn eine Herzensangelegenheit.

Vor allem hilft er bei Anträgen für Fördermittel. Denn ohne Geld läuft nichts. Dank Karl Steins Bemühungen konnte in den letzten 20 Jahren die Kirche nach und nach instandgesetzt werden. „Erst wurden das Dach und der Kirchturm renoviert, dann erhielt die Kirche einen Stromanschluss und die Decke wurde teilweise ausgebessert“, zählt er die wichtigsten Arbeiten auf.

Foto: Steffen Neumann
Foto: Steffen Neumann © Steffen Neumann

Restaurierte Bleiglasfenster

Die Gelder beantragt teilweise die Kirchgemeinde, teilweise der Tetschen-Bodenbacher Heimatverein (Děčínsko-podmokelská vlastivědná společnost). Dessen Wirken war jahrelang mit der Erneuerung des Schlosses verbunden.

„In Děčín gibt es leider mehrere Kirchen, deren Zustand kritisch ist. Dass wir uns ausgerechnet um die Franz-Xaver-Kirche kümmern, hat auch mit Karl Stein zu tun, der hier lebt, unser Vereinsmitglied ist und bereits viel für die Kirche getan hat“, sagt Otto Chmelík, der dem Heimatverein vorsteht. Das Kirchlein im spätbarocken Stil wurde vor über 230 Jahren auf Initiative von Kaiser Josef II. gebaut. Davon zeugt noch eine Inschrift über dem Kirchenportal. Die Inneneinrichtung hat für so eine kleine Dorfkirche erstaunlich viel zu bieten, wie der prächtige Altar. Die einst farbenfrohe Ausmalung ist noch zu erahnen.

Ein echter Blickfang sind aber die acht Bleiglasfenster, die seit wenigen Monaten wieder vollständig restauriert sind. „Sie entstanden 1926/27 in der Kunstanstalt Fritz Lucke Gablonz“, sagt Chmelík. In den letzten drei Jahren wurden die Fenster mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, einiger Kleinspender und natürlich des Heimatvereins restauriert.

Foto: Steffen Neumann
Foto: Steffen Neumann © Steffen Neumann

„Das letzte Fenster vorn links mit dem Motiv des Guten Hirten wurde dieses Jahr wieder eingesetzt“, sagt er und erwähnt die besondere Unterstützung durch den Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach der Vertriebenen mit Sitz im süddeutschen Nördlingen. Der Heimatverband hatte sich vor drei Jahren aufgelöst und einen Teil seines Vermögens dem Heimatverein gespendet, um Projekte zur Pflege der deutschen Vergangenheit zu unterstützen. „Wir haben das mit einer Inschrift in dem Fenster gewürdigt, auch um dem Heimatverband zu danken“, so Chmelík. Es sei die einzige öffentliche Würdigung des Wirkens der Vertriebenen in der Stadt.

Kaum sind die Fenster fertig, kommt nun endlich die Fassade dran. Dank der großzügigen Unterstützung des Unternehmers und Vereinsmitglieds Valdemar Grešík, der zudem auch in Bělá wohnt, hat der Verein schon fast die Hälfte des Geldes zusammen. „Wir hoffen auch wieder auf die Unterstützung durch den Zukunftsfonds“, sagt Chmelík. Ob es klappt, steht im Dezember fest.

Vielleicht ja schon am 5. Dezember, dem Tag von Kirchenpatron Franz Xaver. Dann wird gewöhnlich die einzige Messe im Jahr gefeiert. Mit den sporadisch stattfindenden Konzerten sowie der Nacht der Kirchen sind das die wenigen Möglichkeiten, die Kirche zu besichtigen. Ob die Messe auch in diesem Jahr gefeiert werden kann, ist allerdings fraglich angesichts der hohen Zahl von Corona-Infizierten und den deshalb verschärften Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. Seit diesem Mittwoch befindet sich das Land in einem Lockdown. Nur für den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen dürfen die Menschen das Haus noch verlassen.

Die Vorbereitungen zur Sanierung der Fassade werden aber so oder so in Angriff genommen. Die Fertigstellung ist für Ende 2021 geplant. „Es wäre schön, wenn die Patronatsmesse im nächsten Jahr dann schon mit neuer Fassade stattfindet“, sagt Karl Stein voller Hoffnung.

Spendenkonto des Heimatvereins in Decin-Podmokly für die Sanierung der Fassade: Ceskoslovenská obchodní banka (CSOB) IBAN CZ08 0300 0000 0003 1535 8293 BIC CEKOCZPP

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